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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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,Mittäterschaft* in die Hand gegeben. 
Ihm winkte ein doppelter Sieg. 
Als er bei Henn eintrat, blieb er voll 
Erstaunen an der Türe stehen. 
Er sah sich dem Sekretär von Sankt 
Annen gegenüber. Auch Miss Brown- 
son und Fräulein Kalkbrenner waren an 
wesend. War er überlistet worden? 
„Sie wünschen, Herr Graf?“ fragte 
Henn sehr hochmütig. 
Wollfsheil machte nur eine konfuse 
Verbeugung. Er sah nach Tissa. 
„Sollten die Damen nicht bereits an 
geführt haben, was mich herführt?“ 
fragte Wollfsheil dann. Ich vermutete 
eine andere Persönlichkeit hier vorzu- 
finden!“ 
Tissa kam Henns Antwort zuvor. 
„Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß 
Sie sich getäuscht haben!“ rief sie ziem 
lich laut. „Dieser Herr hier ist wirklich 
kein anderer als Herr Heinrich Henn. 
Und dieser Herr machte mir heute 
seinen Besuch! Kein anderer!“ 
Wollfsheil aber machte ein derartiges 
Gesicht, daß ihm kein Schneider oder 
Coiffeur der Welt hätte helfen können, 
sein Prestige zu retten. Er stammelte: 
„Und ich hätte ein — Gespenst ge 
sehen? Den Fürsten wie er leibte und 
lebte?“ 
„Mein Gebieter, Fürst Vouzso, ist 
nicht mehr unter den Lebenden!“ sagte 
Henn sehr ruhig. „Und womit kann ich 
Ihnen Herr Graf, sonst noch dienen?“ 
Wollfsheil sah ein, daß er auf eine 
falsche Fährte geraten oder geführt 
worden war ... Und da ihm auch Fräu 
lein Kalkbrenner mit keinem Blick zu- 
hilfe kam, blieb ihm nichts anderes übrig, 
als darauf bedacht zu sein, sich einen 
Abgang zu verschaffen, der möglichst 
seiner Würde entsprach. 
„Wie es scheint, hin ich das Opfer 
einer — Sinnestäuschung oder einer —“ 
Er warf einen Blick auf Tissa — „ande 
ren Täuschung geworden!“ sagte er. 
„Verzeihen Sie die Störu(ngl Mein Be 
such galt in der Tat nicht Ihnen, Herr 
Henn, sondern einer anderen Persön 
lichkeit!... Hier aber muß ich Unauf 
geklärtes wohl für möglich halten!“ 
Dann verneigte er sich einzeln vor den 
dre; Anwesenden und verschwand aus 
der Tür, die Henn höflich hinter ihm 
schloß. 
Und nun waren sie wieder allein mit 
ihrer Wirrnis von Gefühlen und Ge 
danken. 
Henn wagte nicht, sich Tissa zu 
nähern, die schweigend in ihrem Sessel 
saß und ihn unverwandt ansah. Plötz 
lich sagte sie mit ihrer klaren Stimme, 
die aber leise zitterte; „So trug ich diese 
schwarzen Kleider also in einer Komö 
die? . . . Meine vielen Tränen weinte 
ich in einem Gaukelspiel —?“ Sie sprang 
auf 
Henn aber hinderte sie am Weiter 
sprechen. Er faßte ihre Hand — 
„Schon dich .. . Schone mich!“ bat er. 
„Was hat mich denn zu dieser Ver- 
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f Leiden Sie an 
1 Sommersprossen 
so wenden Sie sich vertrauensvoll an | 
Gertrud Hasseiiiorsf, HannoveriSS 1 
Schließfach 206. ; 
irrung anderes gebracht als — — meine 
große Liebe, Tissa?“ 
„Liebei? Mit solch geringer Achtung?“ 
entgegnete sie sich .seiner erwehrend 
„Wie gering schätztest du mich ein!“ 
Henn kam ihr wieder näher. Dicht 
waren seine Augen über den ihren. Er 
flüsterte, so daß sie unter seiner leisen 
Stimme erzitterte. „Hättest du mir deine 
Liebe gegeben, Tissa, wenn du gewußt 
hättest, daß ich nur der Sekretär war 
und nicht der Fürst?“ 
Tissa erblaßte. 
Auch ihre Lippen wurden weiß. Aber 
tapfer antwortete sie: „Nein, Heinrich 
Henn ... Anfangs nicht... Vielleicht 
aber mit der Zeit!...“ 
„So liebe mich mit der Zeit“ Schenke 
mir, was ich geraubt habe!“ sagte Henn 
schnell. „Laß mich gut machen, Tissa ... 
Nimm mein ganzes Leben an zur 
Buße ... Ich will .arbeiten und streben, 
um dir auch mit meiner Lebensstellung 
gerecht zu werden. Glaube an mich!“ 
Fräulein Klara Kalkbrenner aber saß 
ganz still in ihrer Ecke, beängstigt und 
fast beschämt. Sie begriff, daß Tissa 
diesem Manne verfallen war, aber sie 
sah mit Entsetzen das leuchtende Ge 
stirn ihres Lebens untergehen in der 
irdischen Sphäre einer bürgerlichen 
Ehe ... Dazu hatte der alte Brownson 
wirklich nicht so viele Millionen zusam 
menraffen gebraucht... 
Tissa aber antwortete jetzt, sich 
schroff abwendend: „Ich kann noch 
nicht — verzeihen! Mich schaudert vor 
Henn irrte den Rest des Tages und 
die ganze Nacht durch die dunkle Stadt. 
Ein dünner Gewitterregen tröpfelte nie 
der, von ganz fernem Donner und an 
haltendem Wetterleuchten begleitet. 
Das nasse Trottoir, den Staub ver- 
// 
FÜR 
KENNER 
GENERALDEPOT 
DER 
DESTILLERIE 
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Qes.rn.bH. 
BERLIN C19 
Hausvogteipl.11 
dunstend, spiegelte die wenigen Later 
nen und schien mit den grellen Reflexen 
zu zucken. 
Gespenstige Schatten flogen an den 
Mauern auf und huschten um die Ecken. 
Seine eigene Gestalt, der Laut seiner 
Schritte versanken in Finsternis und Ein 
samkeit. 
Und plötzlich hatte Henn eine selt 
same Empfindung. Ihm war, als nehme 
gleich einem Vampyr ein anderer Geist 
von seinem Körper und seiner Denk 
kraft Besitz. Er spürte den .Bruder* in 
sich. Der bedrängte ihn; „Sei wieder 
ich! Lächle mit meinem Lächeln... 
Stirb mit meiner Sehnsucht!“ 
Aber mit Gewalt machte er sich frei 
von dem Spuk. 
,.Sterben? ... Nein! Leben wollte 
er. Arbeiten, Kämpfen. Nie mehr 
würde er vor ihr auf den Knien liegen ... 
Nie mehr ihre Verachtung .ertragen ... 
In ihren stillen Tagen und Nächten 
aber erkannte Tissa, daß ein Kreis von 
Schuld die ganze Menschheit umschließt 
und daß niemand zum Nächsten sagen 
kann: Du bist der SünderI 
Sie hatte zu Recht eingestanden, daß 
ihre Eitelkeit wohl mit die Ursache ge 
wesen, daß Heinrich Henn sich so ver 
irrte. Sie hatte zuerst den Titel, dann 
erst den Menschen beachtet. Nun war 
sie doppelt gedemütigt. 
Denn allmählich gewann das unverlier 
bare Erinnern Gewalt über sie, und die 
Sehnsucht nach dem, der ja lebte und 
um sie warb, peitschte ihr Blut. 
Er schrieb ihr. 
Er schrieb ihr, daß er sich zusammen 
raffe und arbeite. Und er wolle arbei 
ten und streben, bis er ihr zu bieten 
vermöge, was sie fordern könne. Er 
schloß; „Bin ich Dir auch dann noch zu 
gering. Liebste, so werde ich lernen, auch 
meinerseits auf das erträumte Glück zu 
verzichten!“ 
Tissa legte diesen Brief neben den 
anderen, der wenige Stunden früher ein 
getroffen war und mit einer Krone, einer 
Grafenkrone, geschmückt war. 
Wollfsheil versuchte eine erneute und 
letzte Annäherung. Er bat um Auf 
schluß und Entscheidung. 
Tante Klara hatte nur vielsagend ge 
seufzt — und Tissa erwog in einer ein 
zigen Minute, die hier gebotene Hand 
zu ergreifen, um Heinrich Henn zu 
strafen. 
Im nächsten Augenblick empfand sie 
die Unmöglichkeit dieses Handelns. Sie 
zerriß Wollfsheils Brief in zwei Stücke. 
„Und nun bin ich allein mit Heinrich 
Henn!“ dachte sie. 
Sie lachte über sich selbst. 
„Eine Frau Henn — —das ist mein 
Ziel...?“ 
Ja, es war anders gekommen, als sie 
einmal geträumt und gedacht. Sie war 
Die Organisation 
Lebenshund 
ist seit 1914 der vornehme und diskrete 
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