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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr 4 
Jahrg 28 
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war offensichtlich erschüttert. Jeden Zweifel an der 
seltsamen Begebenheit erstickte diese ergriffene, zit 
ternde Greisenstimme. Sie gehörte Herrn von Laval an, 
einem vornehmen, gebrechlichen Kavalier. Er begann 
seine Erzählung mit den Worten, daß es kein eigenes 
Erlebnis, sondern das eines Freundes sei. Diese Ein 
leitung war aber nur geeignet, die Überzeugung zu er 
wecken, er sei doch sein eigener Held. 
Da ist nun die Geschichte eines unvollendeten 
Briefes, der ich nur noch hinzufügen will, daß ich nicht 
den leisesten Zweifel an ihrer Echtheit habe. 
„Ich lebte in Grenoble und hatte eine vorzügliche 
Advokatenklientel. Ich war reich, sorglos, aber allein. 
Mein Geflügelhof, der Garten, die Hunde ersetzten mir 
nicht ein menschliches Wesen. Und so ging ich mit fünf- 
undvierz'ig Jahren auf Freiersfüßen, sperrte die Augen 
auf und entdeckte die Tochter eitles verwitweten und 
pensionierten Departementchefs, die zwanzigjährige, 
schöne, tugendhafte Fanchon. Sie erhörte mich ohne 
weiteres, ich war fast erstaunt. Ich hatte niemals irgend 
welche körperlichen Vorzüge, keinen blitzenden Geist, 
war nicht mehr jung, nur wohlhabend. Aber der Ge 
danke, daß nicht Liebe Fanchon bestimmte, störte mich 
nicht. Wenn ich nur sie lieben durfte! Und das durfte 
ich. Sie war keine zärtliche, aber eine geduldige Frau. 
Ich hatte mich über nichts zu beklagen, ich war voll 
kommen glücklich. Nur bisweilen fand ich Fanchon in 
trüber und wehmütiger Stimmung. Aber sie wurde 
schnell wieder heiter und lebendig, hatte keinerlei 
Launen, keine törichten Wünsche. Kurz, sie war die 
ideale Gattim Kinder hatten wir nicht. Nach drei 
jähriger, wolkenloser Ehe beschlossen wir, nach Paris 
zu ziehen. Ich war auf Verdienst nicht mehr ange 
wiesen, in Grenoble hielt uns nichts und so kam der 
Plan zustande. Ich verkaufte Hof, Garten und Praxis 
und übersiedelte als reicher Privatier nach Paris. 
Dort hatte ich meinen letzten Verwandten, einen 
Neffen, Student an der Sorbonne, und er führte in unser 
schönes Haus in der Rue de Verneuil eine Menge junger 
Leute ein, meist unverheiratete, Studenten, Künstler, 
Offiziere. Ich war darüber froh, denn ich sah meine 
geliebte Fanchon aufleben. Ein neuer Glanz ging von 
ihrer Schönheit aus, sie wurde mädchenhaft, übermütig, 
sie tanzte, fuhr zum Rennen, in die Oper, war unver J 
.sehens mitten im Pariser Strudel. Niemals gab sie mir 
Grund zur Eifersucht. Ich beobachtete sie: sie bheb 
immer in kühler Reserve. Bei aller Kameradschaftlich 
keit mit den jungen Leuten vergab sie sich doch nie 
mals das geringste. Ich sah keinen, den sie bevorzugte, 
und keinen, der je ihr nahezutreten wagte. Ich wäre 
vollkommen beruhigt gewesen, hätte sich nicht ein 
schlimmes Leiden bei Fanchon bemerkbar gemacht. Sie 
hatte einen Herzfehler, der sich bei dem bewegten 
Leben verschlimmerte. Als wir ein Jahr in Paris waren, 
bekam sie einen so heftigen Anfall von Herzschwäche, 
daß ihr der Arzt jede Erregung, jedes Amüsement ver 
bot. Wir gingen also aufs Land, blieben ein halbes Jahr 
fort, und dann kehrte ich mit meiner gekräftigten, 
blühenden Frau zurück. Sie bezeigte auch jetzt nicht 
die geringste Lust, das alte unruhige Leben wieder auf 
zunehmen. Sie schränkte unseren Verkehr sehr ein bis 
auf drei, vier junge Leute, von denen mir ein Maler, 
Armand Laroche, der liebste war, ein strahlender 
junger Bursch, zukunftsselig, rein und gut. 
So verbrachten wir einen stillen Winter. Fanchon 
war lieb zu mir, war treu, aufmerksam und beschäftigte 
sich mit allerlei Nützlichem. Sie besuchte einen Sama 
riter-Kursus, die Predigten eines beliebten Kanzel 
redners, nahm ihre Musikstunden wieder auf, war in 
folgedessen oft aus dem Hause, aber nach ihrer Heim* 
kehr immer froh, aufgeräumt und zärtlich. 
An einem Märznachmittag — aber, das alles fiel mir 
erst nachträglich auf — bemerkte ich an ihr eine heftige 
... und beugte mich über die Schulter des Gespenstes. 
Unruhe. Wir hatten Besuch aus Grenoble, ein altes 
Ehepaar, das nicht aufzubrechen verstand, und Fanchon 
saß wie auf Nadeln. Mir fiel ein, daß sie ja heute ihre 
Gesangsstunde hatte. Aber es half nichts, sie durfte 
nicht unhöflich sein und mußte bleiben. Später be 
gleitete ich das Paar in sein Hotel, und als ich nach 
etwa einer Stunde heimkehrte, trat ich leise in das 
Zimmer meiner Frau. — -Sie saß an ihrem Schreibtisch, 
über einen Bogen gebeugt, und schrieb. Aber sie börte 
mich. Sie wandte sich um, stieß einen leisen Schrei aus, 
verfärbte sich und sank vornüber zu Boden. 
Ich stürzte hin, hob säe auf. Sie atmete noch, aber 
während ich sie zum Sofa trug, starb sie in meinen 
Armen. Ein Herzschlag hatte sie getötet. 
Von den nächsten zwei Tagen weiß ich eigentlich 
nichts. Ich saß bei der geliebten Toten und wußte nicht, 
daß ich lebte. Menschen kamen und gingen, die vielen 
Freunde unseres Hauses drückten mir die Hand. Ich 
weiß nur, wie der junge Armand kam, zog ich ihn an 
mich, weil er weinte und mir die Hand küßte. Dann 
kam die Beerdigung, diese Marter für die Hinter- 
bliebenen, die endlosen Kondolationen und endlich, 
endlich die Stille meines Hauses . . . 
Pt auc h wieder das Zimmer meiner Frau. 
Ich hatte befohlen, an nichts darin zu rühren, und wie 
ich nun an den Schreibtisch trat, lag da noch das Blatt 
Papier, auf dem Fancbon geschrieben hatte. Zitternd 
nahm ich den gelben Bogen auf. In ihrer feinen, großen 
Schrift stand darauf: „Mein Nichts weiter als 
dieses eine Wort: „Mein“. 
Sie wollte an ihren Vater schreiben, dachte ich. „Mein 
lieber Papa!“ Nun riß er sie beim ersten Anruf fort. 
Und ich sah es wieder vor mir, wie sie sich nach mir um 
wendet, mich siebt, erschrickt, aufschreit und stirbt . . . 
Erschrickt? Wie kam ich darauf? War sie denn er 
schrocken, mich so unverhofft eintreten zu sehen? Wo 
zu brauchte sie vor mir zu erschrecken, wenn sie an 
ihren Vater schrieb? — An ihren Vater? — Und da 
hielt mich der Teufel fest, da packte der Verdacht an 
mein Herz; Eifersucht erwachte in mir, ein Wirbel von
        
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