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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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M einer bringt mir kleine Veil- 
chensträußchen für einen Sou, 
aber er wickelt sie in Hundert- 
franks cheine ein. Ist das nicht 
reizend?“ 
„Und meiner bringt mir antike Möbel, 
aber echte. Er behauptet, daß dieses die 
beste Kapitalsanlage sei.“ 
„Mein Freund schenkt mir Pelze. Er 
kauft sie im Sommer. Denn er ist ein 
geriebener kleiner Bursche, der alle 
Winkel und Buden kennt, und nicht eine 
gute Kaufgelegenheit versäumt. So sagt 
er auch: „loh kenne nichts Dümmeres, 
als Geburtstage feiern. Jedesmal, wenn 
ich ein gutes Geschäft erwische, werde 
ich dich daran profitieren lassen. Findest 
du das nicht auch besser?“ 
„Und mein Freund schenkt mir nur 
Aktien und Obligationen. Ich besäße 
bereits ein ungeheures Vermögen, wenn 
ich sie flüssig machen könnte. Aber er 
hat mir erklärt, daß sie Zukunftswerte 
sind. Heute gelten sie hundert Sous 
und in zehn Monaten werden sie ver 
mutlich tausend Frank wert sein. Ich 
habe eine ganze Schublade voll. . . .“ 
Und die junge Fanchon schnitt diese 
Unterhaltung, ohne Ironie, mit den 
Worten ab: 
„Gott, sind die tödlich langweilig! 
Immer nur von Liebe zu sprechen!“ 
Das Gespräch wurde bei Mauprette 
geführt. Und die ganze Unterredung 
über die Großmut ihrer Liebhaber war 
durchweg hervorgerufen worden, daß die 
Hausherrin den sie besuchenden Damen 
ihre Schätze gezeigt hatte. 
„Es macht Leopold einen Heidenspaß, 
mich mit Geschenken zu überhäufen“, 
sagte sie jetzt. 
„Wie es seinem Alter zukommt“, be 
merkte Clemence, die vor Neid platzte. 
„Seinem Alter? Er ist fünfunddreißig 
Jahre alt!“ 
„Möglich, aber er ist gichtleidend.“ 
„Meine Liebe, Ihre Beleidigungen 
treffen mich nicht!“ 
Nach einer darauf folgenden Ausein 
andersetzung entschuldigte Mauprette 
sich, umarmte Clemence und machte den 
sie besuchenden Damen auch weiterhin 
die Honneurs ihres Hauses. Von Natur 
herzensgut, überhäufte sie Fanchon, die 
nicht glücklich war, mit Geschenken, 
welche sie mit so begeisterter Miene in 
Empfang nahm, daß man sich hätte für 
sie plündern können. 
„Nimm doch, mein Kleines! Es ist 
das höchste Glück dieses Mannes, mir 
alle erdenklichen Dinge zu kaufen. Da 
von muß jeder etwas haben.“ 
„Wenn es nur so bleibt“, warf 
Clemence, ©in geflügeltes Wort neu 
prägend, ein. 
Und Mauprette, die so hübsche, 
frische, lachende Mauprette, die eine so 
lässige Art hatte, daß sie immer den An 
schein erweckte, mit irgendeinem rasch 
übergeworlenen Morgenrock bekleidet zu 
sein, — Mauprette, die nicht auf ihre 
Kleider hielt, und auf welcher die 
Kleider nicht richtig hielten, erzählte 
ihren Freundinnen immer mehr von 
voixj 
etmois 
(Autorisierte Übersetzung von Gutti Alsen.J 
ihrem Glücke, ohne zu bemerken, daß 
sie vor Neid blaß wurden. Sie blendete 
sie durch den sie umgebenden ganz 
jungen, fast kindlichen und harmlosen 
Luxus, welcher sich in tausend kost 
baren Spielereien kund gab, in tausend 
unnützen Gegenständen, deren Ge 
brauchsmöglichkeit so geheimnisvoll war, 
daß die andern darob erbleichten, wie 
arme Kinder vor besonders leuchtenden 
Schaufenstern. Es gab auch ganz unvor 
hergesehene Dinge zu schauen, wie zum 
Beispiel: eine Orchidee in einem winzig 
kleinen Gewächshaus, das durch einen 
besonderen Apparat geheizt wurde, und 
die fünfhundert Frank kostete. Fünf 
hundert Frank für ©ine vergängliche, 
zarte Blume, welche aussah, als ob sie 
in ihrem kleinen heißen Gewächshaus 
vor Kälte bebte! Die Damen wurden 
dieses Mal gelb, besonders Clemence. 
„Wir könnten ja bis morgen bleiben, 
wenn du uns alias zeigen wolltest“, 
knirschte sie, „aber wir ziehen es vor, 
wiederzukommen. . . .“ 
Sie war im Begriff sich zurüokzuziehen, 
als sie beim Ahschiedskuß, den sie 
Mauprette gab, eine plötzliche Erleuch 
tung hatte. 
„Mein Kätzchen“, sagte sie, „ich liebe 
dich zu sehr, um dich ohne einen guten 
Rat verlassen zu können. Du gehörst 
nicht zu jenen, welche heute einen 
Freund verlassen, und morgen einen be 
liebigen andern nehmen. Du bist eine 
ernsthafte Person. Du mußt Leopold 
sozusagen eine Gefährtin, eine Frau sein. 
Habe ich nicht recht? Gut. Ich fahre 
fort. Es ist nicht meine Sache, mich in 
Einzelheiten zu mischen, die mich nichts 
angehen. Aber Leopold hat auch kein 
unerschöpfliches Vermögen. Er macht 
Torheiten für dich, das ist klar. Kurz, 
er vergeudet. Du kannst sehr gut auf 
eine Frau hören, >die sechszehn Jahre 
lang mit einem Bankier gelebt hat. 
Glaube mir, ich habe immer wissen 
wollen, wohin ich meine Schritte 
lenkte. Im andern Fall kann leicht eine 
Katastrophe ©intreten und man bleibt 
mit hungrigem Schnabel zurück, glück 
lich, wenn nicht noch andere, ernstere 
Unannehmlichkeiten dazu kommen. Gib 
Leopold gute Ratschläge: lehre ihn den 
Ernst des Lebens.“ 
Und nachlässig fügte sie hinzu: 
„Siehst dn, ich möchte wetten, daß 
er sich nicht einmal seine Ausgaben auf- 
sebreibt. Kaufe ihm doch ein Ausgabe- 
buch.“ 
„Walch’ abgeschmackter Gedanke!“ 
„Kaufe ihm ein Ausgabebuch, sage ich 
dir. Lehre ihn Ordnung, und er wird dir 
dankbar sein.“ 
Diese Unterhaltung quälte Mauprette 
derart, daß sie schon am Nachmittag ein 
Notizbuch kaufte, ein recht plumpes, 
dessen Berührung uneben war, und 
dessen schwarze Außenseite ungemein 
düster wirkte. Sie machte ein zierliches 
Päckchen daraus, umwand es mit rosa 
Bändern und wartete auf Leopold, wel 
cher sich eine Nelke im Knopfloch, und 
die Taschen mit winzigen Gegenständen 
vollgestopft, zum Diner einstellte. Leo 
pold hatte eines jener Gesichter, denen 
auch der kurzgeschnittene Schnurrbart 
kaum etwas von ihrer Sanftmut nehmen 
kann. Seine Augen blickten unschulds 
blau in die Welt und seine kleine Nase 
strebte in die Luft empor. Es war eine 
gläubige Nase, die Nase eines Men 
schen, der seine Zeit vertrödelt. Von 
einem ungeheuren Blumenstrauß ange- 
kündigti, und von einem Dienstmann ge 
folgt, der einen Toilettetisch aus Rosen 
holz auf dem Rücken trug, zog er außer 
dem noch bei der Begrüßung eine Bon 
bonniere, welche wie ein Aschenbecher 
aussah, aus einer Rocktasche, — und ein 
Taschenetui, das gleichzeitig als Bon 
bonniere dienen konnte, aus der andern. 
Lauter ausgesucht überflüssige Dinget! 
„Geliebtes Närrchen, du ruinierst dich 
ja“, meinte Mauprette. 
„Beunruhige dich nicht . . . bedeu 
tungslos . . .“ 
Da zog das blonde Kind ihr Geschenk 
hervor. 
„Nimm du auch was, mein Page.“ 
„Was ist 'das?“ 
„Das Vermögen.“ 
„Ich mißtraue ihm . . .“ 
„öffne und sei vernünftig!“ 
Leopold blieb beim Anblick des Notiz 
buches mit offenem Munde stehen. 
„Hör’ mal,“ rief er, du hast in einem 
anonymen Brief Ratschläge von meiner 
Familie erhalten.“ 
Dennoch rührte ihn das Geschenk. 
Und so küßte er seine junge Freundin 
inbrünstig auf den Nacken, worauf sie 
ihm zu verstehen gab, daß ein solcher 
Kuß in keiner Weise zu ihrer ernsthaften 
Gabe passe, und daß diese die Reinheit 
ihrer Absichten zeigte. Während ihrer 
Rede durohblätterte Leopold das Notiz 
buch und entdeckte darin ungeahnte 
Einzelheiten. Zum Beispiel; gedruckte 
oder handgeschriebene Visitenkarten, 
die man als Drucksache für zwei Cen 
times versenden kann, sofern sie nichts 
anderes enthielten als „die Vornamen, 
den Vatersnamen, Stand, Beruf und 
Adresse des Absenders, Tag und Zeit 
der Sprechstunden, der Empfangstage, 
des Urlaubs, der Dienstzeit und der 
Pensionierung“, und daß Höflichkeits- 
formeln nicht gestattet seien. Er fand 
darin auch den Kalender für das lau 
fende Jahr, eine Menge Angaben über 
die Straßen von Paris, die Ministerien, 
Tage und Stunden, an denen der Be 
such der Museen frei war, und anderes 
mehr. 
„Sehr merkwürdig“, sagte er. 
Und er schloß das Buch. Aber auf 
Mauprettes Bitten mußte er es bald 
wieder öffnen.
        
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