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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

3? 
fand Marianne an dieser guten Sech. eine 
wahre Stütze in der traurigen Zeit, die 
für sie nun angebrochen war. Und wenn 
sie allein waren, dann hüllte die 
Schwarze sie in eine gar Überstromende 
Zärtlichkeit, sie küßte und umarmte sie, 
streichelte ihre Hände und kraute sie im 
Haar. 
Ein Übergang, hatte Lamet ver 
sprochen. Aber ein Übergang, der sich 
bitter genug anließ und den man mög 
lichst abzukürzen trachten mußte. Wenn 
sich nur irgendwie und irgendwo eine 
Hoffnung gezeigt hätte, hcrauszukommen 
aus dem Elend . . . Aber wer beachtete 
solch ein Ladenmädel, wenn es schon 
einmal über die Gasse lief, mit Schach 
teln und Päckchen beladen, im arm 
seligen, verblaßten Fähnlein, müde und 
abgearbeitet? — Und im Haus, da fehlte 
es erst recht an Gelegenheit, eine Er 
oberung zu machen,. Ja, wenn's mit 
diesem Duval etwas gewesen wäre! Er 
hatte ihr seit jenem Abend schon zwei 
Briefe zustecken lassen, aber sie hatte 
nicht geantwortet. Die Auskunft war 
denn doch zu schlimm gewesen. 
Und es wurde immer ärger. Je weiter 
die Jahreszeit fortschritt, desto mehr 
gab es zu tun; Frau Labille, die wohl 
merkte mit welchem Widerwillen 
Marianne ihrer Arbeit nachging, hielt 
ein wachsames Auge auf sie und sparte 
nicht mit groben Worten; und die 
Kolleginnen nützten die Mißgunst der 
Prinzipalin weidlich aus, schikanierten 
Marianne und behandelten sie von oben 
herab, indem sie es zum Vonvand 
nahmen,, daß sic die Jüngste wäre — in 
Wahrheit rächten sie sich dafür, daß sie 
die Schönste war. 
Der Verzweiflung nahe, ging Marianne 
schließlich mit der Absicht um, ihre 
Stelle aufzugeben. 
Sie sprach darüber mit Mutter Vau- 
bernier. ,Da kam sie aber übel an. Sie 
dächte gar nicht daran, sagte diese, so 
ein großes Mädel wieder zu sich zu 
nehmen, und sie sollte sich schämen, von 
der alten Mutter so was zu verlangen! 
Ein faules Frauenzimmer wäre sie, die 
den Kopf auf ganz andere Sachen hätte, 
und wie viele Mädchen dankten dem 
Schöpfer für solchen Posten! Und Herr 
Rancon, der sich in seinem Fraß schon 
geschmälert sah, schalt wacker mit. 
Betrübter, als sie gekommen, zog 
Marianne wieder ab. 
* 
Mariannchen hatte just die Selber ver 
lassen, die kleine Tänzerin des könig 
lichen Ballets. Sie trottete, nicht sonder 
lich eilig, durch die Rue de Richelieu und 
machte sich ihre Gedanken über die 
ungerechte Verteilung der Glücksgüter. 
Wirklich, mit dieser spindeldürren 
Bohnenstange, der Selber, konnte sie’s 
noch aufnehmen — und wie lebte die! 
Ein Soubise war ihr Freund, das sagte 
genug. 
So traumverloren lief sie an einer Eoke 
Herrn Duval fast in die Arme. Sie hätte 
ihn vermutlich nicht wiedererkannt. Er 
aber brachte sich ihr mit höflichen 
Worten gleich in Erinnerung und drängte 
ihr seine Begleitung auf. Im Anfang 
verhielt sie sich abweisend und sehr 
kühl. Allein er benahm sich heute über 
aus artig, entschuldigte sein Vorgehen 
damals — eine Weinlaune — und tat 
stark verliebt. Eine dicke goldne Kette 
baumelte um seinen Hals bis an den 
Rand seiner Weste hinunter, zwei große 
Ringe glänzten an seinen Fingern, aus 
feinstem Tuch war sein brauner Rock. 
Vielleicht doch , . ., dachte Mariannchen 
und ward weniger spröde. Seine bäue 
risch groben Züge verrieten gerade 
keinen besonderen Witz. Wenn man 
es nur geschickt anfinge, müßte man den 
um den Finger wickeln können. 
.Er drang in sie um ein Stelldichein. 
Marianne zierte sich. „Wo?“ fragte sie 
schließlich. — Sie möge ihm doch ein 
mal .des Abends die Ehre geben zu 
einem Gläschen Wein, er hätte es sehr 
heimlich, 
Marianne überlegte. 
„Möchten Sie nicht lieber zu mir 
kommen? . . meinte sie mit dem 
süßesten, vielversprechendsten Lächeln. 
„Sonntag abend geht Juliette aus, wir 
könnten bis elf ungestört plaudern , . 
Herr Andre Duval reckte sich einen 
Zoll höher. Das war ein Erfolg! 
„Jetzt müssen Sie mich aber verlassen, 
es könnte uns jemand zusammen sehen. 
Sie wissen, wie böse die Leute sind. Man 
denkt immer gleich das Schlimmste.“ 
Er ging. — Und kam, Sonntag abend. 
Marianne empfing ihn in einem tief- 
dekolletierten Dcshabülc aus schmieg 
samer und durchscheinender blauer 
Seide. Sie hatte sich das Stück mit 
Juliettas Unterstützung während der 
letzten Abende angefertigt, genau nach 
dem Morgenkleid der Frau Herzogin von 
Lambalie, Nur daß die Spitzen lehlten, 
natürlich. 
Herr Duval war weniger ein Mann 
graziösen Wortspiels ais handfest zu 
greifender Tat. Er mühte sich nicht 
lange mit galanten Phrasen, sondern 
schritt bald zum Angriff. Marianne ge 
währte, ohne sich mehr zu sträuben, als 
cs der Anstand unbedingt erforderte. 
Sie ließ sich auf seinen Schoß ziehen, 
duldete seine Küsse auf Nacken, Arm 
und Hals. Dann versuchte er, ihr das 
Kleid zu öffnen. Aber nun setzte sic ihm 
ernsten Widerstand entgegen. 
Niemals, niemals, Herr Andre! 
—“ Sie entrang sich ihm. 
Er meinte, sic fürchte Überraschung, 
und suchte sie zu beruhigen. 
Sie wich ihm aus. „Sie stellen sich das 
doch zu leicht vor, mein Lieber“, meinte 
sie, ihn spöttisch messend. „Für ein 
flüchtiges Abenteuer bin ich nicht zu 
haben . . .“ 
Und dann nannte sie ihm, sehr lie 
benswürdig zwar, aber ganz bestimmt, 
die Bedingungen, die er zu erfüllen habe, 
damit sie sich ergebe: eine kleine Woh 
nung, nichts Besonderes, sie sei ja ge 
nügsam, zwei Zimmer nur, und hundert 
Livres monatlich für Kleidung und Le 
bensunterhalt. 
Duval lachte tölpisch: „Du spaßest . .“ 
Sie näherte sich ihm wieder und be 
gann, ihm schön zu tun. „Ich denke eher. 
Sie spaßen. Einem Manne wie Sie 
können solche Ansprüche doch nicht 
hoch erscheinen.“ 
Er meinte, in jenem verlegen eiligen 
Ton, in dem man über einen nicht ge 
rade guten Witz hinwegzukommen 
trachtet; „Gut, gut, wir werden darüber 
reden.“ Und er versuchte, sie festzu- 
haltcn. 
„Dann können wir uns ja wieder 
treffen, wenn Sie gelaunt sind, darüber 
zu sprechen . . .“ 
Duval wurde ungeduldig. „Mach’ jetzt 
keine Dummheiten", raunte er heiser, an 
den Worten würgend und umklammerte 
sie. 
Marianne stampfte mit dem Fuß auf. 
„Verlassen Sie mich sofort! Wenn Sie 
nicht sofort gehen, schreie ich.“ 
Herr Duval hörte gar nicht mehr auf 
ihre Worte. Er zerrte und zog. 
Das ging nun blitzschnell: Mariannchen 
stieß ihn von sich, riß das Kleid her 
unter, sprang ins Bett und blies das 
Licht aus. 
„Hinaus!“ herrschte sie ihn an. 
Er wollte sich auf sie stürzen. 
Sie schrie aus Leibeskräften; „Hilfe. 
Hilfe!“ 
Es regte sich im Hause. 
„Warte, mein Täubchen, das büßest 
du mir.“ Herr Duval wollte sieh davon 
machen. Doch Marianne krallte sich an 
seinen Rock fest, 
„Hilfe! —“ 
Die Tür wurde geöffnet. Marion und 
Rose, die daneben schliefen, leuchteten 
herein. 
„Loslassen!“ knirschte Duval und 
schlug auf Marianne los. 
Mariannchen brüllte: „Herr Labillc, 
Herr Labille!“ und die Mädchen 
stimmten ein; „Herr Labilic!“ 
Türen fielen, die Treppe krachte, von 
allen Seiten tauchten Gestalten auf, 
drängten sich am Gang, in der Tür; 
Bastian, der alte Hausdiener, schlürfte 
auf seinen Pantoffeln herbei, einen rosti 
gen Säbel schwingend — und nun er 
schien der kleine Herr Labillc selbst, im 
Schlafrock, die weiße Mütze auf dem 
Kopfe. 
Von oben rief Frau Olympia: „Gib 
acht Labille, daß dir nichts geschieht.“ 
Man trat ehrerbietig zurück. Jetzt erst 
ließ Marianne Herrn Duval los. 
„Dieser Kerl, Herr Labillc . . 
„Sie braucht mir nichts zu sagen. •— 
Retirier’ dich schleunigst auf dein 
Zimmer, du Lump! Und ihr da, marsch 
ins Bett.“ 
. . . Als Herr Labille hinter Duval die 
Treppe hinauf stieg, hörte man ihn noch 
sagen: „Jetzt ist das Maß voll.“ 
„Bravo, Mariannchen, das hast du gut 
gemacht“, flüsterten die Kolleginnen. 
Nur die häßliche Jeanne, die von Du 
val nie beachtet worden war und immer 
noch gehofft hatte, auch einmal dranzu- 
kommen, die rümpfte die Nase und ließ 
etwas fallen von einer „Tugendheldin“. 
Vor dem Hause aber hielt nächsten 
Tages ein Wagen, und Herrn Duvals 
Bedienter, in blauer Livree, packte die 
Bagage seines Gebieters auf. Herrn 
Duval selbst bekam niemand mehr zu 
Gesicht. 
Herr Labille sagte: „Marianne macht 
sich“. Und seine Gattin, eine Frau von 
den strengsten moralischen Grundsätzen, 
nickte beistimmend: „Sehr anständig je 
denfalls.“ 
„Du warst ein bißchen zu streng . . 
Du wirst sehen, was wir noch für eine 
tüchtige Kraft an ihr haben werden. Sic 
ist sehr anstellig. Schau nur, wie ge 
wandt sie mit der Dame dort umgeht 
Das trifft sie, sich bei der Kundschaft 
beliebt zu machen . . . “ 
Die stattliche iDame im schwarzen 
überkleid fragte gerade: „Wie heißen 
Sie, mein Kind? Sind Sie schon lange 
hier?“ 
„Marianne, gnädige Frau, — Seit vier 
Wochen.“ 
„Dieser Batist paßt mir, wie hoch die 
Elle, sagen Sie?“ 
„Zwei Livres. Eine vorzügliche Ware, 
meine Gnädige, Sie werden nicht klagen 
können.“ 
„Gut, zehn Ellen, bitte.“ 
Mariannchen schnitt ab. Die Kundin 
musterte sic währenddessen mit wohl-
        
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