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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Dinge, an denen der ganz Vereinsamte 
sein Leben aufrecht erhielt. 
Unter den unzähligen' Werken dieses 
Themas ist das Buch Bruno Franks 
vielleicht das einzige, das den König 
Friedrich dem Leser in äußerste 
menschliche Nähe bringt. 
Walter Eidlitz, der mit dem 
Literaturpreis der Stadt Wien ausge 
zeichnete Verfasser mehrfach aufge- 
tührter Theaterstücke,! veröffentlicht 
sein erstes größeres Prasawerk: „Die 
Laufnahn der jungen Clo 
th il de“ (Zsalnag-Verlag, Berlin- 
Wien). In diesem Roman erzählt Eid- 
litz von dem Schicksal eines Mädchens, 
das sich aus kleinbürgerlicher Umge 
bung und freudlosen Tagen in das 
Reich künstlerischer Betätigung hin- 
üborrettet, bis sie Erlösung durch den 
Mann findet. Drei Männer werben um 
sie. Der erste stark, mit der Geste 
des Selbstverständlichen, führt die 
Sprengung aller äußeren Hemmung her 
bei, ohne endgültige Befriedigung zu ge 
währen. Der zweite entsagt, weil er, 
stets Zuschauer des Lebens, nicht die 
Sicherheit besitzt, sein eigenes Schick 
sal zu gestalten; während dem dritten, 
scheu und gebeugt, und doch dem 
männlichsten von allen, die Kraft zur 
Erkenntnis des rechten Weges ent 
strömt. Diese beiden, jener in Ab 
stand von den Dingen, dieser ganz der 
Wirklichkeit verhaftet, messen sich in 
einer nächtlichen Begegnung, bei der 
die Kunst des Verfassers auch die 
leiseste Regung fühlbar werden läßt. — 
Die Sprache des Buches ist seltsam 
herb, und nicht immer schlackenfrei; 
manches Geschehende wirkt erzwun 
gen. Und doch klingt aus der eilenden 
Schärfe der Prosa etwas Eigenes heraus. 
Der Engländer Georg Moore, der 
Freund Vorläihes, hat wie sein Lands 
mann Shaw den scharfen Verstand, mit 
dem er denken und spotten und 
zweifeln kann. Aber er besitzt auch, 
hierin Oscar Wilde verwandt, den Sinn 
für Kultur, das Gefühl für den Stil und 
die Sonderheit einer Epoche. In seinem 
entzückenden kleinen Buch: „Liebes- 
1 e u t e in O r e 1 ay“ (S. Fischer Ver 
lag, Berlin) finden zwei Liebende nach 
jahrelanger Trennung fast durch einen 
Zufall für kurze Zeit wieder zusammen. 
Alle Entfremdung ist schnell überwun 
den, sie berichten und beichten, spielen 
miteinander, locken und enttäuschen 
sich, werden vom Alltag ernüchtert und 
berauschen sich endlich im Zauber der 
Gegenwart, die freilich bald Vergan 
genheit wird. 
All das ist leicht und geistvoll er 
zählt, auf jeder Seite sprühen die Aper 
cus, die manchmal sogar mehr als eine 
halbe Wahrheit in sich tragen.. Denn 
Moore weiß Von der Welt, von Ver 
langen und Tugend, von Sentiment und 
Leidenschaft. Und er kennt vor allem 
die Frau. Was sagt bei ihm Doris, als 
der Liebende sie bestürmt, ihn nicht 
bis zum Ende der Reise ohne Erfüllung 
zu lassen? „Siehst du, Lieber, ich 
kann unmöglich die ganze Reise nach 
Paris auf einmal machen. Eine Eisen 
bahnfahrt von vierundzwanzig Stunden 
wäre mein Tod. Wir müssen irgend 
wo rasten.“ Und der Autor bemerkt: 
„Vielleicht ist keine Eigenschaft so 
menschlich wie die, Ausreden zu ge 
brauchen. Ihren Körper konnte sie ent 
hüllen, 'ihre Seele nicht . . .“ 
Das Wesen eines Menschen lebendig 
werden zu Lassen, hat der Essayist viel 
fache, oft entgegengesetzte methodische 
Möglichkeiten; und dieser Fülle ent 
spricht die Vielfalt des Ergebnisses: 
Vergegenwärtigung oder Entgegenwär- 
tigung, Historie oder Legende, Verdeut 
lichung oder Deutung. So scharf um 
grenzt läßt sich Felix Saltens 
Buch „Geister der Zeit. Erleb 
nisse“ (Verlag Paul Zsolnag) nicht 
bestimmen. Salten folgt keiner grund 
sätzlichen Einstellung, sondern macht 
die Wesensschau von der Wesensart des 
Einzelnen abhängig. So wechselt 
ständig der Ausgangspunkt der Betrach 
tung: persönliche Begegnung, Anekdote, 
Überlieferung, Beurteilung durch andere, 
Erinnerung. Sein immer gleiches Ziel 
aber nennt Salten; „Menschen, die ein 
Werk vollbringen, sind Modelle, die zu 
porträtieren dankbare Aufgabe bleibt. 
Die Aufgabe liegt darin, sie zu erkennen 
und für andere erkennbar zu machen. 
Also porträtieren . . . nicht kritisieren. 
Denn die Bejahung allein ist es, die 
fördert.“ 
Geister der Zeit: die Zeit ist, nur 
ungefähr bestimmbar, die letzte Jahr 
hundertwende. Und Geister? Das 
sind, im mehrfachen Sinne des Begriffes, 
Dichter und Schriftsteller, Bildkünstler 
und Musiker, Mimen, Politiker und 
Abenteurer. 
Besonders bewundert man an diesem 
Buche, wie fast stets in einem einzigen 
Satz das Wesen einer Gestalt erfaßt 
wird. Allenberg und Heymel, Girardi 
und Blasel, Klinger und Klimt, Mahler 
und Nikisch, Kainz und die Düse, 
Kaltneker und Wedekind, ■— das sind 
Name und Inhalt der wesentlichen Es 
says, Salten sucht nicht die Strenge 
der Form. Das liegt an seiner Arbeits 
weise, die hier fast den Eindruck des 
gesprochenen Wortes erweckt. Er hält 
Zwiesprache mit ’ sich, holt seine Erin 
nerungen hervor, immer lebendig 
schildernd, weil all das erlebt ist auf 
einem reichen Wege. 
Dieser Weg hat ihn früh nach Wien 
geführt. Darum gilt dieser Stadt vor 
allem sein Tadel, sein Spott, seine 
Härte, also: seine Liebe. Die andere 
große Neigung Saltens ist das Theater, 
man fühlt es aus jeder Zeile. Immer 
wieder ertönt die Klage, daß auch des 
genialen Darstellers Gestalten mit 
seinem Sterben verblassen. 
Neben Kunst- und Kultur Historie ent 
hält dieses Buch noch ein Drittes: tiefe 
Erkenntnisse eines Menschen, der die 
Heuchele! nicht nur des künstlerischen 
Durchschnitts entlarvt und für viele 
Probleme eine prägnante Lösung er 
reicht. 
Aus solcher Reife entstehen die Auf 
sätze am Schluß der Sammlung, „Wir 
kungen aus der Ferne“ genannt. Der 
Essay über Tolstoi, bewußt an das 
Ende gestellt, krönt das Buch, dessen 
Wert mit dem Satze des Autors ge 
kennzeichnet wird: „Die Künstlerschaft 
allein ist die Legitimierung alles 
Strebens und aller Versuche.“ 
Dr. Fritz Goldberg. 
RÄTSELECKE 
Kreuzworträtsel 
Die einzelnen Zahlen, die jedesmal bis zu 
dem schwarzgezeichneten Felde reichen, be 
deuten w ager echt gelesen: l. Säugetier, 4. 
Name einer Moschee in Konstantinopel, 7. 
Depeschenboot, 8. Behälter, 10. ostasiatisches 
Fort, 12. bestimmter Platz, 14. Komponist, 
16. Monatsname, 17. europäische Hauptstadt, 
19. Getränk, 21. männl. Vorname, 24. Edel 
metall, 25. Ruhelager, 26. Schimpfwort, 27. 
das Reich der weißen Elefanten. 
Senkrecht gelesen; 1. findest du in 
Venedig, 2. Teil eines Seglers, 3. kirchlicher 
Gruß, 4- Himmelsrichtung, 5. alttestamentl, 
Stamm, 6. atemraubende Luft, 7. Teil des 
Baumes, 9. afrik. Bezeichnung für Krieg, 11. 
Telegraphengerät, 13. Gegensatz zur Nacht, 
15. bibl. Gestalt, 17. wachsender Wein, 18. 
etwas Launenhaftes, 19. Mädchenname, 20. 
Stadt in Holland, 22. Schöpfung von Horaz, 
23. afrikanischer Strom, 24. Brennstoff, 
« 
Vielbegehrt 
Ein Herr von Wort aß furchtbar gern 
Mit Kopf und Fuß das Wort; 
Gedeiht dies Wort auch nur sehr fern, 
Man kauft das Wort in jedem Ort. 
* 
Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer: 
Kreuzworträtsel 
Wagerecht: 1. Doge, 4. Esel, 8. Ida, 9. 
Deut, 11. Seal, 12. Lopez, 15. Einer, 18. Arno, 
19. Leim, 21. Not. 22. Ilm, 23. Dieb, 24. 
Amme. — Senkrecht: 1. Dido, 2. Ode, 3. 
Gaul, 5 Suez, 6. Eva, 7. Lola, 11. Segel, 14. 
Sand, 16. Reim, 20. Ilm, 10. Tokio, 13. Pan, 
15. Ente, 17. Imme. 
Magisches Quadrat: Ebbe, Bier, Beil, Erle. 
« 
Besuchskartenrätsel; Apotheker 
e 
Zweierlei: Ader — Oder 
• 
Kryptogramm. 
lESSing — UNDenbaum — tuNICa — 
lacHTAube — weinkeLLEr — alFREd — 
fIDIbus — wEIHnachten — pRERow — 
raKETe — paTENt — ritterSPOm — 
laTTENfritze. 
Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten! 
(Lessing; Nathan der Weise) 
Verla?; Almanach-KunstverlagA. G. Berlin SW 61 / Für den künstl. und redaktionellen Teil verantwort!,; Redakteur Friedrich F. Kalmar, Berlin W 62 / Für die 
Inserate-.Fritz KrOgcr, Berlin / Schriftleitung u. Expedition-, Berlin SW 61, Belle-Alliance-Platz 8 / Inserate kosten je mm HoheSO Goldpfennige (Spaltenbreite 30 mm) 
unter Text 4,— OM, (Spalfnbr. 90 mm>. Preise für Vorzugsseiten und für Inserate in Mehrfarbendruck aut Anfrage. / Fernspr.; Dönhoff 5483 / Klischees und Offset» 
druck: Dr. Seile *3D Co. A. G. Berlin f- W29, Eossener Str. 55 / Manuskripte und Bilder können nur dann zurückgesandt werden, wenn Rückporto beigefügt ist / Man 
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