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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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S oll ich euch Schanghai beschrei 
ben? Denkt, daß eine Riesenstadt 
mit hunderttausend glühenden 
Lichtern im Sonnenlicht blinzelt, 
daß Autos und Straßenbahnen wie bei 
uns im Lande der Technik und Kälte 
durch die Straßen lärmen, denkt einen 
seidigen, blauen Himmel und an heim 
lichen Vorstadtstraßen zierliche, zer 
brechliche Häuschen mit sanft geschwun 
genen Dächern und weißen Matten im 
Innern, darauf lackbemalte Tischchen 
stehen, kaum höher als ein Schemel. 
Denkt euch auf diesen schwarzen Tisch 
chen mit eingelegten goldenen und roten 
Blumen leiskürrendes, zartes Porzellan, 
darinnen der herbe Tee dampft, und ihr 
habt das alte, traditionelle China, wie 
es sich bis heute erhalten hat mitten 
unter den Riesenbauten westlicher Zivi 
lisation. 
Soll ich euch Yen beschreiben? Jenes 
kleine Mädchen mit den dunklen Man 
delaugen und dem Kindergesicht, mit 
den trippelnden, kleinen Füßen und dem 
knabenhaft ranken Körper? Denkt, daß 
ein letzter Sonnenstrahl vom Himmel 
fiel und in ihr Herz sprang, denkt, daß 
aus dem perlenden Tau blutleuchtender 
Lotosblüten ein Wesen ward voller An 
mut und Süße. Denkt, daß die Schwere 
träumender Seen aus Dämmerung und 
Einsamkeit einen unsichtbaren Mantel 
flocht und ihn um zarte Glieder legte, 
die nun mit unbeschreiblichem Liebreiz 
schattenleichte Tänze tanzen, wenn 
Yen im Teehaus lautlos die Gäste be 
dient. 
O, Mimosa Yen, deine schimmernde 
Schönheit ist wie das Lach,ein Buddhas, 
erdfern und heilig, deine Augen blicken 
in stiller Sanftmut wie warme Sterne in 
dufterfüllten Nächten und dein fein- 
geschwungener Mund singt betörende 
Lieder, wenn immer du sprichst. 
Eile, denn deines Herrn höchster Gast 
ist gekommen, aus hauchdünner Schale 
den Tee zu schlürfen; eile und bediene 
ihn artig und aufmerksam, denn der 
Mandarin ist ein mächtiger Mann und 
cs ist ©ine Ehre für Tsa-Feng, dem du 
dienst, wenn Wei-po, die Leuchte der 
Weisheit, bei ihm zu Gaste ist. 
Siehe, mit wohlgefälligen Blicken 
schaut er iddr nach und sein breiter Mund 
schmunzelt. Er vergißt über deiner 
Haare nachtdunkler Pracht, daß Ma-Mu 
auf weichen Kissen seiner haivt. Er 
vergißt die schöne Ma-Mu, zu deren 
Füßen die Offiziere und Gelehrten 
hocken in stiller Verehrung, vergißt seine 
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MIMOSA YEN 
..i . 
HANS HASSREITER 
kleine Frau, um deren Besitz die hoch- „Sehr schön ist sie, Tsa-Feng.“ 
sten Würdenträger gekämpft haben. Da knickt der Wirt zusammen, aber 
O, Mimosa Yen, um eines Teemäd 
chens willen weiß Wei-po nicht mehr, 
daß die ersten Strahlen der Nacht ihn 
bei Ma-Mu hätten linden sollen. 
Tsa-Feng, der Besitzer des Teehauses 
ist ein höflicher Mann. Wenn du vor 
ihn trittst und deine Rechte bereit ist, 
ihm den blitzenden Dolch in den fei 
sten Bauch zu stoßen — Tsa-Feng wird 
lächeln und dich den Spiegel der Güte 
nennen. Er wird sich tief vor dir ver 
neigen und dich bitten, mit deinem 
untersten Diener zu tun, was du willst. 
Und wenn Tsa-Feng dich haßt, wie ein 
frommer Chinese nur immer den Teufel 
hassen kann, er wird dir entgegeneilen, 
wenn er dich auf der Straße sieht, wird 
deine Hand küssen und deine Leutselig 
keit preisen, wenn du verächtlich nickst 
und ihn nur eines einzigen, kurzen 
Blickes würdigst. 
Wei-Po streichelt sein Doppelkinn und 
schielt zu Tsa-Teng herüber, der mit 
katzenkrummen Buckel sich wieder und 
wieder vor dem Mandarin verbeugt. 
„Dein Teemädchen ist sehr zart, Tsa- 
Feng.“ 
Der Wirt erbleicht, denn wenn ihm 
Yen genommen wird, so wird er nichts 
verdienen. Yen ist der Lockapfel seines 
Hauses, Yen läßt ihn reich werden und 
zaubert hundert Gäste täglich herbei. 
„O ja, gnädigster, Herr, ich bin mit 
ihr zufrieden.“ 
„Dein Teemädchen ist sehr schlank, 
Tsa-Feng.“ 
„Ich weine vor Freude, wenn du mit 
ihr zufrieden bist.“ 
„Dein Teemädchen ist sehr jung, Tsa- 
Feng.“ 
„Ihre Augen senken sich, wenn dein 
gestrenger Blick sie trifft, ihr Herz 
klopft, wenn deine Füße meines Hauses 
ärmliche Schwelle betreten, ihre Hände 
zittern, wenn sie in Demut und Ehr 
furcht den Tee dem Mandarin reicht, 
dessen Name bekannt ist in dem ganzen 
himmlischen Reich der Mitte.“ 
„Dein Teemädchen ist sehr schön, 
Tsa-Feng.“ 
Der Wirt verneigt sich und dreht sich 
wie ein Wurm. Ex will Yen für sich be 
halten, will ihre Schönheit noch reifer 
werden lassen, um ihrer Liehe Knospe in 
heimlichen Stunden dereinst zu pflücken. 
Es klingt ihm wie der Ruf der Todes 
götter vor dem Untergang der Welt in 
den Ohren, als Wei-po sinnend vor sich 
hin sagt: 
lachend richtet er sich auf: 
„Würdige deinen untertänigsten Die 
ner,, hoher Herr, der unverdienten Ehre, 
daß er dir Yen zum Geschenk gibt.“ 
„Ich danke dir, Tsa-Feng, sende sie 
noch heute zu mir.“ 
Der Mandarin war gegangen. Als er 
längst im Gedränge der Straße ent 
schwunden war, verbeugt sich Tsa-Feng 
immer noch. Ein untertäniges Lächeln 
schwebt um seinen Mund. Aber es wird 
zur Fratze, als er sich auf richtet und nach 
Yen ruft. 
Nun ist das Teemädchen in einem 
prächtigen Hause und braucht nieman 
den zu bedienen. Sie hat seidene Ge 
wänder an, auf denen goldgestickte 
Drachen drohen. Aber ihr ist, als 
drückten diese Prachtkleider wie eine 
schwere Last. Sie wagt sich den ganzen 
Tag nicht aus ihrer Stube heraus, denn 
sie hat die heißen Blicke Wei-pos und 
die bösen Augen Ma-Mus gesehen. 
Eines Abends tanzt sie vor dem Man 
darin, und ihre zarten Glieder schweben 
leicht und sanft dahin. Ihre demütigen 
Flände legt sie schüchtern auf die Brust 
und steht vor dem Chinesen. 
O, Mimosa Yen, fühlst du nicht, wie 
dieses Mannes Leidenschaft um deinen 
keuschen Leib wirbt ¥ wie dieser schmal 
bebuschten Augen eindringliche Sprache 
dich betören will? 
Zwei ringgeschmückte, gelbe Hände 
legen sich um deine Schultern, du zärt 
liche Blume, und ziehen dich zu deinem 
Herrn. Zwei wulstige Lippen, du strah 
lende Mondsichel, pressen sich auf 
deinen kleinen Mund. 
Yen flieht in ihr Gemach, und drückt 
sich zitternd an die dünne Mattenwand; 
aber Wei-po ist ihr gefolgt und spricht 
ungeduldige Worte, berauscht das un 
wissende Herz Yens. 
Zwei dunkle Mandelaugen leuchten 
dem Herrn entgegen, der um der Die 
nerin heimlichste Sehnsucht fleht. 
In einer Mädchenseele ist urplötzlich 
das große Gefühl des Weibes wach ge 
worden, das sich geliebt weiß. 
Und Yen weiß kaum, warum sie jetzt 
ihre Arme um einen starken Nacken 
legt, ist sich nicht bewußt, warum ihre 
bebenden Glieder auf einmal trunken 
geworden sind. 
Sie weiß nur, daß in diesem Augen 
blick süße Seeligkedt in ihr ist, und er 
schauert.
        
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