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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Photos: Kiesel 
Augen, die Temperament verraten . . . 
Wer kann sich ihrer 
Wirkung entziehen? Den 
schönen Augen einer 
Frau entspringen faszi 
nierende Funken, denen 
oft ein Atom Belladonna 
die Leuchtkraft magi 
scher Sterne gibt. Ob sie 
traurig schauen, ob sie 
lächeln, ob in ihren 
Augen eine wissende Be 
gehrlichkeit liegt oder in 
dem sanften Lächeln eine 
wunschlos« Entsagung, 
ob sie uns schmerzliche 
Sehnsüchte oder himm 
lische 'Glückseligkeiten 
offenbaren — immerwer- 
den sie mit diesen ziel 
sicheren Waffen das 
ewig Männliche bändigen 
und anbetend zu ihren 
Füßen zwingen. 
Niemals werden Män 
ner einem rhythmisch 
feingegliederten Frauen 
leib ihre Huldigung ver 
sagen, und doch ist es 
das Gesicht, sind es vor 
allem die Augen, die sich 
ihnen am meisten ein 
prägen. 
Ihr tiefstes Interesse 
gehört doch dem Kopf 
als Träger des Gesichts, 
mit den Augen als Spie 
gel der Seele, mit dem 
Liebreiz feingezeichneter 
Augenbrauen, mit dem 
seidigen Glanz langer 
Wimpern, mit dem cha- 
Die amerikanische Tänzerin Miss Florence 
rafcteristisohen Profil, mit 
dem auch im Schweigen 
sprechenden Mund, dem 
Spiel der Mienen und 
ihrem wechselnden Aus 
druck. 
In der Mona Lisa flutet 
uns ein Lächeln geheim 
nisvoll und berückend 
wie Mondenschein noch 
stärker aus den Augen 
als von ihrem Munde 
entgegen. Der große Zau 
berer des malerischen 
Helldunkels und der ah 
nungsvollen Dämmerung, 
Leonardo da Vinci, hat 
uns hier das siphinxartige 
Lächeln verewigt. Wie 
ein Hauch überlegener 
Ironie und alles durch 
dringender Selbstsicher- 
hedt spielt es um die 
schmalen, leichtge 
schwungenen Lippen der 
Jokonda, leuchtet es aus 
ihren nachdenklichen, 
sanften, ein wenig spöt 
tischen Augen, ein Blick, 
ein Lächeln, so kompli 
ziert und beseelt, wie es 
uns kein anderer Maler 
gegeben hat. 
Das Fluidum des sug 
gestiven Blickes flicht zu 
allen Zeiten fesselnde 
Stricke, an denen die 
Hampelmänner bisweilen 
zu Dutzenden zappeln. 
H. L. 
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