Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

mit dem Blick auf die blanken, 
blauweißglänzenden Ketten der 
Alpen, wenn wir uns am warmen 
Abend auf derKurhausterasse zum 
Plaudern zusammenfinden und zum 
Flirten — jawohl, warum soll ich 
Sie nicht ein wenig eifersüchtig 
machen — dann fühle ich den 
Zauber Merans stark wie je. Alles 
ist hier fröhlich, alles leichter, das 
Leben, die Liebe — und ich rate 
Ihnen schnell hierher zu kommen, 
wenn Sie Freude haben wollen. 
Jetzt gerade ist es Zeit. Die Üp 
pigkeit der herbstlichen Natur 
hier kann durchaus mit der Früh 
lingsschönheit wetteifern. Haben 
wir auch nicht die blütenüber- 
strömten Berghänge, die uns — 
erinnern Sie sich? im Frühling ent 
zückten, so haben wirnun die Obst 
wiesen, über die sich die frucht 
beladenen Zweige bis auf die Erde 
beugen. Die Weingänge sind voll 
von Trauben. Und der Obstmarkt 
ist neben dem von Bozen das 
Schönste mit, was man sich wün 
schen kann. Kein Stilleben kann 
die Farbe und Schönheit wieder 
geben — Auge und Mund laben 
sich gemeinsam. Hier begreift man 
es, daß der Mensch zum Vegeta 
rier werden kann. Aber freilich 
die Hotels erlauben es nicht und 
unser Hotelmanager würde sich 
schwer kränken, wenn man seine 
imposante Speisekarte verachten 
wollte. Aber Sie brauchen .keine 
Furcht zu haben, die Linie, die Sie 
so an mir schätzen, bleibt erhal 
ten. Denn ich trainiere fleißig, 
bin jeden Morgen früh auf dem 
Golfplatz und hoffe bei dem Golf 
turnier, zu dem sich allerhand 
„Namen“ angesagt haben, ehren 
voll abzuschneiden. Auch ©in Reit 
turnier wird noch ausgeschrieben, 
wie man mir gestern im Klub 
sagte. Und man erwartet von 
Österreich wie von Italien her 
allerlei Nennungen. Ich rate Ihnen 
also bald zu kommen. Wenn Sie 
Ihren Wagen mitbringen, können 
wir zwischendurch ©in wenig in 
die Berge oder weiter nach Italien 
hineinfahren. 
Und nun möchten Sie noch 
wissen, was man in dieser Herbst 
saison für Menschen antrifft? Nun, 
als Sie mir im Berliner Reisebureau 
Auskunft und Platz besorgten, 
haben Sie es ja selbst erlebt, daß 
nicht ©in einziger Führer durch 
Meran zu haben war. So braucht 
man weiß Gott kein Sherlock 
Holmes zu sein, um daraus zu fol 
gern, daß „ganz Berlin“ da ist. 
Wahrhaftig, es ist unheimlich — 
und man könnte glauben, daß in 
Berlin niemand von der sogenann 
ten „Gesellschaft“ zurückgeblie 
ben ist. Ein Glück nur, daß die 
Leute hier alle viel netter sind. 
Kester & Co. Und daß man ihnen nur begegnet. 
wenn man ihnen begegnen will. 
Abgesehen von Berlin ist viel von 
österreichischer Aristokratie hier, 
etwas England. Die Turniere, so 
erzählte man mir, bringen dann 
eine Menge internationales Publi 
kum. Vorläufig aber genieße ich 
ganz altmodisch undamblasiert die 
Sonne, das Gold des Herbstes und 
die Lockungen des schönen Lebens. 
Vielleicht aber, wenn Sie kom 
men, wird die Lockung noch 
schöner sein — vielleicht? Herz- 
lichst Ihre Hella. 
Die wieder auf gebaute 
Brunnenburg bei Schloß 
Tirol, dahinter der Math- 
berg. Links im Tal 
St. Magdalenen 
Kester & Co. 
Klettertouren in die weitere 
Umgebung 
In der Nähe des Hühner 
spiels Gircke 
* 
Reiche Ernte
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.