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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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TANZ 
D ie Tanzwut, so versichert man, hat 
nachgelassen, es wird nicht mehr 
halb so viel getanzt wie etwa noch vor 
zwei Jahren. Nun gut, wenn die Wut 
nachgelassen hat, so ist immer noch die 
bessere Hälfte übrig geblieben, nämlich 
der Tanz. Mögen diejenigen Stätten — 
ich glaube, so nannte man die Lokale 
damals — in denen alles eher als ge 
tanzt wurde, nur ruhig verschwinden, 
und solche Lokale übrig bleiben, in 
denen man sich doch ein wenig geniert. 
einfach zu starten, ob man etwas ver 
steht oder nicht, und stillos drauflos 
zu steppen. 
Ich glaube nicht recht an die Schauer 
nachrichten von einer Dekadenz des 
Tanzes; im Gegenteil, man startet jetzt 
viel lieber, viel freier und ungezwun 
gener als damals, als es noch das gab, 
was sich Reichsverband für Tanzsport 
benamste. Mein Gott, unsereiner, der 
tatsächlich nur in aller Harmlosigkeit 
mal nachmittags oder abends ausge 
gangen war (mit oder ohne Part 
nerin), und, da man nicht gerade krumm 
gewachsen und hölzern ungelenkig war, 
so sein halbes Dutzend Tänze zwischen 
den Gängen oder beim Tee zu absol 
vieren gedachte, unsereiner zitterte fast 
bei dem Gedanken; Da irgendwo am 
Rande des Parketts sitzt so ein Jury 
mitglied oder sonst ein hoher — Be 
amter und verzieht ob unseren Evolu 
tionen sein Gesicht zu einem Hohn 
lächeln von einem Ohr zum andern. 
Wenn dann das betreffende Jurymit- 
glied noch dazu selber startete, und 
irgendwie langweilig aber doch unnach 
ahmlich seine Figuren zog, machten wir 
denn, daß wir verstohlen und ohne viel 
Aufsehen vom Parkett runter kamen. 
Und das, so fürchte ich, war typisch für 
den ganzen Tanzbetrieb; die Sache 
drohte in eine höllische Rekordtreiberei 
auszuarten, indem zehntausend zu- 
guckten, wie zehn tanzten. 
Wie gesagt: Immer sahen wir im 
Geiste irgendein Vorstandsmitglied da 
sitzen, das wahre Damokles-Schwert im 
Evening-dress. Nun gibt es keinen Tanz 
sport mehr, sondern nur noch Gesell 
schaftstanz — und das scheint mir auch 
ganz richtig so, denn schließlich ist der 
Tanz eine festliche, gesellschaftliche 
Veranstaltung oder doch ein Teil davon 
und nicht ein Gymkhana. Nun kann 
man wieder, anstatt mit „nach innen 
gerichtetem Blick“ gleich einem be 
frackten mathematischen Exempel durch 
den entmaterialisierten Raum zu 
schweben, auch Interesse an anderen 
Dingen haben, welche die festliche 
Stimmung ausmachen. Dem Umstand 
kommen die Tanzlokale, die bei allem 
Konservativismus doch stets den Nerv 
fürs Allerneueste haben, genügsam ent 
gegen. Ein Tanzpalast dm Zentrum, der 
Pavillon Mascotte, hat das Parkett in 
numerierte Felder einteilen lassen, 
plötzlich stockt die Musik der Kapelle 
Bernard Ette, jedes Paar sucht, eine 
Nummer auf, ein Glücksrad rattert — 
die Paare auf Nummer Soundsoviel und 
Soundsoviel haben irgendwelche Prä 
mien gewonnen. Dabei ist die Ver 
teilung so gut organisiert, daß nicht 
etwa, wie andernorts, die Dame »stets 
den Rasierapparat bezieht, während der 
Herr egalweg den Hau 
tana — aber das darf 
man wohl gar nicht 
sagen. In Parenthese: Es 
kommen absolut unan- 
züglidhe Preise zur Ver 
teilung. Das Ganze ist 
so eine Art komplizier 
teres .»Musical chair“, 
wie wir es in der Jugend 
gespielt haben. Und zwar 
mit fast denselben komi 
schen Intermezzi. Ein 
paar junge Damen sind 
da, die kreisen immer 
unentwegt um eine Num 
mer so zwischen 30 und 
40, sie weichen nicht, wie 
sehr sie der Strom der 
Tanzenden auch um 
brandet, sie kaprizieren 
sich gerade auf die Num 
mer, denn das ist die Zahl der Kerzen 
auf ihrem letzten Geburtstagskuchen. 
Ungemein drollig ist es auch, die 
glücklichen Sieger nachher den Tanz 
saal verlassen zu sehen, wenn die Pas 
santen auf der Straße den Eindruck er 
halten, es wäre die neueste Mode, daß 
die Dame ihren Teddybär und der Herr 
seine Kiste Importen zum Tanz mit 
bringt. 
Da der Kern der Sache sich heuer in 
folge Versagens von Slavoma und Char 
leston nicht erneuert hat, muß halt die 
Folie verändert und bunter gestaltet 
werden. Mit Luftballonregen, Schnee 
ballschlacht und bengalischem Alpen 
glühen allein ist es jetzt nicht getan. 
Kixzy.
        
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