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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. i 
6 
Ihnen, mein Fräulein Helferin. Dürften wir auch um 
Ihre Begleitung zur Polizei bitten?“ 
In den Ohren Prinz Liliputs rauschte es gleich einem 
Blätterwald im Sturm. Blendende Blitzstrahlen zer 
rissen die finsteren Gewölke unter seiner Hirnschale. 
Seine Hände fingerten in rasender Hast ineinander, 
als zerrten sie an einer verrammelten Pforte, hinter 
der die Wahrheit verschlossen sei. Seine Augen 
dolchten sich in die ihren . . . die ihm begegneten . . . . 
demütig . . . hoffend .... flehend .... verheißend . . . 
„Sie irren, meine Herren“, hörte er seine Stimme 
knarren, „dies Fräulein und ich .... Wir kennen uns 
gar nicht . . . Ich bat sie heute, nach der Schaustelllung 
herzukommen .... einen Augenblick nur .... Sie ver 
stehen .... Man hätte den Wertgegenstand bei ihr 
gefunden .... oder . . . bei einem ihrer Liebsten.“ 
Seine Worte schluchzten. „Ich war ungeschickt. Sie 
fanden die Uhr noch bei mir. Was nützte mir’s auch, 
wenn ich leugnen wollte. Das Fräulein hier ist un 
schuldig. Ich will es beschwören. . . . “ 
Die charmante Ehe des Marquis d Albon 
Eine Lächelei aus dem Rokoko von FRITZ ZIELESCH 
u der Zeit, da sich im Paris des fünf 
zehnten Ludwig ein Fest an das andere 
reihte, versammelte sich eines Morgens 
eine glänzende Gesellschaft in der 
Kirche von Notre Dame. Die Kom 
tesse Virginie Dubois sollte mit Orgel 
klang, Priesterspruch und Ehering zur 
Marquise d’Albon erhoben werden; 
und wenn es auch an heimlichen 
Spöttern nicht fehlte, die es für ein verspätetes Beginnen 
erklärten, aus der Virginie eine Madame machen zu 
wollen, so ätzten solche Reden doch niemandes Seele 
und man wußte die Enthüllung mit Grazie zu würdigen. 
Die Stunde rückte bereits zum Mittag, und das Volk 
auf der Straße wurde geradeso ungeduldig wie die 
Gäste in der Kirche, als endlich auf der Pont d’Arcole 
einige hochzeitliche Gefährte sichtbar wurden. Im 
vordersten Wagen saß die verwitwete Marquise Dubois, 
die Mutter der Braut, mit dem Marquis d’Albön, dem 
Vater des Bräutigams. Dem Alten lag eine unfestliche 
Wolke über den Brauen, und er wandte sich eben zu 
der Begleiterin, die unruhigen Blicks die Straße hinauf 
sah. 
„Mein sauberer Herr Sohn“, sagte er und stieß den 
goidbeknopften Stock heftig auf, „läßt sich unbillig und 
über Gebühr lange erwarten. Sollte ihn, allen guten 
Versicherungen entgegen, wieder der Trotz haben?“ 
„O, es gäbe keine Genugtuung für eine solche Bloß 
stellung meiner geliebten Tochter“, erwiderte die Mar 
quise und fächelte ihr wetterleuchtendes Gesicht, „ikch 
mein Freund, hätten doch unsere hochseligen Eltern 
uns damals nicht die Ehe verwehrt! Dieser Tag wäre 
uns erspart geblieben!“ 
„Er wird es nicht wagen“, versetzte der Marquis, 
„noch gestern erhielt ich ein Billett aus Lyon. Er hat 
die Reise begonnen. Er ist mit der Heirat einverstanden. 
Versagte man uns die ehliche Gemeinschaft, meine 
teure Freundin, so sollen wenigstens unsere Kinder 
miteinander glücklich werden. Ohne Zweifel wird 
Rene bereits in Paris eingetroffen sein, und — glauben 
Sie mir! — das Glück wird ira neuen Palais d’Albon 
nicht ausbleiben.“ 
Während der Wagen nun vor der Kirchentür hielt, 
erschien auf dem Pont Düble eine bestaubte Reise 
chaise, die an einer Seitenpforte der Kathedrale vorfuhr. 
Der Insasse begab sich eilends zum Haupteingang, tra f 
auch noch rechtzeitig ein, um den väterlichen Marquis 
und die Brautmutter begrüßen zu können. Die be 
schwerliche und lange Reise mußte ihn wohl ent 
schuldigen, und jedenfalls war man froh, daß man den 
Hochzeiter hatte. 
Eine kleine Weile später stand Rene d’Albon vor dem 
Altar und hielt die Hand der Komtesse Virginie Dubois, 
die ihm ehelich angetraut werden sollte. Derweilen der 
Gottesmann unter guten Reden den Blick in die Kuppel 
hob und daselbst bereits vorahnend die köstlichen 
Leckerbissen der Hochzeitstafel abgebildet sah, warf der 
junge Marquis von Zeit zu Zeit einen Blick seitwärts in 
das Angesicht der Komtesse. Ersah sie in seinem Leben 
zum ersten Male, und mußte dem fürsorglichen Vater 
zugestehen, daß er nicht übel für des Sohnes Leib und 
Leben gesorgt hatte. Die Komtesse war schön. Aber 
der junge Marquis dachte nicht — etwa an die kommen 
den Stunden. Sein Blick flog gen Lyon. 
Und auch die Komtesse Dubois hörte von den Worten 
des geistlichen Gourmands nicht mehr als dieser selbst 
und als der künftige Gemahl. Wohin schauten ihre 
Gedanken? Sie hatte ein frivoles Lächeln um den Mund 
gelegt, und dies nicht nur, weil sie wußte, wie gut es 
ihr zu Gesichte stand. 
Zur Seite aber saß der alte Marquis mit der Jugend 
freundin und drückte ihr verstohlen die Hand. Sie 
netzte das Schnupftüchlein mit mancher Träne, und da 
der Priester soeben die geweihten Ringe zur Hand nahm, 
um das junge Paar in den Reif des Goldes zu schlagen, 
flüsterte sie dem Vertrauten ihrer frühen und späten 
Tage entzückt in die Ohren: „Es führt eine Ader vom 
Ringfinger gerade zum Herzen. Die Magie wird uns 
helfen, mein Freund! Unsere Kinder werden einander 
lieben müssen!“ 
Dem Marquis schien dies freilich nicht ganz sicher 
zu sein. Er dachte an die eigene Trauung, und wie sich 
die Magie des Eheringes leider gar nicht bewiesen hatte. 
Und gar der Ring der Marquise — ? Gleichwohl, der 
Augenblick war festlich und rührend. Man hörte, wie 
allenthalben die Tüchlein und Näslein miteinander in 
Berührung kamen, und die schwarzen Gedanken, die 
sich wohl an den unhochzeitlichen Mienen des jungen 
Paares nähren mochten, flogen davor hinweg. 
Endlich war die Zeremonie überstanden. Der Mar 
quis Rene d’Albon führte die Marquise Virginie d’Albon 
durch den Mittelgang ins Freie. Die alten folgten, die 
Gäste drängten nach. 
Vor der Kirche nahm der junge Gemahl seinen Arm 
aus dem der jungen Gemahlin. Er verbeugte sich ein 
wenig gegen Virginie, die ihn erstaunt betrachtete. Er 
sagte: 
„Frau Marquise, ich bin dem Wunsche Ihrer Frau 
Mama und meines Vaters gehorsam gewesen. Sie 
wissen durch heimliche Zuträger, Madame, daß ich einer 
Frau in Lyon für das Leben, wenngleich nicht legitim, 
verbunden bin. Meine charmante Gemahlin, auch mir 
dienten Zuträger. O, fassen Sie sich! Ich hoffe, Sie 
werden sich glücklich schätzen, das Palais d’Albon 
allein beziehen zu müssen, während ich mit Ihrer 
liebenswürdigsten Erlaubnis nach Lyon zurückkehre und 
hoffe, daß es Ihnen an artigerer Gesellschaft auch hin 
fort nicht fehlen wird.“
        
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