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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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auf dem seinen gleichsam lauter Positive, wo auf 
dem des Fürsten Negative wahren. Seine Gestirne 
standen bei der Sonne, während die des Fürsten gegen 
die Sonne in Opposition verharrten. Nur die Todes 
stunde fiel zusammen. Ganz genau. Einer starb mit 
dem andern. 
„Und ich bin ja auch schon tot!“ dachte Henn. ..Nur 
ein maskierter Schatten wird vor Tissa erscheinen!“ 
Langsam und angeekelt von sich selbst ging er wieder 
zurück zu seiner Wohnung. 
Um in der Tat zu ihr zu gehen, ihrer Einladung fol 
gend, machte er andern Tags sorgfältig Toilette. Der 
Bart wurde noch eine Schattierung dunkler gefärbt. 
Ebenso das Haar. Ein Kneifer mit dunklen Gläsern be 
deckte die Augen. Ein eng anschließender langer Vi 
sitenrock machte seine abgemagerte Gestalt über 
schlank. Dunkle Handschuhe bedeckten seine Hände. 
Gab es je eine Erscheinung, die dermaßen feierlich 
und gleichzeitig grotesk wirkte? „Ich sehe großartig 
aus — ein vollendeter Schuft!“ <t 
— sagte er vor sich hin und trat seinen „letzten Gang 
an, wie er es bei sich nannte. 
Tissa befand sich in höchster Nervenspannung. Die 
Stunde nahte, wo sie einen Zeugen ihrer Liebe sprechen 
würde. Wo jemand ihr bestätigen würde, daß sie nicht 
nur geträumt, daß das strahlende Glück durch ihr Leben 
gegangen, daß das tiefste Leid ihre Bahn beschattete. 
Tissas Veranlagungen waren zu großzügig, zu expan 
siv, zu elementar, um ein Insichverschließen ihrer 
Leidenschaften und Leiden zuzulassen. Alles drängte 
bei ihr zu Ausdruck und Wirksamkeit. 
Tante Klara sah das mit Staunen. Sie mußte an 
Tissas Mutter denken, die aus innerstem Drang ihren 
schönen Körper zur Schau stellte, die aus innerstem 
Drang ihre Tänze schuf und der Welt ihre Freuden und 
Leiden zeigte. Die keine Hemmungen geduldet hatte 
und auch im Sturme scheiterte wie ein Schiff, das mit 
vollen Segeln gegen Klippen anrennt. 
Ganz in Schwarz gekleidet prüfte Tissa ihr Spiegel 
bild. Es befriedigte sie, daß sie blaß und leidgezeichnet 
aussah. Wieder und wieder betrachtete sie das kleine 
Bildchen, das einzige, das sie von dem Geliebten be 
saß. Ein Momentbildchen aus Innsbruck. Etwas über 
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lichtet und ihr deshalb um so heiliger. Schon sah er 
wie „verklärt aus, sagte sie stets zu sich. Andachts 
voll neigten sich ihre Lippen darüber. 
In diesem Moment fuhr unten vor dem Hotelportal 
Henns Autodroschke vor. In sehr feierlicher steifer 
Haltung, so wie er sich’s eingeübt, betrat er das pom 
pöse Haus und erfragte die Wohnung von Miß 
Brownson. 
Er bemerkte dabei nicht, was in seiner Nähe geschah. 
Ein kleiner, eleganter Herr war bei seinem Erschei 
nen wie von der Tarantel gestochen aus seinem 
knatternden Rohrsessel aufgefahren. Bleich bis in die 
Lippen starrte das von Mensurhieben zerrissene Ge 
sicht den Herrn im schwarzen Rock an, als sehe er eine 
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Spukgestalt, als sehe er jemand, der von den Toten 
auferstanden war . . . 
Henn aber betrat Tissas Salon. 
Ganz stumm verneigte er sich. 
Unheimlich in seiner steifen Schweigsamkeit saß er 
Tissa gegenüber. 
Nur seine Stirn rötete sich allmählich und sein Atem 
hob sichtlich die Brust unter dem engzugeknöpften 
Rocke. 
Tissa aber sprach. Und weinte. Alles, was ihr Herz 
zersprengen wollte, kam stoßweise über ihre Lippen. 
Aus ihren Augen stürzten Tränen. Sie rang die Flände, 
sie preßte sie gegen die Brust. Sie warf das Haupt vorn 
über auf eine Sessellehne und konnte ihr Schluchzen 
nicht hemmen. Doch dann — gewaltsam sich fassend 
— bat sie; „Halten Sie mir meine Verzweiflung zugute. 
Ich kann mich auch nicht meiner Tränen schämen — 
nicht vor Ihnen, der Sie sein einziger Freund waren! 
Sie kannten ihn... und Sie werden begreifen, was eine 
Frau verliert, verliert sie einen solchen Mann!... Ich 
weiß, wie Sie ihn betrauern ... Aber ich weiß nicht, was 
Sie — um ihn gelitten haben ... Bitte — bitte — Herr 
Henn — bitte sprechen Sie... Sagen Sie mir, was Ihre 
Briefe immer verschwiegen haben... War Fürst Por- 
phyrio tatsächlich krank? Weshalb — weshalb ging er 
aus dem Leben?“ 
Henn wollte sprechen, die Stimme versagte ihm. Es 
kam nur ein stammelndes Murmeln unverständlicher 
Laute. Sein Gesicht begann dabei zu zucken wie bei 
jemandem, der verhaltene, entsetzliche Schmerzen aus 
steht. 
Tissa erhob sich unwillkürlich. 
Eine jähe Angst ergriff sie. Sie sagte, auch stam 
melnd: „Ich glaube — auch Sie haben viel gelitten ... 
Vielleicht können Sie noch nicht darüber sprechen?“ 
„Es wird mir schwer!“ antwortete Henn mühsam und 
erhob sich. Und zu Boden starrend, fuhr er leise fort: 
„Ich habe Ihnen auch nichts mehr zu sagen, Miß Brown 
son! Es gibt Dinge, über die man nicht sprechen kann ..
        
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