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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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„Die Gräfin von Amblimont“, sagte 
einer der Gaffer neben ihnen. 
„Die Amblimont, natürlich. Wie 
könnt’ ich nur . . .! Die Muhme der Frau 
von Pompadour.“ 
Frau von Amblimont war unter den 
Fußgängern eines Bekannten ansichtig 
geworden. Sie beugte sich aus dem 
Wagen und winkte, gerade über die 
Köpfe Lamets und Mariannens hinweg, 
nach rückwärts. „Guten Abend, Gali- 
ani!“ 
Mariannchen bemerkte es nicht. — 
„Die Pompadour?“ fragte sie mit großen 
Augen. „Das ist die, welche . . 
Der Perüokenmacher lachte: „Jawohl, 
Fräulein, die welche . . .“ 
„Werden wir die auch sähen?“ 
v,Glaub’ ich nicht. Sie kommt selten 
in die Stadt.“ Er senkte die Stimme. 
„Es gibt Leute hier, die sie nicht mögen. 
Man hat sogar schon gepfiffen, wenn sie 
varüberfuhr. Und-jüngst, des Nachts, 
haben sie ihren Wagen mit Kot be 
worfen.“ ' 
„Recht geschah ihr! Das muß eine 
schlechte Frau sein, sagt die Mutter, 
braucht so viel Geld, und den armen 
Leuten pressen’s die Steuereinnehmer 
ab.“ 
Lamet zog sie aus der Mitte der Um 
stehenden. 
„Vorsicht, Fräulein Marianne, so was 
sagt man besser nicht so laut.“ Und. 
halb im Scherz, halb im Ernst, erklärte er 
ihr; „Es gibt Aufpasser überall, und man 
sitzt hinter Schloß und Riegel, ehe man 
sich’s versieht.“ 
Erschrocken blickte sich Mariannchen 
um. — Die Menge hatte sich wieder 
verlaufen. Nur einer stand noch dort, 
und der, du lieber Gott! — der sah ihr 
wahrhaftig nach . . . Ein wunderlicher 
Geselle war’s, in der schwarzen Tracht 
eines Abbe: auf dünnen, kurzen Beinen 
ein mächtiger Leib, und zwischen den 
hohen Schultern ein großer -brauner 
Kopf mit scharfen, alterslosen Zügen, 
die einem Mann von Dreißig so gut 
angehören konnten, wie einem von 
Fünfzig. Und als ihre Augen nun die 
seinen trafen, die lustigen und klugen 
Augen eines Schalks, da lachte er wohl 
wollend und nickte ihr freundlich zu. 
Uber und über rot, beeilte sich 
Marianne, mit Lamet in eine Nebenallee 
zu verschwinden. 
Schweigend gingen sie Seite an Seite 
tiefer in den Park hinein. Immer leerer 
und stiller ward es rings um sie, und 
immer dunkler. 
Silberblaue Frühlingsnacht. 
Hinter den Laubwänden irgendwo 
gedämpftes Flüstern, ein unterdrücktes 
Mädchenlachen. 
Aus schwarzen Buchsbaumnischen 
leuchtete weißer Marmor, durch die 
zitternden Zweige rieselte der Mond, 
tropfte von den Blättern, ergoß sich in 
silbernen Bächen über den Weg. 
Vom Schloß her trug der Wind die 
süßen Klänge der Geigen und Violen; 
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bereits in 30 Kulturstaaten eingeführt, der 
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ein wiegendes, schmeichelndes Menuett. 
Auf eine steinerne Bank setzten sie 
sich nieder. Lamet rückte nahe, ganz 
nahe. Er versuchte, Marianne ah sich zu 
ziehen. Ein leises „Nicht doch, nicht“, 
ein kurzes Sträuben, dann fanden sich 
ihre Lippen. — 
Als sie an seiner Brust lag, so dicht an 
ihn geschmiegt, daß sie die schnelleren 
Schläge seines erregten Herzens hören 
konnte und in ihrem Nacken seinen 
heißen Atem spürte, da hub sie an zu 
klagen, wie übel es ihr gehe, wie arm sie 
und Mutter seien, und daß es sie ganz 
namenlos betrübe, der alten Frau zur 
Last zu fallen; allein es sei so schwer, 
in dieser großen Stadt ohne Kenntnisse, 
ohne Verbindungen vor allem, eine 
Stelle zu bekommen. Wobei sie aller 
dings weislich verschwieg, daß ihr das 
Nichtstun bedeutend besser behagte. Die 
Schilderung ihres eigenen Jammers aber 
ergriff sie derart, daß sie zu weinen be 
gann. 
Lamet machte: „Hm, hm . . sagte: 
„Ja, das Leben . . .“ und streichelte sie: 
„Nur ruhig, Kindchen, ruhig.“ 
Marianne schluchzte noch immer. 
Lamet neigt seinen Mund zu ihrem Ohr: 
„Schatz, armer Schatz — du tust mir 
weh — ich hab’ dich lieb . . .“ 
Sie hob die schwimmenden Augen zu 
ihm auf, drückte stumm seine Hand. 
Dabei dachte sie: Er hat mich gern — 
warum macht er mir keinen Vorschlag, 
mir zu helfen? — 
Und sie beschloß, deutlicher zu 
werden. 
Solche Worte täten wohl, sprach sie, 
sie sehne sich in ihrer Freudlosigkeit 
ja so sehr nach einem Menschen, der 
sie liebte, den sie lieben könnte; aber 
freilich, das müßte jemand sein, der 
seine Liebe nicht nur in schönen Reden 
bewiese . . . Ein wahrer Freund müßte 
es sein, einer, der ihr das Leben zu 
tragen hülfe, der ihr beistünde in ihrer 
schwierigen Lage. 
Lamet hatte verstanden. Aber auch 
er war nicht von heute. Und er sagte 
sich, daß er im Augenblick wohl zu 
wenig Herr seiner Sinne sei, um schwer 
wiegende Entschlüsse zu fassen und bin 
dende Versprechungen zu geben. Dar 
um blieb er die Antwort schuldig und 
begnügte sich, ihr durch Küsse auf Stirn 
und Wange — den Mund versagte sie 
ihm nun — zu zeigen, daß seine Gefühle 
durch ihr Geständnis zumindest nicht 
verringert worden. 
Ein fernere Trommeln, das langsam 
näherkam. 
„Wir müssen gehen, man sperrt den 
Park.“ 
Sie machten sieh Hand in Hand auf 
den Heimweg. Er geleitete sie bis in 
die Nähe ihres Hauses. 
Sie verabredeten ein Wiedersehen. 
Dann wollte er noch einen Kuß — da 
glitt sie lachend aus seinen Armen und 
eilte davon. 
Er aber stand und sah ihr nach, bis 
das helle Kleid in der Nacht verflattert 
war. 
Der kurzatmige Herr Bödmet hastete 
Lamet an die Tür entgegen: „Daß Sie 
endlich kommen! Das wird eine Über 
raschung —!“ 
Lamet, dessen Gedanken noch ganz 
woanders weilten, fragte gleichgültig: 
„Was gibts?“ 
Herr Bodinet kniff die geröteten Äug 
lein zusammen: „Raten Sie, wer da ist.“ 
Lamet wollte ins Hinterzimmer, wo 
er seinen Stammtisch hatte. Der andere 
versperrte ihm den Weg: „Erst raten!“ 
Doch Lamet war zu solchen Späßen 
nicht aufgelegt. Er -schob den dicken 
Wirt zur Seite. Herr Bodinet rief be 
leidigt: „Hören Sie, was ist Ihnen denn 
über die Leber gekrochen? . . 
Die jungen Leute, die allabendlich im 
„Goldenen Löwen“ zusammenzukommen 
pflegten — Kammerdiener, Friseure, 
Herrschaftsköche, alle rh andSchreiber volk 
— waren schon versammelt, und obenan 
saß — war er’s, war’s eine Täuschung? 
. . . wahrhaftig, dort saß Christoph 
Marin, Lamets alter Kollege aus der Ge 
sellenzeit her, der vor zwei Jahren nach 
England gegangen war. 
„Marin, bist du’s wirklich? , . be 
grüßte ihn Lamet -mit Wärme. 
Kühl und herablassend reichte Marin 
dem alten Freund die Hand. „Grüß 
Gott, Lamet, wie geht’s denn?“ 
Darauf setzte er, ohne eine Antwort 
abizuwarten und Lamets weiter zu ach 
ten, seine Erzählung fort. 
Die handelte von dem unerhörten 
Glück, das ihm in London beschieden 
gewesen, dank der Gunst einer schönen 
einflußreichen Lady — aber ein Ehren 
mann müsse zu schweigen wissen . . . 
Rings lauschte man mit staunender 
Bewunderung. 
„Ja, da drüben kann unsereins noch 
sein Glüch machen“, schloß Marin, 
„wenn man seine geraden Glieder hat 
und etwas Grütze im Kopf.“ Er rieb 
seine gepflegten Hände und ließ seine 
Ringe glitzern. 
Lamet füllte nachdenklich sein Glas. 
„Du könntest einem also raten, hin- 
üiberzugehen?“ fragte er sinnend. 
„Das könnte ich, mit gutem Gewissen. 
Aber was rede ich, ihr seid nun einmal 
alle Stubenhocker, ohne Unterneh 
mungsgeist, ohne Schwung, ohne Cou 
rage, für euch ist’s schon besser, ihr 
bleibt im Lande und nährt euch redlich.“ 
Daran knüpfte sich eine lebhafte Aus 
einandersetzung, das Für und Wider des 
Auswanderns wurde erwogen, Beispiele 
genannt von solchen, die in der Fremde 
Erfolge gehabt und anderen, die zu 
grunde gegangen waren; man erhitzte 
sich sehr. Marin wurde immer lauter 
und ungestümer und büßte bald seine 
lordhafte Gemessenheit ein. 
.„Was, meint ihr etwa, ich renom 
miere?“ schrie er „Da, da, seht her!“ 
Er riß aus seiner Tasche einen Leder 
beutel und ließ die Goldstücke über den 
Tisch rollen. 
Gegen solche Beweisgründe wußten 
selbst die Mißtrauischsten keinen Ein- 
wand mehr. 
Lamet hatte sich schweigsam verhal 
ten. Zeitiger als sonst brach er auf. Er 
fragte Bonnard: „Sonntag, nicht wahr, 
vor St. Roch?“ 
„Gegen zehn, bei schönem Wetter.“ 
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