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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrg. 28 
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„Geben Sie sich keine Mühe“, entgegnete sic kühl, „Vor 
morgen früh werden Sie dieses Haus nicht verlassen!“ 
und zog mit einem Ruck den Seidenvorhang zur Seite. 
Der Varietesaal, auf den das kleine Kabinett mündete, 
war angefüllt mit einer lärmenden, schwatzenden, 
schnapstrinkenden Menge, hauptsächlich Männern. 
Eine verblühte, französische Soubrette stand auf dem 
Podium und bemühte sich vergeblich, den Lärm und 
das Lachen zu überkreischen. In verflossenen, besseren 
Tagen mochte sie ein Stern der Boulevards gewesen 
sein. — Jetzt stand sie, eine traurige und lächerliche 
Erscheinung, auf den holprigen Brettern und sah mit 
starren Augen auf diese lachenden und johlenden 
Menschen, für die sie ein Gegenstand des Spottes war. 
Ihre Stimme, die an den Ton eines zersprungenen 
Blechgefäßes mahnte, wurde immer zaghafter; sie 
schien in diesem Meer von Lärm allmählich immer mehr 
zusammenzuschrumpfen. In ihre leeren Augen trat ein 
deutlicher Ausdruck der Erbitterung; plötzlich brach 
sie ihr Lied mitten im Vers ab; mit einer unflätigen 
Gebärde schleuderte sie ein französisches Schimpfwort 
in den Saal, drehte sich brüsk herum und rannte hinter 
die Kulissen. Die Zuhörer hatten grinsend und lachend 
diesen Wutausbruch beobachtet; nun erhoben sie ein 
gellendes Johlen und Pfeifen, das sie höhnend bis in 
ihre Garderobe verfolgte. 
Auch aus den reservierten Kabinetten drang 
brüllendes Gelächter. „Mais eile etait charmant, n’est- 
ce-pas?“ rief eine helle Frauenstimme; wieder ant 
wortete eine dröhnende Lachsalve. 
Auf dem Podium erschien der Conferencier, um die 
nächste Nummer anzukündigen. Keiner verstand ihn, 
denn das allgemeine Lachen übertönte seine Worte. 
Er machte eine resignierte Verbeugung und trat ab. 
Am Proszenium stieg ein Mann 
auf den Tisch und faselte lallend 
eine betrunkene Rede. Seine 
Tischgenossen gröhlten Beifall. — 
Ein Mädchen mit brandroten ge 
schminkten Wangen kletterte auf 
das Podium und setzte mit den 
ersten Takten eines Cancan ein. 
Ihre Begleiter zogen sie lachend 
herunter und setzten sie auf den 
Tisch. Auf der Galerie klopften 
die Leute rhythmisch den Takt 
an ihren Schnapsgläsern. Ein paar 
betrunkene Kommis zogen eine 
Ziehharmonika und begannen 
einen Krakowiak zu spielen. 
Die Umsitzenden fielen mit ihren 
Stimmen ein; gleichzeitig be 
gannen sie, mit Armen und 
Beinen hin- und herzuschlenkern 
und unter grotesken Verren 
kungen zu hüpfen. Das aus 
gelassene Lärmen schlug in 
brandenden Wellen zur rauchge 
schwärzten Decke empor; dieser 
überfüllte, schlecht gelüftete, 
schreiend geschmacklos deko 
rierte Saal war mit tausend 
Geräuschen erfüllt wie das 
Zwischendeck eines Auswan 
dererschiffes. - 
Das Licht der Rampe flammte 
auf. Das Orchester setzte mit 
einer schwermütigen schwedi 
schen Volksweise ein. Im 
nächsten Augenblick legte sich 
über diese betrunkene Menschen 
menge eine fast andächtige Stille. 
Karen Lundström erschien. 
Karen Lundström, die schwe 
dische Lerche. Hie und da be 
grüßte sie ein unterdrückter Zu 
ruf; einige junge Leute klatschten 
begeistert in die Hände. Fast greifbar schlug ihr diese 
Welle der Bewunderung und der Sympathie entgegen. 
Sie dankte mit einem Lächeln, das den Liebling des 
Publikums verriet. 
Das schmale Rund ihres kleinen Gesichts krönte ein 
griechischer Knoten von einem Haar, das die Farbe des 
reifen Weizens hatte. Um ihre hohe, schlanke Figur 
rieselte in schmeichelnden Falten ein altgriechisches 
Frauengewand. 
Der Gouverneur war aufgesprungen und starrte aus 
lüsternen, kleinen Äuglein verzückt auf ihre Erschei 
nung. Der Polizeimeister folgte seinem Blick; dann 
gab er hinter dem Rücken des Gestrengen seinem Be 
gleiter ein Zeichen. Die beiden erhoben sich. — 
„Wollt ihr gehen?“ fragte der Gouverneur in einem 
Tone, dem man die Befriedigung anhörte. „Gut. Also 
sobald ich das Telegramm erhalte, komme ich auf das 
Gouvernement, vorausgesetzt, daß die Depesche be 
jahend lautet. Wartet bis um zwei Uhr heute Nacht... 
spätestens. War ich bis um zwei Uhr nicht dort, dann 
habt ihr einen Falschen erwischt. Dann laßt ihr ihn auf 
der Stelle frei und bittet ihn um Entschuldigung.“ 
Die beiden nickten, warfen noch einen halb listigen, 
halb demütigen Blick auf ihren Gebieter und schlüpften 
auf den Zehenspitzen aus dem Raum. 
Karen Lundström begann mit ihrer, kleinen, süßen 
Stimme ein schwedisches Volkslied. Eine jene Natur 
weisen, in denen man den Mondschein fühlt, der sich 
plätschernd badet in dunklen Wassern, die zwischen den 
hohen Fjorden dahinströmen.
        
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