Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

32 
Mitte blieb er stehen: „Welch er 
lauchte Runde . und machte eine 
theatralisch-noble Handbewegung 
nach allen Seiten, so etwa, wie man 
grüßend das Rapier senkt. 
Nicht viel über mittelgroß war er, 
mit ausladenden Schultern, sehnig 
und schwingend. Verwegene Züge, 
ein gesunder, bräunlich angehauchter 
Teint, harte graublaue Augen voll 
Keckheit und Unternehmungslust; 
eine geschwungene starke Nase, 
ein trotzig vorspringendes Kinn. 
Quer über die Stirn eine rote Narbe. 
Er bemerkte Mariannchen. „Jo 
hannes Du Barry, mich dem schönen 
Fräulein zu präsentieren. Ein nichts 
nutziger Schlingel, respektlos, frech, 
rauflustig, gefürchtet von seinen 
Feinden, aber geliebt, heiß geliebt 
von seinen Freunden, und der Sklave 
aller schönen Frauen.“ Er beugte 
ritterlich vor Mariannchen ein Knie. 
Sie mußte lachen. ,.Spaßhaft ist 
der“, meinte sie leise. 
La Chatre sagte: „Sehr spaßhaft“ 
und sah dabei mit schiefgezogenen 
Brauen und spöttisch verkniffenem 
Mund Brancas an, der in der Nähe 
stand. 
Du Barry benahm .sich wie jemand, 
der seiner allgemeinen Beliebtheit 
sicher ist und dem es unbegreiflich 
wäre, nicht für den witzigsten Ge 
sellschafter, den unbezwinglichsten 
Charmeur zu gelten. Et schlenderte 
von einem zum andern, drückte hier 
fest und bieder die Hand, gab dort 
einen freundlichen Klaps, erzählte 
dem dritten, recht vernehmlich, eine 
Anekdote, deren Ursprung in der 
Wachtstube flandrischer Dragoner 
zu suchen war. Dann spielte er eine 
Weile. Er stand dabei, warf über die 
Köpfe der andern weg das Geld, 
schleuderte das Gold in die Luft und 
fing es wie ein Jahrmarktskünstler 
auf dem Rücken eines Fingers wie 
der auf. 
„Heute will’s nicht gehen!“ rief er 
schließlich, „ich bin im bittersten 
Verlust.“ Er hatte aber höchstens 
drei Louisdors verloren. — „Ver 
suchen wir’s mit den Frauen!“ Er 
schob mit Gepolter einen Stuhl zu 
Marianne. 
Dann ging ein Schwall von tollen 
Reden auf sie nieder, Artigkeiten 
und Hofgetratsoh und Kriegsge 
schichten, alles durcheinander und 
ohne Zusammenhang, und weder La 
Chatre noch Dolgorucki kamen mehr 
zu Wort. Und Mariannchen fand 
an der Gesellschaft dieses drolligen 
Menschen immerhin mehr Vergnü 
gen als an dem läppisch-zärtlichen 
Getue der beiden Anbeter. Herr Du 
Barry jedoch, der zögerte nicht, den 
jähen Wandel ihrer Laune seiner 
Unterhaltungsgabe und dem wohl 
gefälligen Eindruck seiner Persön 
lichkeit zuzuschreiben. Spielerisch 
und ohne tiefere Absicht hatte er 
begonnen; nun, da auf munternde 
Blicke, aus denen er gar schmeichel 
hafte Versprechungen zu lesen 
meinte, sein leicht entzündliches 
Blut in Wallung brachten, schlug sein 
flüchtiges Hofieren schnell in ernst 
haftes und draufgängerisches Wer 
ben um. Gewandt dämpfte er den 
Ton seiner Stimme, gab seinen Wor 
ten einen deutlichen Doppelsinn, 
redete sich selbst in anwachsende 
Verliebtheit hinein. Von seinen zwei 
Mitbewerbern aber nahm er in bru 
taler Rücksichtslosigkeit überhaupt 
keine Notiz mehr. 
Dolgorucki fiel die stumme Rolle, 
zu der er verurteilt war, weiter nicht 
schwer. Anders La Chatre, der, blaß 
Müanein 
em Wasserbettes garantiert un• 
schädliches Präparat, welche^ 
einem Jiop/rvasser ahn Qltgib t den 
TCaaren allmählich u. unmerklich. 
ihre frühere /ratarfirrie nieder: 
(&■ (Trauen und 771 ärmer mit 
giaicham Orpolgm anroarxdban 
W. SeegerA£.c Co« 
BERLIN-STEGLITZ 4 
DANZIG » WARSCHAU * WIEN 
Überall erhältlich. 
Karton 5 Mk. 
bis in die Lippen, sich noch nicht be 
siegt geben wollte., Brüsk riß er auf 
einmal dem Grafen das Wort 
vom Mund und versuchte, mit er 
hobener Stimme dieAufmerksamkeit 
Mariannes zu erzwingen. 
In den Augen Du Barrys, die an 
sonsten mit dem etwas absichtlichen 
Ausdruck fröhlicher Harmlosigkeit 
in die Welt schauten, flammte es 
bös und tückisch. „Ist das eine Art, 
lieber Freund, einen zu unter 
brechen? . . .“ 
„Ich fürchte, Ihre kriegerischen 
Abenteuer interessieren das Fräulein 
von Vaubernier nicht sehr“, ver 
setzte La Chatre in erzwungener Ge 
lassenheit. 
Du Barry replizierte: „Man darf 
nicht glauben, daß der Krieg allen 
ein so langweiliges und peinliches 
Thema, mein Verehrtester!“ 
La Chatre stand auf und zog sich 
zurück. 
Ob Marianne den Vorfall bemerkt 
hatte? . . . Sie wußte sich der blei 
schweren Müdigkeit, die nach den 
verwirrenden Erlebnissen und den 
vielen neuen, bunten, den Schlaf im 
mer wieder verscheuchenden Ein 
drücken dieser Nacht nun mit un 
aufhaltsamer Gewalt auf sie nieder 
sank, nicht mehr zu erwehren. Sie 
sah die Personen wie durch ferne 
Nebel getrennt, unsicheren Schemen 
gleich, vor sich bewegen, und nur 
als leerer Schall, der keinen Sinn 
mehr barg, schlugen die Worte an ihr 
Ohr. Ein einziger Gedanke wachte 
noch in ihr: schlafen, schlafen . . . 
Erst die Berührung einer Hand 
machte sie wieder ein wenig munter. 
Du Barry fragte: „Ich darf Sie also 
morgen zum Frühstück abholen, zu 
einem Ausflug nach Chantilly? — 
Conde wird entzückt sein.“ 
„Ja, ja“, nickte sie. 
„Der morgige Tag wurde schon 
mir versprochen“, bemerkte ruhig 
Dolgorucki. 
Du Barry gab schneidend zurück: 
„Das muß ein Irrtum sein. Sie hören, 
daß wir uns soeben verabredet 
haben.“ 
,.Fräulein von Vaubernier hat ver 
mutlich im Augenblick nicht daran 
gedacht.“ 
„Vielleicht hat sie nur eine andere 
Wahl getroffen . . .“ 
Dolgorucki wandte sich an Ma 
rianne: ^Entscheiden Sie gefälligst 
selbst.“ 
Marianne wußte nicht gleich, was 
man von ihr wollte. 
„Entscheidung . . . was für Ent 
scheidung? . . .“ Sie zwang sich zu 
einem liebenswürdigen Lächeln. 
Dolgorucki fragte: „Entsinnen Sie 
sich, mir bereits, bevor der Herr 
Graf Sie darum bat, den morgigen 
Tag zugesagt zu haben?“ 
Warum sollte sie Dolgorucki krän 
ken? Sie gab ihm recht, obzwar sie 
sich an gar nichts mehr erinnern 
konnte. 
Dolgorucki meinte: „Sie sehen, 
Graf Du Barry, nur ein Mißver 
ständnis.“ 
„Ich sehe, daß Sie sehr unzart sind, 
und daß Sie Fräulein von Vaubernier 
in Verlegenheit setzen mit Ihren 
plumpen Fragen!“ rief Du Barry, ab 
sichtlich ziemlich laut. 
Man wurde aufmerksam. Aus den 
anstoßenden Räumen strömten die 
Gäste herbei. Es wurde still im Zim 
mer. Ein banges Schweigen bei 
allen. 
Humiere, der schon vor längerer 
Zeit unauffällig aus dem Neben 
zimmer hereingekommen war, sich 
zu den Spielenden gesellt hatte und 
die Gruppe dort im Auge behalten, 
flüsterte Lauzun zu: „Warnen Sie 
Dolgorucki.“ 
Armagnac drängte die Marquise 
hinaus. 
Durch den ungeschlachten Russen, 
bislang so sanft und still, zitterten 
mit einem Schlag Leben und Be 
wegung. Seine Adern an den Schlä 
fen schwollen an, seine Hände 
krampften sich zur Faust — wuchtig 
pflanzte er sich vor Du Barry auf. 
Lauzun näherte sich ihm, aber er 
wird zurückgewiesen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.