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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

(l. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
ariannchen konnte sich vor 
Staunen und Bewunderung 
kaum fassen: Seidene Stoffe 
von den zartesten Tönen bis 
zum leuchtendsten Rot und Lila und 
Blau, spinn web dünne Musseline, duftige 
Spitzen, blütenweiß und mattgelb, aus 
Flandern und Alemjon und VaJencien- 
ires, Bänder und Rüschen und Borten 
und Schleier, durchsichtiger Batist und 
feinstes Linnen. 
Und geblendet und begeistert ließ sie 
sich hin und wieder einen Ausruf des 
Entzückens allzu laut entschlüpfen. 
Da lächelten die anderen Mädchen 
nachsichtig verächtlich. Denn sie wüsten 
schon, wie bald man abgestumpft wird 
gegen diese Pracht, die einem doch 
nimmer zugehört. 
Um die Mittagsstunde wurde es 
lebendig in dem Laden. Vor der Tür 
hielten Wagen und Sänften, denen vor 
nehme Damen entstiegen, von Herrn 
und Frau Labille dienernd empfangen: 
ein Kommen und Gehen von Kammer 
frauen und Lakaien und flinken Zöfchen; 
man sandte Verkäuferinnen aus zur An 
probe oder mit den neuesten Modellen, - 
und die imposantesten Damen schwirr 
ten Marianne beständig um die Ohren. 
„Diese Spitzen zur Frau Herzogin von 
Gramont“. — „Hier der Taffet für die 
Frau Gräfin von Esparbbs, Herr Kam 
merdiener.“ — „Den Tüll in die Garde 
robe des Fräuleins Arnould.“ 
Frau Labille hatte Marianne die Wei 
sung gegeben, am ersten Tag nur auf 
merksam zuzusehen. Daran hielt sich 
diese. Doch wenn sich’s traf, legte sic 
auch selbst Hand an, indem sie die 
Waren, die vor den Damen verführerisch 
entrollt wurden, säuberlich zusammen 
faltete. Und wähnte sie sich unbeob 
achtet, dann fuhr sie wohl mit zärtlichen, 
scheuen Fingern liebkosend über den 
aprikosenfarbenen Damast, den goldge 
stickten perlgrauen Brokat, durch das 
Gewölk der Spitzen und Schleier . . . 
Müde und schlaff, betäubt von dem 
ungewohnten Gewirr, sank sie des 
Abends in einem schummerigen Winkel 
auf einen Schemel nieder. Nach dem 
Abendbrot, das sie alle gemeinsam cin- 
nahmen, in der Küche an einem langen 
Tisch. Patron und Patronin obenan, eilte 
sie zur Mutter. 
Die lebte damals mit einem gewissen 
Rancon zusammen, der bei der Stadt 
maut bedienstet war, und wohnte un 
weit dem Labilleschen Lager. Mariann- 
chen. ein wenig blaß zwar, aber erregt 
und sehr gesprächig, konnte den beiden 
nicht genug von den feinen Damen, die 
dort verkehrten,, von dem interessanten 
Getriebe erzählen. Herr Rancon, der gie 
rig und schlürfend seineBrüheverschlang, 
brummte von Zeit zu Zeit: „Teufel, 
Teufel! . . .“ Und Mama Vaubernier 
meinte zufrieden: „Na, da hast du’s ja 
ganz gut getroffen.“ 
Und als Marianne nichts mehr zu be 
richten wußte, machte sie sich wieder 
auf den Heimweg. 
Nahe ihrem Haus schon hörte sie 
Männerschritte hinter sich. .Sie konnte 
in der Dunkelheit nicht ausnehmen, wer 
ihr folgte, und beschleunigte ängstlich 
ihren Gang. Knapp vor dem Tor trat 
einer an ihre Seite. Er neigte sich zu 
ihrem Gesicht herunter: „Donnerwetter 
— ich glaub’, du bist hübsch! Das trifft 
sich gut — du wohnst hier? Ich auch.“ 
Marianne würdigte ihn keiner Ant 
wort und sputete sich, den, Schlüssel um 
zudrehen. Sie schlüpfte ins Haus und 
wollte das Tor hinter sich zuschlagen. 
Aber der Unbekannte stemmte den 
Fuß dazwischen und packte sie am Arm. 
„Langsam, mein Schätzchen“, lachte 
er. „Ich werde doch noch in mein Haus 
dürfen.“ 
Sie standen im Torweg unter einer 
Laterne. 
„Sic sind unverschämt, mein Herr, 
lassen Sie mich augenblicklich los!“ 
Sie versuchte ihn abzuschütteln. Wohl 
oder übel mußte sie ihn dabei an.se.hen: 
ein strammer Bursch, derb und breit, mit 
gewöhnlichen, aber nicht unschönen 
Zügen, stutzerhaft gekleidet. 
„Erst ein Küßchen . . .“ 
„Frecher Mensch!“ Sie riß sich los und 
sprang die Treppe hinauf. Er in großen 
Sätzen ihr nach. Er holte sie ein und 
faßte sie um die Taille. 
Marianne schlug ihm die Nagel in die 
Hand. „Da haben Sie!“ 
Er fluchte: „Verdammtes Frauen 
zimmer!“ und ließ von ihr ab. 
Marianne verschwand in ihr Zimmer. 
Am Bettrand saß Juliettc, halb ent 
kleidet. und streifte gerade die Strümpfe 
von ihren dünnen Beinen. 
„So ein Bengel!“ rief Marianne, mit 
einem wütenden Blick zur Tür hin. 
„Ah — Sie haben Herrn Duval 
kenncngelernt“, meinte Juliettc ohne 
Verwunderung und zog ein spöttisches 
Gesicht. 
„Ich kenn’ ihn nicht. Er wohnt hier 
im Haus. Ein großer Kerl —“ 
„Stimmt, Herr Andre Duval. Ein 
bißchen grob ist er, o ja, aber . . .“ 
„Was — aber?“ 
„Flat er Sie geküßt?“ 
„Ich h.ätt’ cs ihm nicht geraten.“ 
„Sic wären ihm nicht böse. Er küßt 
wundervoll . . Sie legte sich in die 
Polster zurück, die mageren Arme unter 
dem Kopf verschränkt, und schloß die 
Augen. Sic dehnte sich lüstern. „Der 
versteht zu lieben!“ — Dann richtete 
sie sich wieder auf; „Er ist ein Wüst 
ling. Wenn er sein Ziel erreicht hat 
— fertig! — kennt er einen nicht mehr. 
Es sind ihm alle hier aufgesessen. 
Marion, Nenctte, Rose, alle. Nun 
kommen Sie dran,“ 
Marianne wurde zornig: „Erlauben 
Sie! . . .“ 
Ju'iette schaute ihr treuherzig in die 
Augen. „Wir wollen doch gute Freund 
schaft halten, da darf man ein offenes 
Wort nicht übelnehmen.“ Sie kroch 
unter die Decke. 
Marianne entkleidete sich. 
Juliettc sah ihr zu. „Der dicke 
Bonnac, ja, der kennt sich aus . . 
meinte .sic, so vor sich hin. 
Marianne riß die Augen auf. 
, Bonnac?“ 
„Gewiß.“ Juliette kicherte. „Sie 
heißen doch Vaunicr, oder Vaurier? Wie. 
Vaubernier? — Also; die goldene Kette 
an Ihrem Flals, die habe ich einmal ge 
tragen, und das Kleid dort auf dem 
Sessel, das habe ich Ihnen besorgt. Da 
staunen Sie, nicht wahr? ... Es war 
ein Hauptspaß! Als Ihre Frau Mutter zu 
Herrn von Bonnac kam, leistete ich ihm 
gerade Gesellschaft . . . Alle Wetter. 
Ihre Mutter, die hat es ihm gegeben!“ 
Marianne wußte nicht, sollte sie sich 
schämen oder lachen, — Sie fragte: „So 
hat er auch Sie auf dem Gewissen, der 
Schuft?“ 
„Was denken Sie — ich bin ja schon 
achtzehn Jahre! —- Aber warum nennen 
Sie ihn Schuft? Ehrenmann ist er ja 
keiner, und auf seine Versprechungen 
braucht man nicht viel zu geben, wie 
Sie selbst erfahren haben. Aber ganz 
lustig ist er. 
Marianne stieg ins Bett. 'Juliette blies 
die Kerze aus. 
Mit offenen Augen lagen sie beide 
und schwiegen. 
„Hat dieser Duval Geld?“ fragte 
Marianne nach einiger Zeit, aus ihren 
Gedanken heraus. 
„Ich denke“, meinte Juliettc gleich 
mütig. „Ich habe mich nicht darum ge 
kümmert. Ich weiß nur, daß sein Vater, 
ein Jugendfreund von Herrn Labille, 
einen großen Laden in Nancy hat, Mode 
waren auch.“ 
„Was treibt er denn, der Junge?“ 
„Bediensteter beim Seewesen ist er. 
Davon könnte er nicht so leben. Geht 
immer wie ein Herr daher, hält sich 
einen Diener — er muß schon einen an 
ständigen Zuschuß von Hause haben.“ 
„Er hat Ihnen sicher ein hübsches Ge 
schenk gemacht?“ fragte Marianne wiß 
begierig. 
„Der? Da kennen Sie den schlecht. 
Ich glaube eher, der erwartet, daß die 
Frauen ihm was schenken. Und er 
könnte schon solche finden, o ja . . . 
Ich brauche keine Geschenke, ich wäre 
gerne seine Liebste geblieben, selbst 
wenn er mir gar nie etwas verehrt hätte.“ 
„Oh! Geschenke sind schön — 
meinte Marianne sehr überzeugt. „Ich 
wollte keinen Freund, der mir nicht 
dann und wann was Nettes brächte.“ 
,;Ein lieber Bursch muß er sein, der 
einen ordentlich in die Arme nimmt, 
wissen Sie, so fest, daß einem der Atem 
ausgeht. Alles andere, pah . . 
Darauf drehte sich Juliette zur Wand 
und sagte gute Nacht. 
Die ersten Tage, da all das Neue und 
Fremde der Umgebung Marianne noch 
reizte, ging s ja an. Aber schon nach 
kurzem, als erst der bunte Putz, der ihr 
im Anfang soviel Ehrfurcht eingeflößt 
hatte, keine Wirkung mehr auf sie aus 
übte, und die vornehmen Damen in ihrer 
nörgelnden und quälenden Menschlich, 
keit sich enthüllten, wenn sie feilschten 
und keiften wie die Marktweiber, kam 
sie dahinter: es war doch ein rechtes 
Rackerleben! Von zeitig früh bis zum 
späten Abend auf den Beinen sein, ein 
Hin- und Herrennen von einem Ende 
des Ladens bis zum andern, den ganzen 
lieben Tag Bücken und Klettern, An- 
nrobieren, Anpreisen . . . ein Racker, 
leben. 
Da war es die schwarze Juliette, die 
Marianne tröstete und sie aufrichtete. 
Sie half ihr auch bei der Arbeit, wo es 
nur anging, sie hielt das Zimmer in 
Ordnung, nahm manchen Rüffel auf sich. 
Das schmächtige, blasse Ding schien un 
ermüdlich. Eine treu ergebene Freundin
        
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