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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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lange aber will ich mich in meiner 
Nacktheit unter der Brücke verber 
gen.“ 
Meine kleine Heldin lief, indem 
sie sich tief bückte und möglichst 
das Gras, wo es am höchsten stand, 
aufsuchte, auf die Brücke zu. Als sie 
nun unter die Brücke geklettert war, 
erblickte sie unter derselben einen 
nackten Menschen mit langer Künst 
lermähne. Sie schrie entsetzt auf 
und wurde ohnmächtig. 
Smitschkoff fuhr gleichfalls zu 
sammen. Im ersten Augenblick 
hatte er wirklich geglaubt, eine 
Nymphe vor sich zu haben. 
„Ist es vielleicht gar eine Nixe, die 
mioh holen kommt?“ schoß es ihm 
durch den Kopf. Und diese An 
nahme schmeichelte sichtlich seinem 
Innersten, denn er hatte immer von 
seinem äußeren Menschen eine hohe 
Meinung besessen. „Ist sie 
aber keine Nixe, sondern ein ge 
wöhnlicher Mensch, dann steht man 
vor diesem sonderbaren Aufzuge 
tatsächlich wie vor einem Rätsel. 
Weshalb ist sie denn nur hier, unter 
dieser Brücke?“ 
Während er all diese schwer 
wiegenden Fragen wälzte, kam das 
junge Mädchen allmählich zu sich. 
„Töten sie mich nicht!“ — flehte 
sie. „Ich bin die Prinzessin Bibuloff. 
Fr barmen! — Sie sollen reichlich da 
für belohnt werden! — Ich wollte 
eben nur meinen Angelhaken, der 
sich im Flusse irgendwo festgehakt 
hatte, wieder losmaohen, da hatten 
Diebe meine neuen Kleider, meine 
Schuhe und alias andere gestohlen.“ 
„Gnädigste“, — sagte Smitschkoff 
mit zitternder Stimme. „Und mir 
hat die Bande ebenfalls meine Klei 
der gestohlen. Aber nicht nur das 
allein! Auch das Kolophonium, das 
sich in der Hosentasche befunden 
hatte, ist auf diese Weise zum Teu 
fel!“ 
Alle, die Baß oder Posaune spielen, 
sind schrecklich unbeholfen. Aber 
Smitschkoff bildete darin eine rühm 
liche Ausnahme 
„Gnädigste“, sagte er beschwichti 
gend, „mir fällt etwas ein: Möchten 
Sie sich nicht in den Kasten meines 
Instrumentes legen und den Deckel 
anlegen? Das würde Ihnen meinen 
Anblick ersparen . . .“ 
Nachdem er dies vorgebracht 
hatte, zog er den Baß aus seinem 
Kasten. Sekundenlang schien es ihm, 
daß er — den Kasten für die Zu 
flucht einem Mädchen abtretend — 
seine heilige Kunst profaniere. Aber 
dieser Gedanke schwand schnell. 
Das junge Mädchen zwängte sich in 
den Kasten. Er zog darauf die 
Riemen zusammen und war selig, 
daß die Natur ihn mit solch schar 
fem Verstände ausgezeichnet batte. 
„Jetzt können Sie mich nicht 
sehen“, sagte er befriedigt. „Bleiben 
Sie nur hier ruhig liegen und sorgen 
Sie sich nicht. Ist es erst dunkel ge 
worden, so trage ich Sie in das Haus 
Ihrer Eltern. Mein Instrument kann 
ich ja hernach holen. 
Bei Anbruch der Dunkelheit belud 
sich Smitschkoff mit dem Kasten, in 
dem die süße Last thronte, und 
schritt kräftig der Villa des Fürsten 
Bibuloff zu. Sein Plan war folgen 
der: Zunächst schleicht er sich zur 
erstbesten Hütte und versieht sich 
hier mit Kleidern, dann erst wird er 
weiter wandern . . . 
„Jedes Ding hat doch immer zwei 
Seiten . . denkt er, mit bloßen 
Füßen im Staub der Landstraße 
watend und tief unter der Last sich 
beugend. — „Sicherlich wird der 
Fürst Bibuloff mich für 'die rege An 
teilnahme, die ich an dem Schicksal 
seiner Tochter genommen, königlich 
belohnen.“ 
„Gnädigste, fühlen Sie sich auch 
wohl?“ fragte er mit dem Ton eines 
vollendeten Kavaliers, der etwa seine 
Dame zur Quadrille aufzufordern im 
Begriffe ist. „Erweisen Sie mir, bitte, 
den einzigen Gefallen und machen 
Sie sioh’s in meinem Kasten bequem. 
Tun Sie so, als seien Sie zu Hause!“ 
Plötzlich schien es unserm galan 
ten Smitschkoff, als wenn vor ihm 
undeutlich in der Finsternis ver 
schwimmend, zwei menschliche Ge 
stalten sich bewegten. Nachdem er 
noch einmal genauer hingeschaut 
hatte, gewann er die Überzeugung, 
daß dies tatsächlich keine optische 
Täuschung sei. Es gingen wirklich 
und wahrhaftig zwei Menschen vor 
ihm und hatten sogar noch irgend 
welche Bündel in der Hand . . . 
„Sollten idas vielleicht die Diebe 
sein?“ — schoß es ihm durch den 
Kopf. — „Sie tragen doch irgend 
etwas! — Ha, das sind bestimmt 
unsere Kleider!!!“ 
Smitschkoff legte den Kasten am 
Wegrand nieder und jagte den bei 
den Gestalten nach. 
„Halt!“ — schrie er. — „Halt, 
halt!“ 
Die Gestalten schauten sich um, 
und, die Verfolgung bemerkend, 
setzten sie sich ihrerseits in Trab . . . 
Die Prinzessin hörte noch lange die 
sich ent fernen den, eiligen Schritte 
und den Ruf „Halt!“. Aber allmäh 
lich wurde alles totenstill um sie. 
Smitschkoff verschwendete mit 
der Verfolgung so viel Zeit, daß 
aller Wahrscheinlichkeit nach 
unser junges Mädchen noch lange 
am Wegrand, mitten auf dem Felde, 
hätte liegen können, wenn nicht ein 
glücklicher Zufall sie davon befreit 
hätte. Es begab sich nämlich, daß 
zwei Kollegen Smitschkoffs, der 
Flötist Schutschkoff und der Klari 
nettist Raismachajkin, gerade um 
jene Zeit des Weges kamen. Sie 
waren gleichfalls zum Fürsten Bibu 
loff bestellt. Als eie nun auf den 
Kontralbaßkasten stießen, sahen sie 
sich erstaunt nach allen Seiten um. 
„Ein Kontrabaß!“ — sagte 
Schutschkoff. — „Ja, und sogar der 
Kontrabaß unseres Smitschkoff! — 
— •— Gott, wie kommt denn der nur 
hierher?“ 
„Wahrscheinlich ist unserem 
Smitschkoff irgend etwas zuge 
stoßen“, kam nach einiger Überle 
gung Rasmachajkm zu der Über 
zeugung. — „Entweder hat er sich 
betrunken oder man hat ihn über 
fallen . . . Aber wie dem auch in 
Wirklichkeit sein mag, das Instru 
ment darf man auf keinen Fall hier 
lassen. Wir wollen’s also lieber mit 
nehmen.“ 
Schutschkoff warf den Kasten über 
den Rücken, und die Musiker mar 
schierten weiter. 
„Donnerwetter, ist das ein Ge 
wicht!“ brummte der Flö 
tist den ganzen Weg hindurch. — 
„Für nichts in der Welt wollte ich 
auf solch einem Deiwel spielen! . . .“ 
Als die beiden Musiker endlich 
die Villa des Fürsten erreicht hatten, 
legten sie den Kasten auf den Platz, 
der für das Orchester bestimmt war, 
nieder, sie selbst aber schlenderten 
zum Büfett. 
Man zündete in der Villa gerade 
die Kronleuchter an. Der Verlobte 
der Haustochter, ein Hofrat La- 
keitsch, ein hübscher und äußerst 
sympathischer Beamter aus dem 
Verkehrsministerium, stand in der 
Mitte des Saales und war, die Hände 
in die Taschen vergrabend, mit dem 
Grafen Schalikoff in ein Gespräch 
vertieft. 
„In Neapel“, sagte Lakeitsch, „war 
ich, wissen Sie, persönlich mit einem 
Geiger bekannt, der buchstäblich 
wahne Wunder Ihnen zustande 
brachte. Sie können sich’s kaum ver 
stellen! Denken Sie, auf einem Kon 
trabaß, einem ganz gewöhnlichen 
Kontrabaß, konnte er solche ver 
teufelten Triller ausführen, daß man 
sich einfach an den Kopf faßte! 
Strauß’ Walzer hat er gespielt!“ 
„Aber, nein! — Das ist doch ein 
fach unmöglich!!!“ — wunderte sich 
der Graf. 
„Bestimmt, sage ich Ihnen! — So 
gar Lisztsche Rhapsodien brachte 
er zu Gehör. Wissen Sie, ich lebte 
mit ihm in einer Pension zusammen 
— und eigentlich aus bloßer Lange 
weile — hatte ich eine Lisztsche 
Rhapsodie auf dem Baß von ihm 
spielen gelernt.“ 
„Eine Lisztsche Rhapsodie? . . . 
Himmel! . . . Sie scherzen wohl . . 
„Halten Sie’s für unmöglich?“ — 
lachte Lakeitsch vergnügt auf. „So 
will ich’s Ihnen sogleich beweisen! 
Kommen Sie, bitte, mit an den 
Orabesterplatz!“ 
So lenkten Bräutigam und Graf 
ihre Schritte zum Orohesterplatz. 
Als die den Kontrabaß erwischt 
hatten, fingen sie an, schleunigst die 
Riemen zu lösen . . . Aber . . . All 
mächtiger Himmel! 
Doch jetzt wollen wir, da der 
Leser sich den Ausgang dieser 
musikalischen Debatte selbst aus 
malen kann, zu unserm armen
        
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