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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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„Das soll heißen, daß ich Herrn und Frau Doktor 
Schilling getroffen habe, und daß wir zusammen ge 
blieben sind.“ 
Er bückte sie an. Glaubte ihr kein Wort. Entzückend 
sah sie aus. Ganz entzückend! Viel schöner als all die 
anderen Weiber, die er in den Logen gesehen. Oh, welch 
ein Esel ist er gewesen! Wo mag sie gewesen sein und 
mit wem? Ein verträumtes Lächeln lag um ihren Mund. 
„Ist es dir nicht recht, daß ich mit Schillings soupiert 
habe? Du kannst mir ja eine Szene machen. Bitte — 
schleudere mir deine Empörung ins Gesicht — Aug’ in 
Auge —“ 
Fred war es als ob der Blitz vor ihm niedersause. 
Seine Worte! Seine eigenen Worte am Telephon! 
Er begegnete ihren Augen, die groß, vollaufgeschlagen 
und herausfordernd auf ihm ruhten. 
Wortlos ging er aus dem Zimmer, im Ohr ihr leises, 
klingendes Lachen. 
Das erhellte Fenster 
LISA HONROTH-LOEWE 
★ 
ie hatten sich von der anderen Gesellschaft 
getrennt, die mit ihnen den Ausflug ge 
macht. Zu zweit gingen sie nun den brei 
ten Promenadenweg, der von den Kur 
anlagen in die Villenstraße hineinführte. 
Das erstemal, daß sie ihm erlaubte, sie 
heimzubegleiten — das erstemal, daß sie 
seine beharrliche Verehrung nicht ab 
wehrte. Diese Verehrung, die er ihr nun 
schon die ganzen Wochen während ihres Kurauf 
enthaltes entgegenbrachte, immer wieder zurück 
gewiesen und immer wieder unermüdet. Rührend war 
diese Liebe, diese blonde junge Begeisterung — und 
noch vor wenig Zeit hätte sie nicht nur an ihr Herz ge 
rührt, sondern auch an ihre Sinne. Aber seit jene Ge 
bundenheit an ihr war, Gebundenheit an etwas, was 
nicht sein konnte, nie mehr sein, seit jenem schreck 
lichen Tage war sie abgestorben, unfähig zu fühlen, un 
fähig zu leben. Und doch wie gerne, wie schmerzhaft 
gerne wollte man vergessen, vergessen, daß man sich 
sehnte, sehnte wie ein kleines Mädchen, das zum ersten 
Male liebte, sehnte, als wäre alles Glück des Lebens 
nur in diesem einen Menschen beschlossen, von dem 
man sich hatte trennen müssen. Aber bisher war es un 
möglich gewesen zu vergessen, ebenso unmöglich wie es 
war, nicht zu denken, nicht zu atmen. Denn mit jedem 
Blutstropfen, der durch ihren Körper ging, mit jedem 
Gedanken ihres Gehirns hatte sie nur Ihn denken kön 
nen und nur Ihn fühlen. Aber heute zum erstenmale, war 
es die Entspannung des sommerlichen Tages, war es die 
wollüstige Wärme unter den dichten Bäumen mit ihren 
gebreiteten Laubmassen vor dem abendlich erglühenden 
Himmel, war es, daß der Schmerz der Sehnsucht, endlich 
einmal einen Ausweg aus dem Traum ms Leben suchte, 
mit einem Male spürte sie die Nähe dieses jungen 
frischen und liebevollen Menschen neben sich wie eine 
Tröstung und eine Verheißung. Verheißung, daß man 
einmal endlich wieder frei werden würde von einer 
Leidenschaft, die nur Qual, nur Sklaverei des Blutes 
war. Nie, in keinem Augenblick Glück, Freiheit, Souve 
ränität, mit der sie bisher Liebe und Leben genommen. 
Und als sie wie einen Hauch schmeichelnden Windes 
ein leichtes Gefühl der Befreiung zu empfinden glaubte, 
litt sie es, daß die Hand des Mannes neben ihr die ihre 
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; E d e n s t r a ß e 3 0 a •; •; 
faßte, spürte sie den sanften und zärtlichen Druck, 
spürte die warme Welle des Blutes von ihm zu ihr her 
überrinnen, und sie war so müde, so zermartert von der 
unfruchtbaren Sehnsucht dieser Monate, daß sie, die 
Verwöhnte, nun sie die Abwehr der Kälte aufgegeben, 
plötzlich eine Dankbarkeit empfand gegenüber dieser 
frischen, zartwerbenden Liebe, die vielleicht, vielleicht 
loslösen konnte von der Qual ihrer Tage. 
Obgleich sie den Druck der Hand neben sich nicht 
erwiderte, spürte der Mann mit dem Instinkt der Liebe 
die Veränderung in der schweigenden Frau. Der Griff 
seiner Hand wurde stärker und glitt von der Hand zur 
Hüfte der neben ihm Schreitenden. Sie wandte leicht 
den Kopf und sah sein junges schönes Gesicht glühend 
vor Zärtlichkeit und Verlangen dem ihren zugewandt. 
Da lächelte sie leise und ein Schein seiner Zärtlichkeit 
floß über sie und von ihr zu ihm zurück. Mit einem 
unterdrückten Laut legte er schnell im Dunkel der letz 
ten Bäume, denn schon war die breite Straße nahe, seine 
Arme um ihre Schultern, die unter dem weichseidigen 
Kleide wie nackt waren. Und seine Lippen waren Glut 
auf den ihren. Wenig später überquerten sie die Straße, 
die Park und Hotels trennte. Und da sah sie: auf die 
Straße, die schon den kargen Schein nächtlicher Later 
nen trug, fiel Licht aus einem erhellten Fenster — aus 
seinem Fenster. Und in der gelbleuchtenden Fenster 
öffnung stand dunkel seine Gestalt, groß, unbeweglich. 
Und ohne daß sie die Züge des geliebten Gesichtes er 
kennen konnte, sah sie dennoch die Form des Kopfes, 
die männliche Stirn, die forschende Kühle der Augen 
und den beherrschten Mund. Und wie sie noch einen 
herzzermarternden Augenblick im Vorübergehen sein 
Bild in sich aufnahm, tauchte eine andere Silhouette 
neben der seinen auf, eine schmale, dunkle — seine Frau. 
Sie sah die beiden Gestalten — dicht nebeneinander in 
einer Verbundenheit, die wie ein Geißelhieb quer über 
ihr Herz ging — und schon viel ein Vorhang vor das 
erhellte Fenster — nahm hinweg, was man sah, und ließ 
zurück Ahnung eines Lebens, von dem sie ausge 
schlossen sein mußte, Ahnung von Liebe, die sie nie 
mehr erfahren würde. 
Schmerz, der sie taumeln machte, verbrannte alles 
Denken, sie wußte nicht mehr, daß neben ihr ein Mensch 
war, wußte nicht mehr, daß eine Hand sie vorwärts zog, 
nichts wußte sie mehr und ging schwankend wie eine 
Blinde. Noch einmal sah sie — sah jenes erhellte Fen 
ster nun in wissender und verschlossener Dunkelheit — 
die fremde Hand führte sie, ein Garten war da, ein 
dunkler Gang und nun ein fremdes Zimmer, in das jäh 
Licht von der Decke brach — da stöhnte sie auf, — wo 
war sie, was wollte sie hier in einem fremden Zimmer — 
— „Nicht“, stammelte sie sinnlos, „nicht“ — aber er 
verstand sie nicht und schloß ihr den Mund mit Küssen. 
Sie hatte keine Kraft mehr sich zu wehren, sie war wie 
erwürgt von der Sehnsucht nach ihm, dem Fernen in 
dem verschlossenen Zimmer.
        
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