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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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K önig!“ — Der Kapitän Fox 
schlug mit seiner kräftigen 
Faust auf den Tisch—so heftig, 
daß die Gläser klirrten und 
durch die halboffene Türe, die zu dem 
Aufwaschraum führte, ein Boy mit er 
schreckten, einfältigen Augen herein 
blickte und dann, an seinem Teller 
weiter trocknend, näher schritt. „König“, 
sagte der Kapitän noch einmal. Und das 
war augenscheinlich ein strikter Befehl, 
denn ohne eine weiteres Wort abzu 
warten, brachte der Boy ein neues Glas 
Whisky und eine Flasche Soda, deren 
Kapsel er aufspringen ließ. 
Aber weshalb soll ich Ihre Aufmerk 
samkeit durch derartig belanglose Ein 
zelheiten ermüden? Den Kapitän Fox 
kennen Sie ganz sicher überhaupt nicht, 
und von den Teehäusern Singapores 
haben Sie vermutlich auch nur eine recht 
nebelhafte Vorstellung. Denken Sie sich 
also einen niedrigen, dreißig Fuß langen 
und zwölf Fuß breiten Saal, dessen 
Wände mit Strohmatten ausgeschlagen 
sind, und an denen sich kleine Tische 
und Bänke aus Rohr entlangziehen. Da 
die Nacht hereinbricht, so brennen be 
reits große Laternen aus Reispapier» das 
die Helle der Lichtstrahlen dämpft. Die 
Luft ist drückend von den schweren 
Opium- und Wachholderibranntwein- 
düften, so drückend, daß auch der ge 
sunde Geruch des Steinfcohlenteers, der 
durch eine auf die Reede hinausgehende 
Verandatür hereinströmt, jene herben 
Dünste nicht zu vertreiben vermag. Und 
selbst die nächtliche Abkühlung kann 
der brütenden Hitze dieses Saals nichts 
anhabon. 
Auf dem Abhang dreier Hügel 
schichtet die „Stadt der Löwen“ ihre 
fünfundzwanzig Stadtviertel überein 
ander auf, und wenn Sie sich über das 
Bambusgeländer beugen und die Stroh 
vorhänge ein wenig entfernen, so sehen 
Sie die ungeheuer große Stadt, in der 
alle Menschenrassen durcheinander 
wimmeln, den gigantischen, von Spei 
chern tief beschatteten und mit Mast 
werk übersäten Hafen, den langen Steg 
und den großen Leuchtturm aus grauem 
Stein. 
Schauen Sie hin — die Nacht scheint 
aus den Wogen empor zu steigen. Die 
großen Inseln in der Meerenge liegen 
ruhig wie schlummernde Alligatoren da. 
Die elektrischen Bogenlampen leuchten 
anfangs zaghaft, allmählich immer deut 
licher auf, und die verworrenen Klage 
töne, die mit der tiefer sinkenden 
Dunkelheit .zuzunehmen scheinen, 
werden durch die Arbeit der Menschen 
und das ewige Geräusch der Wogen 
hervorgerufen. 
Aber Sie können Ihre Blicke nicht von 
Kapitän Fox abwenden. Wie Sie ihn 
heute da vor sich sehen, so habe ich ihn 
oft schon in diesem selben Teehause, 
vor demselben Tische, zwischen einer 
Karaffe Whisky und Selterwasser 
flaschen sitzen sehen. Er trank bedäch 
tig, ohne jede Hast und ohne Schwäche, 
als wahrer Herr der Stunde. Und sobald 
er den letzten Schluck hinuntergegoissen, 
schlug er mit der Faust auf den Tisch 
und stieß immer denselben Ruf aus, 
dieses kurze, klingende „König“, das die 
Vertrauten ides Hafens so gut kennen. 
Sie sagen, daß er ein gewöhnlicher 
Trunkenbold sei? Sehen Sie sich, bitte, 
den Kapitän Fox ein wenig aufmerk 
samer an. Vierzig Jahre der Schiffahrt 
haben sein Gesicht wie ein altes Stück 
Leder gegerbt, und seine rasierte Ober 
lippe und der kurze Bart, der »ein Ge 
sicht wie mit einer Krause umgibt, 
unterscheiden ihn recht wenig von den 
anderen Seebären, die Sie kennen mögen. 
Ich gebe zu, daß seine Mütze mit der 
Silbertresse und seine weite Jacke von 
gewöhnlichster Art sind. Aber be 
trachten Sie, bitte, seine Augen. Wie 
seltsam ist der Blick, der unter den halb 
gesenkten Augenlidern hervorschießt! 
Er läuft langsam an den Dingen entlang, 
nimmt sie ganz in Besitz und ist plötz 
lich spitzig wie eine Flamme und plötz 
lich wieder ebenso ermattet. Es ist, 
als ob alle Reflexe der Meerei, auf denen 
er die vielen Jahre geruht hat, in ihm 
nachzittern. Von Kindheit an hat Fox 
kein anderes Vaterland gehabt als die 
Schiffe, die ihn, ein Spiel der Wogen 
und der Winde, davontrugen. Ich ver 
mute, daß es keinen Ozean gibt, den er 
nicht als Schiffsjunge, Matrose, zweiter 
oder erster Kapitän durchschifft hat. Ob 
seine Schiffsladungen nun Holz, Speze 
reien, verbotene Waren, Alkohol, Pe 
troleum oder Menschenfleisch waren, er 
hat sich allem angepaßt. Wenn die 
Sprühregen seine Haut hart und wider 
standsfähig gemacht, so haben die Säbel 
bei der Landung sie dafür bisweilen ge 
kerbt. Seine Abenteuer sind unzählbar. 
Die alten Stammreisendcn des Stillen 
Ozeans kennen ihn alle und erzählen 
gern, mit verhaltener Stimme, wie er 
fast durch ein Wunder einer Schlinge 
entschlüpfte, die sich ihm auf der 
äußersten Spitze einer Segelstange um 
den Hals wand, so daß er bereits hin 
und her baumelte. Glauben Sie nicht, 
daß ich übertreibe. Wenn ich Ihnen 
diese Einzelheiten anvertraue, so ge 
schieht es, damit Sie ihn um so schneller 
kennenlernen. Treten Sie übrigens ohne 
Furcht näher: er ist heute abend 
fürchterlich betrunken. Und zeigen Sie 
auch keine Überraschung über den 
großen braunen Fleck, der seine Jacke 
besudelt. 
Der Boy brachte ihm einen neuen 
Whisky. Der alte Seebär schien ganz in 
die Betrachtung eines Lackkästchens 
versunken, das er mit seinen ungeschick 
ten Fingern leise betastete. Al» er mich 
erkannte, ließ er die kleine Schachtel 
mit seltsamem Lächeln in seiner Tasche 
verschwinden, und als ich ihm mit aus 
gestreckter Hand entgegenschritt, sagte, 
er mit dumpfer, unsicherer Stimme; 
„Ich werde jene Spezerei nun nie mehr 
rauchen, Gentleman.“ 
Er weidete sich einen Augenblick lang 
an meinem Erstaunen, dann glitt 
wiederum jenes seltsame Lächeln wie 
ein Schauer über sein Gesicht. Er rückte 
dicht an mich heran, und ein Dunst von 
Whisky stieg mir in die Nase. 
i„Das ist ein ganz unwiderruflicher 
Entschluß“, fuhr er in einem sehr be 
stimmten Tone fort, der bei dem be 
trunkenen Mann um so überraschender 
wirkte. Er lehnte sich auf die Bank zu 
rück, versenkte die Hände in seine Ta 
schen und begann still zu lachen, so herz 
lich» daß alle Muskeln seines Gesichts zu 
beben schienen. Der Kapitän Fox war 
ein leidenschaftlicher Opiumraucher, 
und bei unzähligen Gelegenheiten schon 
war ich mit dem Fuß an ihn gestoßen, 
wenn er fühllos auf einer Strohmatte 
ausgestreckt lag und die kurze Bambus 
pfeife noch in seinen gekrampften 
Fingern hielt. Der beständige über 
mäßige Genuß des Whisky allein er 
klärte es, daß er den durch eine so 
verhängnisvolle Gewohnheit bedingten 
Folgen nicht unterlag. Alkohol ist in der 
Tat das sicherste Gegengift für Opium. 
Wie sollte ich mir also vorstellen, daß 
der Kapitän so plötzlich auf die 
tyrannischste aller Begierden verzichten 
wollte! — „Die Spezerei“, wiederholte er. 
Er tat als ob er ein wenig Opium 
nähme und es zu einer Kugel knetete, 
dann deutete er einen Nasenstüber an. 
— „Es verhält «ich wirklich so“, ent 
schied er, „ich werde nicht mehr rau 
chen.“ Er legte seine behaarte Hand auf 
den Tisch und ich »ah, wie seine von 
der Trunkenheit umnebelten Augen sich 
fest auf den großen Fleck hefteten, der 
seinen Ärmel durchnäßt hatte. Er leerte 
sein Glas auf einen Zug. 
„Passen Sie genau auf“, flüsterte er 
mir vertraulich zu. „Das echte Opium
        
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