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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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F räulein Yvonne d’Arran stand 
am Fenster des väterlichen 
Empfangszimmers und ballte 
verstohlen die Fäustchen in ein paar 
recht delikate Enthüllungen, die behag 
lich den schmalen Lippen des Marquis 
d'Elboeuf entstiegen. Der Herr dieses 
Namens, der mit einer raffinierten Kos 
metik noch ganz glückhaft die Spuren 
eines dreißigjährigen Krieges gegen die 
zarten Festungen der Pariser Gesell 
schaft zu verbergen wußte, setzte vor 
sorglich in einer lange genug geübten 
Diplomatie der Intrige Wort an Wort 
und ließ bereits die Fältlein an seinen 
Augenwinkeln ein Lächeln des Trium 
phes auf tragen. Indem wandte sich 
Fräulein Yvonne plötzlich gegen die 
Schützenketten seiner angeberischen 
Mitteilungen, warf sie mit einer gemei 
sterten Handbewegung völliger Ruhe zu 
rück und erklärte: 
„Herr Marquis, ich sollte Ihnen wohl 
für die Warnung dankbar sein, indessen 
schlägt mein Herz voller Bangen, daß 
Ihre Freundschaft für Yvonne d’Arran 
Ihnen argen Kummer bereiten möchte. 
Denn ach, der sündige Herr Claude 
Castelar gestand mir gerade gestrigen 
Tages seine Beziehungen zu jener 
Dame, deren Namen Sie unerwähnt 
ließen, und die auch ich nicht zu nennen 
wünsche. Möge es nun in Ihrer Auf 
merksamkeit haften bleiben, was Herr 
Castelar, dessen Jähzorn auch Ihnen 
bekannt sein wird, seinem Geständnis 
hinzufügte, nämlich daß es ihm unerträg 
lich wäre, wenn mir die Kunde seines 
Fehltritts von anderer Seite hinterbracht 
würde. Einen unerwünschten Zuträger, 
so schwor er, würde er augenblioks mit 
seinem Degen durchbohren.“ 
Bei diesen Worten erbleichte der 
Marquis unter dem jugendlichen Rot 
seines Wangenpuders und konnte nicht 
verbergen, daß es ihm just ein wenig an 
Atem gebrach. Als nun im selben 
Augenblick ein Wagen vorfuhr und 
Fräulein Yvonne mit einem Blick nach 
unten ausrief, gerade sehe sie den Baron 
Castelar in das Haus eintreten, faltete 
der Marquis demütig die zitternden 
Händchen gegen die umworbene Toch 
ter des Herrn d’Arran, ach, daß sie doch 
mit gnädigem Vergessen alles auslöschen 
möchte, so sein freundschaftlich geson 
nener Mund nur eben so hin geplappert 
hätte. Da meldete der (Diener schon den 
gefürchteten Gast, und in der nächsten 
Sekunde trat der Herr von Castelar in 
das Zimmer. Da er Fräulein Yvonne 
erblickte, lächelte er fröhlich und eilte 
auf sie zu. Dieweil er aber bei dem 
nächsten Schritt des Marquis gewahr 
wurde, versauerte .sich seine Miene und 
erkältete sich sein Gruß. 
„Mein lieben Freunde“, sagte da Fräu 
lein Yvonne, „Sie werden mich für einige 
Minuten, da etliche Anweisungen in 
Haushaitsdingcn erforderlich sind, um so 
lieber entschuldigen, als Sie, wie ich ver 
mute und von Herzen hoffe, auch mit 
einander gut Freund sind.“ Damit eilte 
sie hinaus. 
Wie nun die beiden Herren genugsam 
allerlei Meinungen über das gegenwärtige 
und das kommende Wetter ausgetauscht 
und auch den Nutzen eine® Regens für 
die Landwirtschaft gebührend gewürdigt 
hatten, sagte der Marquis vom Fenster 
her, indem seine Augen das Gefährt des 
Nebenbuhlers streiften: „Sie besitzen 
dort ein paar prachtvolle ApfelschimmeL 
Baron.“ Zugleich kam ihm eine 'Erleuch 
tung, daß er die gelangweilte Antwort, 
es seien wackere Tiere, überhörte und 
einen ansehnlichen Preis nannte, den er 
für solche Pferde geben würde. Mein 
pfiffiges Gemüt, dachte er hierbei. Sollte 
es den gefährlichen Gesellen, der be 
kanntermaßen der beste Kunde des alten 
Wucherers Harpax ist, nicht freundlich 
gegen mich stimmen, wenn ich ihm mit 
dem doppelten Wert seiner Gäule die 
Taschen vergoldete? 
„Die Tiere sind mir nicht feil“, er 
widerte aber der andere unwirsch. Er 
läßt es sich teuer bezahlen, dachte der 
Marquis und fuhr fort, verlockende 
Preise zu nennen, daß der Baron arg 
wöhnisch aufhorchte. 
Derweilen bestand Fräulein Yvonnes 
angebliche Tätigkeit im Haushalt darin, 
daß sie den Kutscher Jean des Herrn 
von Castelar herednrufen ließ. „Jean“, 
sagte sie zu ihm, „Er ist ein aufgeweckter 
Bursche, will Er sich diesen Dukaten 
verdienen, so sage Er mir die Wohnung 
jener Dame, dahin Er seinen Herrn, wie 
man mir sagt, wohl jeden Tag zu fahren 
hat.“ Es war aber nicht leicht in den 
Besitz jenes Geheimnisses zu kommen, 
das bereits zu wissen ihre gekränkte 
Eitelkeit vor dem Marquis angegeben 
hatte. „Sei Er klug“, sagte sie endlich 
ungeduldig, ,4enke Er daran, daß Fräu 
lein d’Arran möglicherweise bald Frau 
von Castelar heißen könnte. Ein Kut 
scher, der sich bewährt, möchte dann 
vielleicht eine Haushofmeisterstelle 
offen finden.“ In dem bedrängten Gehirn 
des Burschen blitzte es auf, wie er ein 
treuer Diener seines Herrn bleiben und 
doch zugleich ein nicht weniger treuer 
Diener der künftigen Herrin werden 
könnte. Und also verriet er, daß die 
klugen Apfelschimmel den Weg zu 
jenem respektiven Hause schon seit ge 
raumem selber liefen, ohne noch eines 
Zügeldruckis zu bedürfen. Wenn Fräu 
lein d’Arran solches erproben wolle, so 
bitte er nur untertänigst, augenblicks 
von einer erschrecklichen Krankheit 
befallen werden zu dürfen. 
Der Marquis d’Elboeuf war nicht 
wenig erstaunt, als plötzlich ein Diener 
des Hauses d’Arran in das Zimmer trat 
und ihm meldete, sein Wagen stehe be 
reit. Er erinnerte sich nicht, seinen 
Wagen zu dieser Stunde Bestellt zu 
haben. Da aber seine Unterhaltung 
mit dem Baron gerade eine ganz uner 
wünschte Wendung genommen hatte, 
indem dieser nämlich aufbrausend zu 
wissen verlangte, ob das verdächtig 
günstige Angebot auf die Apfelschim 
mel etwa die Einleitung zu wenig ver 
schämten Bedingungen hinsichtlich der 
künftigen Beziehungen des Verkäufers 
zum Hause Arran sein sollten, benutzte 
er die Meldung erleichtert, um dem 
von gefahrdrohenden Aiugenblitzen 
überzuckten Gesichtsfeld des jähzorni 
gen Freiers zu entfliehen. 
Im Vestibül erwartete ihn ein junger, 
überaus hübscher Kutscher, dessen An 
blick ihn völlig verwirrte, bi® jener zu 
sprechen anhub und ihn einlud, den 
Wagen des Herrn von Castelar zu 
besteigen, ln diesem Augenblick kün 
digten ihm seine Knie fristlos den 
Dienst auf, denn zu dem Entsetzen 
über die mörderische Zumutung, in den 
Wagen des Nebenbuhlers zu steigen, 
schlug der Peitschenhieb einer Ent 
deckung: dieser Kutscher war Fräulein 
Yvonne. „Schnell, schnell, lieber Mar-
        
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