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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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für ihre Toiletten-, Wäsche-, Haushalts-, Küchen-, 
Mädchen- oder Dienersorgen, weil er die Rücksicht 
kennt, die man einem wohlgepflegten Fußboden schul 
det, weil er die Feinheit eines ausgewählten Porzellans, 
die Kostbarkeit schönen Glases würdigt und die Kultur 
eines gut gedeckten Tisches erkennt und anerkennt, 
an der ein Ehemann zu leioht aus satter Gewohnheit 
vorbeigeht, der Ehemann, der es fertig bringt, bei den 
Mahlzeiten die Zeitung zu lesen und zu übersehen, daß 
die Hausfrau sich für dies kurze Zusammensein mit 
ihm besonders sorgfältig kleidete. 
Er ist der größte und gerechteste, der ausdauerndste 
Bewunderer der Frauen! — 
Freilich, der Etat, den er braucht, genügte fraglos, 
zwei Frauen zu heiraten, — aber wieso denn nur zwei? 
Das ist ja doch des Pudels Kern, — und liegt nicht ge 
rade darin seine größte Huldigung für die Frau? Wie 
könnte er, „der“ Frau gerecht werden, wie sie ver 
stehen, wie sie würdigen, wenn er nur eine Kategorie 
dieser vielseitigen Rasse kennte, — die eine Kategorie, 
die man heiratet? Und könnte man mit der eigenen 
Frau wohl noch so entzückend plaudern über all die 
netten kleinen Scherze des Lebens, die kleinen süßen 
Abenteuerchen, die kleinen bittern Enttäuschungen 
und Reinfälle? — Sei sie auch sonst die scharmanteste 
und geistreichste. -— Würde sie wohl beim eigenen 
Mann auch noch die Anmut des Verstehens, Scherzens 
und Tröstens haben, die sie für die Nöte des Jungge 
sellen hat? Wozu ins Schwere ziehen, was sich doch 
mit Grazie und Schmiß ins Herz der treuen oder auch 
untreuen Freundin werfen läßt. Und was für pracht 
volle Freundinnen gibt es da! Freundinnen, die zu 
nichts verpflichten, weil sie nicht verpflichten wollen, 
weil sie nicht den Zauber der .Spannung zerstören 
wollen, der zwischen befreundeten, aber nicht restlos 
vertrauten Menschen schwingt! 
Wie vielfältig sind all diese Spannungen, wie diffe 
renziert die Freundinnen, deren man zu ihrer Lösung 
benötigt! 
Da ist ein Kummer der mütterlichen Freundin zu 
beichten, ein Plan mit der junggeselligen Freundin zu 
beraten, eine kleine Blamage der Spöttischen zu ge 
stehen, ein Streich mit der keck Frivolen auszuhecken, 
ein Konzert mit der Sinnigen zu besuchen, bei einer 
sportlichen Angelegenheit mit der feschen zu glänzen, 
nicht zu vergessen der täglichen telephonischen"Anrufe 
bei der kameradschaftlichen Freundin, die immer da ist, 
wenn eine andere versagt, die immer mittut, mitlacht, 
mitseufzt, mitplant, die immer das Herz auf dem rechten 
Fleck hat, die bei Anschaffungen so entzückend wuchtig 
die Gattin markiert, ohne die man nicht fertig wird, — 
und die doch nie bindet. 
All diese Freundinnentalente sollten sich in einer 
Frau finden lassen bis zur Vollkommenheit? — Un 
möglich! Und wenn er heiratet, beim Motorsport, beim 
Rennen, beim Segeln, beim Tanzen und — zu Hause --- 
immer dieselbe, — immer dieselbe— immer dieselbe? 
Wo bleibt da die ewige Erneuerung, das Überschäu 
men prickelnder Erwartung vor jeder neuen Begeg 
nung? Muß es denn wirklich sein — nur wegen des 
Kragenknopfs, der auch bei der besten Wirtschafterin 
so gerne fehlt? Wegen all der kleinen Nöte beim 
„Lever“ des Junggesellen? Ja, kann man denn als wirk 
licher Kavalier einer Frau überhaupt zumuten, jeden 
Morgen dasselbe Theater zu erleben, wenn der Kragen 
knopf mit der üblen Tücke des Objekts verschwunden 
ist, wenn man mit dem zu steifen Kragen ringen muß, 
grade wenn man’s eilig hat, wenn der Schlips sich nicht 
ziehen läßt, oder gerade „der“ Schlips fehlt, weil der 
Schatz der Köchin ihn „gefunden“ hat, wie sich so 
manches findet? — Unmöglich —- oder vielleicht 
doch? Käme dann all das., nicht vor? Man zählt 
in der Verzweiflung ob all der Zweifel an den 
Knöpfen ab: ja—nein—ja! Vertrackte Mode mit 
der ungleichen Zahl der Knöpfe! Wirklich „ja?“ 
Hei;—raten—? Ja? — Wegen des Kra 
halt! Da ist ja noch der Bewußte, der viel Geschmähte, 
der nun hoch Gepriesene — der Kragenknopf!! — Also 
doch: ja—nein—ja—nein—nein! nein! — Gott sei Dank! 
— Jung—ge—seile! — 
Wilhelm 8344 
JOLANTHE MARES 
„Welche Nummer wollten Sie?“ 
„Wilhelm 8344.“ 
„Ist hier nicht. Sie sind falsch verbunden.“ 
„Aber — meine Gnädigste, das können Sie nicht so 
ohne weiteres sagen.“ 
„Was soll denn das heißen! Wilhelm 8344 ist hier 
nicht.“ Ungeduldig und ein wenig ärgerlich klang eine 
weiche Frauenstimme an sein Ohr. 
„Aber — Sie sind da, meine gnädige Frau — und die 
Verbindung mit einer schönen Frau ist für mich immer 
die richtige. -— Nein — nein — unterbrechen Sie nicht 
unsere Verbindung —“ Ein leises Geräusch im Apparat 
verriet ihm ihre Absicht den Hörer niederzuliegen — 
„Gnädigste — Sie sind jung — schön —“ 
Ein helles Lachen tönte an sein Ohr. „Oh weh, welch 
eine Enttäuschung, wenn Sie mich sehen würden. Ich 
bin alt und häßlich.“ 
„Ich werde Sie sehen und ich werde nicht enttäuscht 
sein.“ 
„Das ist ja unerhört!“ 
„Die häßliche Frau findet sich schön, nur eine schöne 
Frau sagt, daß sie häßlich sei. Sie haben sich selbst ver 
raten, meine Gnädigste.“ 
Ein leises klingendes Lachen an seinem Ohr. Und 
dann wieder der ein wenig ärgerliche Ton: 
„Was wollen Sie eigentlich von mir?“ 
„Sie kennenlernen.“ 
„Mein Herr! — Sie sprechen mit einer verheirateten 
Frau.“ 
„Das ist mir durchaus nicht unangenehm.“ 
Er horchte in den Apparat. Es kam keine Antwort. 
„Gnädige Frau — gnädige Frau — sind Sie noch dort?“ 
„Eigentlich müßte ich den Hörer längst aus der Hand 
gelegt haben.“ 
„Aber — da Sie es nicht getan haben — Gnädige Frau 
— würde es Sie beruhigen wenn ich Ihnen sage, daß auch 
ich verheiratet bin? 
„Das empört mich noch mehr.“ Starke Entrüstung 
lag in ihrer Stimme. 
Nun klang das Lachen von seiner Seite. „Gnädige 
Frau, schleudern Sie mir Ihre Empörung ins Gesicht, 
Aug in Auge.“ 
Sie horchte jetzt gespannt in den Apparat. Zwischen 
ihre Augenbrauen grub sich eine leichte Falte. 
„Ich hätte wohl Lust dazu, aber — 'es scheint mir doch 
gefährlich. Wenn mein Mann und ihre Frau —“ 
„Aber Gnädigste, welche Bedenken! Es ist doch nicht 
das erste Mal.“ 
„So — nicht das erste Mal?“ 
Ein leises Knacken im Apparat.
        
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