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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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nicht so rasch nicht gleich, nicht von 
gestern auf heute. Ich brauche Zeit. 
Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. 
Die Schuld muß und wird gesühnt wer 
den.“ 
Worin aber liegt denn eigentlich 
die große Schuld dieser Frauen, was 
haben sie gar so Böses verbrochen?“ 
Frau Martha blickte nachdenklich vor 
sich bin. — Sie haben ihre Gatten be 
trogen, das steht fest, aber was hat 
das mit meiner Rache zu tun? — Sie 
haben mir die Liebe meines Gatten ge 
stohlen, setzte Frau Marta ihre Analyse 
fort. Aber ist denn Sinnenrausch Liebe? 
„Sie haben mich verlacht in seinen 
Armen und dafür müssen sie büßen!“ 
Frau Marta schrie es heraus. — „Aber 
nein, auch das ist hinfällig, Hans hat 
ja stets für einen Junggesellen gegolten; 
somit haben sie von meiner Existenz gar 
nichts gewußt.“ 
Die junge Frau resümierte: „Wenn ich 
die Dinge vom gerechten Standpunkt 
betrachte, bin ja ich gar nicht verraten 
worden, sondern jene Armee von 
Frauen, die Hans mit seiner letzten 
Beichte mir ausgeliefert hat. Sie sind 
die Beleidigten, sie sind die Erniedrigten, 
erniedrigt vor mir, seiner legitimen Frau, 
der einzigen, die seiner Achtung wert 
war. Himmelhoch stehe ich über ihnen! 
Ist das nicht Rache genug?" 
„Nein, sie sollen nicht zahlen“, sagte 
Marta mit starkem Entschluß, nahm 
sämtliche Briefe aus dem Versteck und 
ordnete sie schichtweise in den Kamin. 
Dann zündete sie ein Feuer, an und 
starrte in die Flammen. Funken sprüh 
ten auf. Buchstaben und Worte, ganze 
Sätze bäumten sich empor, zuletzt fiel 
alles in ein glühendes Häuflein Asche 
zusammen. 
Frau Marta blickte in die Glut, so 
lange, bis die letzten Funken zerstoben 
waren, dann atmete sie erleichtert auf. 
Mit dem Qualm der ersterbenden 
Flamme zog ein leiser Hauch von Coty, 
Chypre und Houbigant zu ihr herüber. 
* 
Oben in der Ecke eine kleine Krone. 
Baronin B . . . Sie kannte diese unnah 
bare, beinahe hochmütige Frau. Also 
auch da hatte der Stolz eine Grenze 
gehabt — ? 
Dann kamen eine Nelly, eine Emmy, 
eine Ada, eine Helene — der bunte 
Liebesreigen wollte nicht enden. 
Marta hörte zu lesen auf, Ekel 
schnürte ihr die Kehle zu, sie erhob 
sich langsam, müde, ging mehrere Male 
im Zimmer auf und ab. Dann ließ sie 
sich wieder vor dem Schreibtisch nieder 
und setzte die qualvolle Lektüre fort. 
Grenzenloser Zorn bemächtigte sich 
plötzlich der sonst so sanften und gut 
mütigen Frau, aber er richtete sich nicht 
gegen den treulosen Gatten — er hatte 
ein anderes Ziel gefunden. Diese 
Frauen — sie waren an allem Unglück 
schuld, sie hatten den armen Hans ver 
führt, ihn in ihre Netze gelockt. Dafür 
sollten sie büßen. Ein wilder Rache 
durst überkam sie. 
„Sie sollen zahlen!“ schrie sie auf, 
„alle, alle. Zahlen für meine miß 
brauchte Jugend, zahlen für meine 
freudlose Ehe, zahlen für meinen ver- 
lorengcgangenen Glauben an die Men 
schen. Sie haben mich bisher nicht ge 
kannt, jetzt aber sollen sie mich kennen 
lernen!“ 
Ja, sie wollte sich rächen an diesen 
Frauen, die sich an ihrem Kostbarsten 
vergriffen hatten, die Sühne sollte teuer 
sein. Heute noch würde sie ihre An 
sprüche stellen, hohe Ansprüche, die 
allerhöchsten! 
Ein Häuschen auf dem Lande wollte 
sie fordern, das war immer ihr heim 
licher Wunsch gewesen. — Nur ein 
Häuschen? Nein, eine Villa sollte es 
sein, eine komfortabel eingerichtete 
Villa. Zu der Villa gehörte ein Auto, 
zum Auto eine Loge in der Oper, zur 
Loge die entsprechenden Toiletten, zur 
Toilette eine Perlenschnur! All das 
sollten die Frauen von ihrem Überfluß 
abgeben, sie waren reich, sie konnten es 
leicht, ohne dabei ein allzu großes 
Opfer zu bringen. 
„Aber“, überlegte Frau Marta, „wenn 
ihnen Geld kein Opfer bedeutet, wo 
bleibt denn dann die Strafe?“ Die Strafe, 
auf die sie um keinen Preis verzichten 
wollte? Nein, mit Geld konnte sie sich 
nicht zufrieden geben, ihre Rache war 
ihr für alle Schätze der Welt nicht feil. 
Sie wollte treffen. Tiefer, schwerer, 
teuflischer! 
Der Skandal! 
Es kam wie eine Erleuchtung über sie. 
Ja, das war die Rache, die sie suchte. 
In die Hände der Gatten sollten alle 
diese Briefe gelangen, in die Hände 
jener, die ebenso schwer beleidigt wor 
den waren wie sie. Wie Bomben soll 
ten sie ihnen ins Haus fliegen, diese 
Päckchen mit dem gefährlichen Inhalt, 
der explosiver war als Ekrasit, alle auf 
einmal im nämlichen Augenblick; die 
ganze Stadt sollte in Flammen stehen 
an allen Ecken und Enden zu gleicher 
Zeit. Dann brach er los, der Skandal, 
wie ein Zyklon wütete er, alles um sich 
her verheerend, es krachte in allen 
Fugen, das Gehäuse zahlloser wurm 
stichiger Ehen fiel in Nichts zusammen! 
In Frau Marias Augen stieg ein un 
heimliches Leuchten auf. Das sonst so 
ruhige Antlitz trug jetzt die Züge eines 
Medusenhauptes. 
Kurz entschlossen steckte sie das 
erste Päckchen in ein Kuvert, es waren 
die mit „Mimi“ Unterzeichneten Briefe, 
und schrieb mit fester Hand die Adresse 
darauf. Sie hielt inne. Hatte sie nicht 
vor kurzem in der Zeitung gelesen, daß 
der bekannte Kommerzienrat E . . , 
sich einer schweren Operation hatte 
unterziehen müssen? Jetzt konnte er 
besten Falles auf dem Wege langsamer 
Genesung sein. Wie, wenn die Auf 
regung ihm Schaden brachte, ihn wieder 
auf das Kranpenlager zurückwarf? — 
„Ich will mich mit diesen Briefen noch 
ein wenig gedulden“, sagte Frau Marta 
und legte das Kuvert beiseite. 
Die nächste war Elli, die Gattin des 
Komponisten. Der Briefumschlag, den 
Frau Marta benützte, konnte den allzu 
reichlichen Inhalt des Päckchens nicht 
aufnehmen, einige Briefe blieben liegen. 
Der Blick der jungen Witwe fiel auf 
das Datum. Die Briefe waren zwölf 
Jahre alt, also noch vor ihrer Verhei 
ratung geschrieben. Diese Briefe gin 
gen sie nichts an. Sie schob das Päck 
chen beiseite und griff nach dem 
nächsten. 
„Anni, Baronin B . . .“ Mit dieser 
stolzen hochnäsigen Person wollte sie 
abrechnen, mit dieser Frau, die ein 
Kind besaß und trotzdem . Es war 
ein liebliches Kind, Marta kannte es. 
Das kleine Mädchen war im Park ein 
mal der Pflegerin entlaufen, es hatte 
weinend bei ihr Schutz gesucht, ihr die 
Ärmchen entgegengestreckt: „Ich fürchte 
mich.“ Nein, dieses unschuldige Kind 
batte nichts von ihr zu fürchten. Auch 
dieses Päckchen warf sie beiseite. 
„Ich kann mich nicht in einen Weg 
drängen lassen, der nicht der meine ist, 
SPLITTER 
Wenn sich eine Frau in der Liebe ein 
mal die Finger verbrannt bat, ist sie 
vom Feuer nicht mehr fortzubringen . . . 
• 
Die Treue einer Frau beruht oft nur 
auf einer Augenkrankheit des Mannes. 
* 
Frauenlippen können lügen, ihre Augen 
können es nicht ... A.E.
        
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