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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Die Emma-Bank 
LISA BARTHEL-WINKLER 
einrich, noch Einen!“ 
„Sehr wohl, Herr Amtsgerichts 
rat.“ 
„Nicht wahr — zwölfe sind’s 
jetzt, Heinrich — he?“ 
Der alte Oberkellner neigte den 
grauen Kopf, zupfte seine linke 
Manschette aus dem Frackärmel und 
zählte die Bleistiftstriche auf ihr. 
„Eins, zwei, drei, vier .... nee, Herr Amtsgerichts 
rat, ’s sind schon vierzehn!“ 
„ „Donnerwetter, Heinrich — da muß es ja schon 
halber eins sein!“ 
„Ist’s auch — genau halb eins!“ 
„O weh, da beißt’s aufbrechen!“ 
Der weißhaarige Apotheker Hessel in der Sofaecke 
hob die Hand. „So halben wir nicht gewettet, alter 
Freund. Sie sind uns noch Ihre Erzählung schuldig! 
Fahren da vor vier Tagen auf vier Wochen in die 
Ferien und nun sitzen Sie heut’ schon wieder hier — 
reden nisoht und saufen egal — heraus mit der Sprache: 
Was ist mit Ihnen?“ 
Ärgerlich schob Amtsgerichtsrat .Wengern die Skat 
karten zusammen. „Sie geben jetzt, alter Quacksalber.“ 
Aber nun legte Gemeinderat Schwuchow die breite 
Rechte auf den Tisch. „Nichts da, Wengern! Ich bin 
auch neugierig. Morgen spielen wir weiter. — Los, er 
zählen Sie!“ 
„Laßt mich in Frieden, Kinder!“ brummte Wengern. 
„Warum in alten Geschichten rühren?“ 
Auch Hessel ließ nicht locker. „Alte Geschichten 
sind die schönsten; jedenfalls für uns alte Knacker. — 
Schießen Sie los. Warum sind Sie so Hals über Kopf 
zurückgekehrt?“ 
Mit kühnem Schwung setzte Heinrich den Vierzehn 
ten vor den Amtsgerichtsrat auf den weißgescheuerten 
runden Stammtisch, streckte mit kurzem Ruck den 
linken Arm vor, so daß seine Manschette wieder zum 
Vorschein kam und notierte ihn sorgfältig. 
Ergeben seufzte Wengern auf. „Da sitzt man nun 
hier und trinkt sich langsam zu Grabe; und wenn wir 
in die Grube fahren, kümmert sich kein Hund um uns.“ 
„Hoho!“ 
„’s ist schon so. — Manchmal glaubt man, irgendwo 
in der Welt lebt noch Eine, die an einen denkt. Wenn 
auch nur mal so ganz schüchtern und so ganz im ge 
heimen; der man in seinem Leben doch noch einmal 
ein bißchen wert gewesen ist — aber so ganz und gar 
spurlos verschwinden — so ganz und gar keiner 
Menschenseele auf der Welt jemals etwas gewesen sein 
— Kinder, das ist bitter.“ 
Wengern tat einen tiefen Zug. „Hab’s auch nicht 
gewußt. Hab’ auch gedacht, man sei einem einzigen 
Wiesen einmal etwas gewesen — so ein ganz klein 
wenig — auf das große Glück hat man ja schon lange 
verzichtet. War sicherlich nicht .dafür geschaffen. Aber 
so absolut überflüssig gewesen zu sein wie — wie — 
na, Heinrich, horche nicht immer und sag’ mal: wie —“ 
Heinrich hatte den Kopf lauschend auf die Seite ge 
legt und fuhr nun beschämt hoch. „Na, Herr Amtsge 
richtsrat,“ stotterte er, „wenn Sie denn durchaus wollen 
— wie ein schäbiger Rest.“ 
Die Skatfreunde lachten dröhnend auf. 
Nur Wengern lachte nicht. „Recht hat er“, sagte er, 
„wie ein schäbiger Rest. Wie ein schäbiger Rest.“ 
Ganz langsam schaukelte die gedämpfte Gaslampe 
über dem Tisch hin und her und malte seltsame Kringel 
auf die Platte. Wengern stützte die Stirn in die Hand 
und versank in Schweigen. 
„Und die Geschichte, alter Freund?“ 
Aus tiefem Träumen schrak der Amtsgerichtsrat 
hoch. 
„Ach so — die Geschichte. Jaja. Ist ja eigentlich 
nicht viel zu erzählen. Man bildet sich nur immer ein, 
es sei so interessant, weil es die eigene werte Persön 
lichkeit betrifft. Und schließlich ist doch alles gleich, 
wenn wir erst drei Fuß unter der Erde liegen, ob sie 
nun Wengern geheißen hat oder Birkenried.“ 
„Birkenried?“ 
„Birkenried.“ 
„Hm, drei Fuß unter der Erde,“ wiederholte der Ge 
meinderat Schwuchow. Er war ein alter Philosoph und 
sprach gern über Sterben. 
„Verpfuscht ist das doch, was ich hier zusammenge 
lebt habe. Wenn man so als alter Hagestolz im Dasein 
herumstochert, allen zu Leide, niemandem zur Freude 
— ist schon so, Kinder — nichts ist so unnütz als so 
ein vertrockneter Einspänner. Wir kennen uns nun 
schon seit fünfzehn Jahren, spielen unseren Skat, zanken 
uns und vertragen uns. Und wenn ich morgen be 
graben werde, habt ihr übermorgen schon einen anderen 
dritten Mann zum Skat und keiner fragt nach mir. Ihr 
habt doch euer warmes Nest, eure Frauen, eure Kinder. 
Aber ich? — Das hat mir der Herrgott auf meiner Reise 
plötzlich so recht klar gemacht, und deshalb bin ich 
vor mir selber ausgerissen und verstecke mich vor 
meiner Armseligkeit hier hinter dem Stammtisch. Es 
ist dürftig, was ich euch erzählen will. Nichts drin von 
einer großen Liebe oder gar einer Leidenschaft ■— und 
das ist eben das Tragische daran, das Erbärmliche. 
Komm’ mir vor wie einer, der sein Leben lang auf der 
Bühne nie eine Rolle zu spielen gekriegt hat und ewig 
ein kümmerlicher Statiste war. — Ist das nicht das 
Schäbigste?“ fragte er fast drohend in die Runde. Aber 
niemand antwortete. 
„Damals war ich noch ein junger Dachs gegen heute 
und batte noch große Rosinen im Kopf. Und die 
Weiber, die liefen hinter einem her — oder es war um 
gekehrt. Hab’ mich aber nie so recht an die Richtigen 
herangetraut. Bei Raufhändeln und auf der Mensur 
war ich immer mit der Nase vorneweg — aber Weiber 
— da hatte ich eine merkwürdige Scheu. Vielleicht 
war’s eine andere Art Feigheit. — Also da war Eine, 
die hieß Emma. Ich hab den Namen nie leiden mögen; 
aber als ich sie einmal gesehen hatte, da gab’s nichts 
Schöneres als Emma und immer wieder Emma. Wie 
sie aussah? Ich kanns euch eigentlich nicht sagen. 
Kastanienbraune Haare hatte sie; und wenn sie ging, 
dann klopfte mir das Herz bis in den Hals. Ja, wie soll 
ich euch das beschreiben? — Denkt an eure Ehelich 
sten —“ 
„Schon gut“, sagte Hessel unfreundlich. „Weiter.“ 
, „Ein- gutes Dutzend Verehrer hatte sie. Der gefähr 
lichste Konkurrent war ein gewisser Birkenried. Ein 
schneidiger Junge. Aber den brauchte ich nicht zu 
fürchten, denn den behandelte sie am schlechtesten. — 
Bis ich mir dann doch eines Tages ein Herz faßte — 
ich hatte sie schon über ein Vierteljahr angeschmachtet, 
ohne daß ich je ein Wort über die Lippen gekriegt 
hätte.“ 
„Sie Glücklicher“, brummte Hessel. 
„Mitten auf der Straße war’s und wohl reichlich un 
geschickt, denn sie wurde puterrot und ließ mich 
stehen. Sie war wohl ebenso verliebt und verlegen 
wie ich, dachte ich in meiner Eitelkeit und in meinem 
Selhstbewußtsein. — Heinrich, noch einen! Und stell’ 
mir dann deine Manschette her, damit ich dein Haupt 
buch kontrollieren kann. — So.“
        
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