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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Aber bevor er erwidern konnte, 
fiel ein anderer Spieler ein, der nur 
mit Anstrengung seine Ungeduld be 
zähmte: „Daß man Staatsgeschäfte 
am Spieltisch erledigt! . . 
„Ganz recht hat Fontaine-Martel“, 
bemerkte Brancas. „Es wäre am 
Ende verzeihlich, wenn man am 
Ministertisch ein Spielchen machte 
— aber hier derlei Nichtigkeiten zu 
erörtern . . .“ 
Fontaine-Martel ignorierte diese 
ironischen Worte. Er schlug auf den 
Tisch: „Noch einmal; zehn auf Rot!“ 
Richelieu wartete einen Augen 
blick. Er nestelte an dem weißen 
Kreuz an seiner Brust. Dann legte 
er ruhig die Karten aus der Hand. 
„Wodurch macht sich das bemerk 
bar?“ fragte er, als Fontaine-Martel 
noch immer nicht den Einsatz 
brachte. 
„Mein Ehrenwort — das genügt 
wohl! . . .“ 
Der Herzog von Richelieu lächelte 
unverschämt: „Haben Sie nichts 
Besseres?“ — 
„Herr Herzog!“ — Fontaine- 
Martel fuhr halb in die Höhe, mit 
wutfunkelnden Augen, die mageren 
kleinen Hände auf den Bord des 
Tisches gestützt. 
Brancas berührte das schmächtige 
Männchen an der Schulter. „Da —“ 
sagte er und schob ihm eine Hand 
voll Goldstücke zu. 
Der Chevalier nahm sich nicht die 
Zeit zu danken. „Vier — fünf — 
sechs — sieben — acht — auf Rot!“ 
Er ließ die Louisdors, einen nach 
dem andern, auf den Tisch fallen. 
Richelieu nickte schmunzelnd und 
griff wieder zu den Karten. Gleich 
darauf rief er: „Schwarz.“ 
Fontaine-Martel sprang auf und 
verschwand im Nebenzimmer. 
Brancas, mit seinem runden, bart 
losen, pfiffig dreisten Komödianten 
gesicht zwinkerte hinter ihm drein. 
* 
Der Baron von Humieres hatte 
Mariannchen in das Boudoir der Mar 
quise geleitet und sie noch schnell 
über den eigentlichen Zweck ihres 
Besuches bei Frau von Duquesnoy 
unterrichtet. Dann hieß er sie sich 
gedulden, bis sie geholt würde. 
Wahrend Marianne still in dem 
niedlichen weißen, ä la chinoise ein 
gerichteten Gemache wartete, er 
zählte drüben der Baron Frau von 
Duquesnoy und Armagnac von 
seiner Begegnung auf dem Opern 
ball. Die lebhafte, zierliche Frau mit 
den jettschwarzen Augen ließ ihn 
kaum ausreden. „Wo steckt sie? 
Kommen Sie! Ich brenne vor Neu 
gierde, das wunderbare Mädchen zu 
sehen, für das der Baron von 
Humieres sich so warm ver 
wendet . . .“ 
Sie gingen zu zweit hinüber ins 
Boudoir. 
Marianne sprang auf. 
Die Marquise lorgnettierte sie. Sie 
trat einen Schritt zurück, wie man 
ein Bild prüfend betrachtet. „O 
ja . . sagte sie und nickte Herrn 
von Humiöres lachend zu. Impulsiv, 
wie sie war, gab sie sich keine Mühe, 
den günstigen Eindruck, den Mari 
anne auf sie machte, vor dieser zu 
verbergen. „O ja, — darüber dürfte 
sich reden lassen . . .“ 
Sie reichte Mariannchen die Hand; 
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, 
mein Kind. Wie leben Sie, was 
sind Sie? Hübsch die Wahrheit, 
bitte!“ 
Mariannchen gab kurze, klare Ant 
wort. Sie fühlte sich zwar befangen, 
aber die heiter liebenswürdige und 
trotz ihrer fünfzig Jahre noch immer 
anmutige Marquise, deren erstes 
Wort außerdem eine schmeichelhafte 
Bestätigung ihrer Schönheit gewesen 
war, hatte schon gewonnenes Spiel. 
„Sie halben einen so beredten Für 
sprecher gefunden, mein Kind, daß 
es eigentlich nicht mehr vieler Worte 
zwischen uns bedarf.“ Sie hielt inne, 
musterte Marianne noch einmal 
durchs Glas. „Ich nehme Sie in 
mein Haus.“ 
Marianne stammelte einen ver 
legenen Dank. Der Baron fragte die 
Marquise; „Wie wollen Sie meinen 
Schützling einführen?“ 
„Ich denke gerade darüber nach.“ 
Sie setzte sich auf eine Couchettc. 
„Wie wär’s, wenn ich sie als ent 
fernte Verwandte vorsteilte?“ Sie 
lachte herzhaft über die verblüfften 
Gesichter. „Natürlich, man wird’s 
nicht glauben. Aber wird jemand so 
unhöflich sein, Zweifel zu äußern?“ 
Dann wandte sie sich zu Marianne 
und fügte mit Nachdruck hinzu: 
„Meine liebe Nichte wird mir doch 
keine Schande machen? Sonst müßte 
sie allerdings gleich wieder ver 
reisen.“ 
Der Baron sagte, daß er die 
Damen nicht länger stören wolle, 
und zog sich zurück. 
„Sie möchten sich vielleicht die 
Haare oder die Toilette richten?“ 
Die Marquise öffnete eine Tapeten 
tür ins Ankleidezimmer. 
In einer Ecke des rosa tapezierten 
Kabinetts, das die süßesten Wohlge 
rüche durchströmten, stand ein 
hoher, von silbernen Putten gehalte 
ner Spiegel und davor ein Tisch mit 
Kämmen und Bürsten, mit elfen- 
beinenen Tiegeln und farbigen Fla 
kons und allerhand Döschen. Dort 
hin mußte sich Marianne setzen, und 
sie begann, sich die Haare zurecht- 
zumaehen, nachdem ihr die Mar 
quise einen Spitzenmantel umgelegt 
hatte. 
Frau von Duquesnoy sah ihr zu. 
„Nicht so. Das Band ist über 
haupt zu breit, es verdeckt ja Ihr 
schönes Haar. Kein Band!“ Sie löste 
geschickt die Seidenschleife, zog 
einige große Nadeln heraus und fuhr 
mit einer weichen Bürste durch die 
welligen Strähnen. Zwei Griffe, und 
sie hatte Marianne die vorteilhafte 
ste Coiffure zurechtgesteckt, und 
ein dunkler, mit Gold eingelegter 
Schildpattkamm am Scheitel rück 
wärts 'hielt allein das Lockenkunst 
werk fest. „In diesem Napf ist das 
Rouge, Sie sind ein wenig blaß.“ 
Marianne mußte sich bekennen, 
daß idie Marquise nicht unrecht 
habe: bleich und welk sah sie aus. 
Kein Wunder, wenn man das Nacht 
wachen nicht gewohnt ist, und von 
der Arbeit des Tages hinter dem 
Ladentisch wird man müde und ab 
gespannt genug. 
Wie man das wohl macht mit der 
Schminke? . . . Aber sie schämte 
sich ihrer Unerfahrenheit, und be 
herzt tauchte sie die Hasenpfote in 
den Topf und legte auf. 
Die Marquise lachte sie unver- 
holen aus: „Ist das nicht zu viel? ..“ 
Und wieder half sie ihr. Ein roter 
Hauch, der sich allmählich in rosig 
gelb verlor, auf die Wangen, blaß- 
rosa die Ohrläppchen, weiß Hals, 
Nacken und Büste; mit einem roten 
parfümierten Stift fuhr sie ihr über 
die Lippen, die Kohle zog die Brauen 
nach, unter die Augen wurde ein 
dunkler bläulicher Schatten gesetzt. 
Und eine kleine Mouche in Halb 
mondform aufs Kinn. 
Als Mariannchen in den Spiegel 
blickte, erkannte sie sich fast nicht 
mehr. Eine frische, blühende junge 
Dame mit großen Augen und feuch 
ten, leuchtenden Lippen lachte ihr 
entgegen. 
„Die Frau Marquise ist so gut .“ 
sagte sie, aus tiefstinnerster Dank 
barkeit heraus, und Frau von 
Duquesnoy konnte es nicht hindern, 
daß das überglückliche Mädchen, 
das soeben die große Lüge der Frau 
gelernt hatte, ihre Hand faßte und 
heiß küßte. — 
Lauzun und Dolgorucfci saßen im 
Gobelinzimmer beim Spiel, und 
zwischen ihnen, mit kluger Absicht, 
Herr von Humieres. Dolgorucki 
hatte ihn mit Fragen nach Mari 
annohen bestürmt. Aber der Baron 
hatte ausweichend geantwortet, und 
Lauzun tröstete den Fürsten; „Wen 
den Sie sich an die Gourdan, mein 
Kammerdiener kennt ihre Adresse.“ 
Die am Tisch, die ihre ganze Auf 
merksamkeit den Karten schenkten, 
wurden der eintretenden Frauen 
rieht gleich gewahr* Die Marquise 
wollte vorüber, und sie standen 
schon in der Tür, als einer aufblickte 
und die andern fragte: „Wer ist 
denn das?“ 
Man drehte sich um, Dolgorucki 
und Lauzun sprangen überrascht 
auf. Doch da hatte sie Herr von 
Humiöres schon 'beide am Arm und 
zog sie nieder. Er legte einen Finger 
auf den Mund und raunte ihnen, 
Aufklärung verheißend, zu: „Spä 
ter!“ 
Die Marquise stellte also dem 
Fräulein von Vaubernier, dem lieben 
Kinde ihrer Cousine, das in Paris
        
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