Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

8 
utta schreckte zusammen, als die Tür 
ihres Zimmers sich öffnete und ihr 
Gatte über die Schwelle trat. 
„Du bist schon zurück?“ 
„Ist dir das unangenehm?" 
„Oh, nein, durchaus nicht.“ 
Sie lehnte sich in ihren Polstersessel 
zurück, während er begann, im Zimmer 
auf und ab zu gehen. 
Nun lag tiefes Schweigen zwischen 
ihnen. Nur das Ticken der Uhr und der 
auf dem dicken Teppich dumpf wer 
dende Tritt seiner Füße war zu hören. 
Da zerschnitt ihre klagende Stimme 
die Stille: „So setz dich doch. Das 
Rennen macht mich nervös.“ 
Er ließ sich in den Sessel fallen, der 
dem ihren gegenüberstand. Dabei fielen 
seine Augen auf einen großen Flieder 
strauß, der auf dem Schreibtisch stand. 
„Ah, von wem hast du den herrlichen 
Strauß?“ Sie folgte der Richtung seiner 
Blicke. Ihr unbewußt legte sich ein ver 
träumtes Lächeln um ihren Mund, als 
ihre Augen auf dem Flieder ruhten. 
„Langenfeld schickte mix den Strauß 
als Abschiedsgruß. Du weißt, daß er 
heut abend eine längere Reise antritt.“ 
„Soo — Langenfeld — der ist doch 
sonst nicht so liebenswürdig?“ 
„Ja — ich habe mich auch gewundert.“ 
Sie sprach so leise, daß ihre Worte kaum 
verständlich waren. 
Eine jähe Röte färbte seine Stirn und 
Zorn ließ seine Augen blitzen. „Du 
lügst — der Strauß ist nicht von Langen 
feld.“ 
„Aber — wenn ich dir doch sage —“ 
stotterte sie. 
„Du lügst — du lügst“, schrie er, 
sprang auf, stellte sich vor sie hin. 
„Von wem sollte er denn sonst sein?“ 
Sie war blaß geworden, blickte ihn aus 
erschreckten Augen an. 
„Dieser Fliederstrauß ist von mir. Ich 
habe ihn dir geschickt, weil ich wollte, 
daß du dich verraten solltest.“ 
Nun wich ihre Blässe einer tiefen 
Glut. „Von dir?“ 
„Von mir. Und du glaubtest, er sei 
von dem Manne, den du liebst. Langen 
feld schobst du nur vor.“ 
„Den ich liebe?“ hauchte sie und 
schloß die Lider. 
„Deine Liebe gehört nicht mehr mir“, 
fuhr er unerbittlich fort. „Schon seit 
Wochen.“ 
„Ich schwöre dir —“ 
„Ich weiß, Jutta, — du hast den letz 
ten Schritt noch nicht getan —“, seine 
Stimme wurde weich und milde —, da 
rum möchte ich dich schützen, vor dem, 
was du in blinder Leidenschaft tun 
könntest. Geh zu dem Manne, den 
du liebst und sage ihm, daß du frei 
bist.“ 
„Du — du willst —“ 
„Dir die Freiheit geben, um nicht be- 
trogen zu werden.“ 
„Ich habe gekämpft — Theo — du 
bist so gut —“ 
„Laß das“, sagte er wieder hart ge 
worden. 
Als er gegangen, blieb Jutta still in 
ihrem Stuhl sitzen. Das Flerz war ihr 
schwer. Sie hatte ihm einen unendlichen 
Schmerz bereitet. Er war ihr doch nicht 
gleichgültig. Sie hatte ihn geliebt, bis 
sich der andere dazwischen gedrängt. 
Der andere, dem er den Weg freigeben 
wollte. 
* 
Jutta stand vor der Tür des anderen. 
Noch zögerte sie, die Klingel zu ziehen. 
Niemals hatte sie seine Wohnung be 
treten, trotzdem er sie viele Male darum 
gebeten. Als Gattin Theos hatte sie 
das nicht tun können.' Aber heut — 
da war sie es nicht mehr. — 
So laut und schrill tönte die Glocke, 
daß .sie zusammenzuckte. 
„Der Herr Baron ist gerade bei der 
Toilette. Darf ich bitten, einzutreten?“ 
Der Diener führte sie in einen Raum, der 
mit alten Danziger Möbeln bestellt war. 
Ein Riesenschreibtisch. Viele Sessel. 
Ein breiter Diwan mit Decken und 
Kissen. Das waren die Gegenstände, die 
Juttas gleitende Blicke im Fluge auf- 
nahmen. Da trat er durch die Tür. 
„Jutta — du bist die Dame?“ Staunen 
spiegelte sich in seinen Zügen. „Lieb 
ling — ist irgend etwas passiert?“ 
„Ja, Gert — es ist etwas passiert.“ 
Sie sagte es ganz langsam und feierlich. 
Dann aber jauchzte sie auf: „Ich bin 
frei!“ 
„Was soll das heißen?“ stieß er hervor. 
„Das soll heißen, daß Theo sich von 
mir scheiden läßt, damit wir uns hei 
raten können.“ 
„Heiraten? Wer denkt denn an so 
was, liebes Kind?“ 
„Ja — aber — du — du hebst mich 
doch!“ 
„Ich will dir etwas sagen, Kind — ich 
habe dich geliebt, so lange du verhei 
ratest warst — nun — da du es nicht 
mehr bist —“ 
Sie hob die Hand. Ließ ihn nicht 
weiter sprechen.' „Still — schweigen Sie“, 
flüsterte sie mit einer Stimme, der man 
die Beherrschung anmerkte. 
„Welch eine Dummheit, deinem Mann 
von deiner Liebe zu sprechen." 
„Von meiner Liebe?!“ sagte sie voll 
Bitterkeit. Dann fuhr sie auf. „Er weiß 
auch, ohne daß ich ein Geständnis 
mache, wie es in meinem Herzen aus 
sieht.“ 
„Sie sollten sich nicht scheiden lassen, 
gnädige Frau — er liebt sie mehr als 
ich.“ 
Sie sah ihn an. Groß und voll. Ein 
Zug von Verachtung legte sich um ihren 
Mund. „Davon bin ich überzeugt.“ 
• 
Weit in den Sessel zurückgelehnt, den 
Rauch seiner Zigarette in die Luft bla 
send, saß Theo in Juttas Zimmer und 
erwartete ihre Rückkunft. 
Je tiefer die Abendschatten nieder 
sanken, desto unruhiger wurde er. 
Sollte er sich in dem Baron getäuscht 
haben? War es ihm dieses Mal mehr 
als Spiel gewesen? Oder — hatte er die 
Gelegenheit benutzt —? 
Indem er Jutta die Freiheit gab, hoffte 
er sie sich zurück zu gewinnen. Wenn 
er falsch gerechnet? Wenn er selbst sie 
dem anderen in die Arme getrieben? 
Theo sprang empor. Den Zigaretten 
stumpf warf er in die Schale. Dann 
knipste er die Stehlampe an, setzte sich 
vor den Schreibtisch, auf dem der Flie 
derstrauß duftete und stützte seinen 
Kopf in beide Hände. 
Wann wird sie kommen? Und wie? — 
Als Jutta das Zimmer betrat, blieb sie 
erschrocken stehen. An ihrem Schreib 
tisch saß Theo: Seine Augen saugten 
sich fest an ihr. Ganz langsam erhob 
er sich. Stützte sich schwer auf die 
Platte des Tisches. 
„Nun — hast du es ihm gesagt?“ 
Da stürzte sie durch die Breite des 
Zimmers zu ihm hinüber, umkrampfte 
seinen Arm und schluchzte: „Er liebt 
mich nicht —“. 
„Arme Jutta“, seine Hand strich über 
ihr Haar. 
„Theo, du wolltest mein Glück —“ 
„Aus diesem Grunde gab ich dir die 
Freiheit.“ 
„Aber —“ 
„Ich wollte, daß du den Mann, der 
dich zu lieben vorgab, erkennen solltest.“ 
„Du- — du wußtest also —“ Plötzlich 
weiteten sich ihre Augen schreckerfüllt. 
„Aber — was — was soll nun — wer 
den?“ stammelte sie. 
„Ja — wenn du nichts mit deiner Frei 
heit anzufangen weißt “ 
„Theo — Theo —“ sie warf die Arme 
um seinen Hals — „kannst du mir ver 
zeihen?“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.