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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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(3. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
D a wandte Marianne den 
Kopf, ein klein wenig nur, 
wie sie es vom Herzog von 
Lauzun gesehen hatte, und 
sagte über die Achsel: „Fort!“ 
„Ausgezeichnet“, flüsterte ihr Herr 
Humieres belustigt ins Ohr, 
„ausgezeichnet. Immer über 
Bord, was nur mehr un 
nützer Ballast.“ — 
Sie lehnte sich zurück in 
die seidenen Kissen, schloß 
die Augen und legte ihre 
Hand in die des Barons. Und 
während sie selig von dem 
federnden Gefährt sich wie 
gen ließ, gab ihr Humieres 
Aufklärung über das Haus, 
wohin sie fuhren, und über 
seine Besitzerin. Das Mar- 
quisat der Frau von Du- 
quesnoy brauche sie nicht 
zu erschrecken; sein Wap 
pen glänze nicht sonderlich 
blank. Die Marquisin sei die 
Tochter eines ehemals rei 
chen Finanzpächters, der 
sie mit Herrn von Duques- 
noy, einem Abenteurer arger 
Sorte, des klingenden Titels 
wegen verkuppelt habe. 
Allein sein Vermögen habe 
nicht ausgereicht, die tolle 
Lebensführung des Herrn 
Schwiegersohnes zu decken, 
unglückliche Spekulationen 
hätten ihm den Rest ge 
geben, und er sei so arm ge 
storben, wie er einst aus der 
Provinz nach Paris gekom 
men wäre. Und bald nach 
her habe es auch der Mar 
quis vorgezogen, dieser häß 
lichen Welt, die Schuldnern 
gegenüber nun einmal von 
brutaler Unnachsichtigkeit 
ist, Adieu zu sagen, nicht 
gerade zur Trauer der Gat 
tin. Gute Freunde, an denen 
es einer jungen, schönen 
und geistvollen Frau nie und 
nirgends mangle, hätten die 
Marquise über Wasser ge 
halten und ihr geholfen, in 
kennenlernen“, brach der Baron ab, 
während der Portier den Wagen 
schlag aufriß. 
Der Herzog von Richelieu, der im 
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Im Jubelsturm die Glocken trage^ 
Weihnachtendich ins Land hinein. 
Du läßt der Menschheit tiefstes Sehnen 
gestillt in deinem Zauber sein. 
Erinnerungen, längst entschwunden 
im wechselvollen Zeitenlauf, 
im Lichterglanz des Weihnachtsbaumes 
da schlagen sie die Augen auf. 
Da liegt vor uns gleich sel’gen Gärten 
in Duft und Pracht der Kindheit Land / 
aus dem uns mitleidlos das Leben 
mit strengem Richtetppruch verbannt. 
Und wieder seh n wir uns als Kinder 
aufhorchend vor der Türe steh’n 
und nach des Christbaums Lichterfluten 
durch enge Ritzen fiebernd spähn. 
Wie spähten oft nach diesem Lichte 
in harter Fron wir bange aus 
und standen bettelnd vor der Türe, 
doch dunkel blieb das Vaterhaus. 
Mur einmal öffnen sich die Pforten 
einmal im Jahr zur Weihnachtszeit. 
Wir treten ein und träumen wieder 
den Traum verlorener Seligkeit. 
Lothar Sachs 
ihrem 
Haus einen Spielsaal zu etablieren, 
der sich bald großer Beliebtheit er 
freute und zurzeit als der feinsten 
und gesuchtesten einer gelte. Des 
amoureusen Lebens langsam über 
drüssig — sie stehe an die Fünfzig — 
halte sie es seit einigen Jahren mit 
der Treue, als die zärtliche und für 
sorgliche Freundin des betagten 
Grafen von Armagnac, eines schar 
manten Edelmannes der alten 
Schule, der an den intimen Soupers 
des Regenten noch teilgenommen 
habe und auf die neue Zeit etwas 
verächtlich niederschaue . . . „Aber 
Sie werden ihn ja sogleich selbst 
gelben Salon die Bank hielt, warf es 
hin, während er die Karten mischte: 
, J>ie Marquise soll sich heute abend 
wieder schlechter befinden.“ 
Frau von Duquesnoy, vor dem 
Kamin im Gespräch mit Armagnac, 
fing es auf. 
„La Chätre hat mit Dr. Tierce ge 
sprochen. Man gibt der Ärmsten nur 
mehr wenige Tage.“ 
„Nun, wenn die Ärzte dieser An 
sicht sind, ist’s noch immer nicht 
verzweifelt . . .“, meinte Brancas. 
Der Herzog deckte auf: Schwarz. 
Mit lässiger Bewegung strich er 
den Gewinst ein, zahlte er aus. 
Ein Diener reichte dem Herzog 
auf silberner Tasse einen Brief, 
Richelieu schob ihn gleichgültig in 
seinen Ärmel und schlug die Karten. 
„Schwarz.“ 
„Man wartet auf Ant 
wort, Euer Herzoglichen 
Gnaden zu dienen“, be 
merkte der Lakai. 
Richelieu riß das Schrei 
ben auf und überflog ge 
langweilt die Zeilen. 
„Vielleicht, wenn mir’s 
möglich ist, in zwei Stun 
den.“ Und als der Diener 
nicht gleich verstand: „Zum 
Teufel, was willst du denn 
noch — das ist die Ant 
wort!“ Er ging zum Kamin 
und wiarf den Brief in die 
Flammen. 
Man tauschte sprechende 
Blicke. 
„Die armeMontmorency“, 
flüsterte Frau von Duques 
noy. 
Richelieu setzte das früher 
begonnene Gespräch fort: 
„Wie mag es dem Minister 
zumute sein?“ 
„Sie meinen, er fällt, wenn 
Frau von Pompadour, seine 
Protektorin . . .?“ fragte Ar 
magnac mit seiner kleinen 
hohen Stimme. 
Der Herzog, leichthin: 
„Ich hoffe es.“ 
„Vergessen Sie nicht, daß 
seine Frau Schwester zu den 
liebenswürdigsten Diensten 
mit Freuden bereit ist.“ 
„Teuerste Marquise, 
schlechte Dienste werden 
schlecht belohnt.“ 
Brancas machte ein un 
schuldiges Gesicht: „Was 
Sie nur gegen Choiseul 
haben?“ 
Man schmunzelte ringsum. 
Richelieu, der dem Herzog von 
Brancas seine Malicen nicht übel 
nahm, gab mit gefälligem Lächeln 
Auskunft: „Ich liebe ihn nicht. Daß 
man Ihnen davon noch nichts er 
zählt hat? . . .“ 
Der Graf von Armagnac rieb das 
spitze, magere Kinn. „Ich bin dem 
Emporkömmling auch nicht be 
sonders gewogen, Sie wissen es, 
Richelieu — aber er hat Verdienste 
um den Thron und um das Land. 
Es wäre vielleicht schade . . Er 
faßte den Herzog scharf ins Auge: 
„Man sollte nicht zu arg gegen ihn 
intrigieren. 1 
Der Malteser runzelte die Stirn, 
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