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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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DAS ENDE DER HEMDTORM 
GLOCKE UND GODETS REGIEREN DIE MODE 
Nun ist es Tatsache geworden, die gerade schlanke, 
durch nichts unterbrochene Silhouette der Frau gehört 
der Vergangenheit an, der Volant, die Glocke, das 
Godet; allles was nach unten unsere Kleider und Mäntel 
erweitert, -sie in einer reizvollen Wellenbewegung ondu 
lieren läßt, regieren die diesjährige Mode. 
In den schwereren Stoffen 
des Winters ist der neue 
Schnitt besonders vorteil 
haft und der Pelzrand, der 
in den meisten Fällen unten 
den Abschluß bildet, betont 
und unterstreicht die untere 
Weite und erzeugt diese 
wippende Bewegung, an die 
wir uns bereits gewöhnt 
haben und die das end 
gültige -Ende des nachgerade 
langweilig gewordenen 
Hemdkleides ankündigt. 
Das was das Hemdkleid 
so populär gemacht, war in 
der Hauptsache, daß es eine 
Form war, die wirklich alle 
Schönheiten des Körpers 
unterstrich, ein Kleid, in 
dem eine schöne Frau noch 
schöner und reizvoller er 
schien. Klugerweise nimmt 
die neue Richtung darauf 
Rücksicht, bis zur Hüfte 
und noch darunter bleibt 
der Körper unter dem Stoff 
markiert, der Rock wird 
nach wie vor kurz getragen, 
so daß auch, Gott sei Dank, 
unsere unteren Extremitäten 
nach wie vor den bewun 
dernden Blicken der einen, 
den neiderfüllten der an 
deren preisgegeben-sind. Die 
Schneider haben endlich 
ihren Willen durchgesetzt, 
sie haben eine Mode lan 
ciert, die etwas mehr Stoff 
braucht, die auch etwas 
m-dhr Anforderungen an die 
ausübenden Hände stellt, 
die Frauen haben etwas 
Neues und — tout le monde 
est content! — Was will 
man mehr? 
Der Wandel in der Mode 
linie ist so groß, daß er sich 
bereits jedem Zuschauer 
aufdrängt, sogar solchen 
Leuten, die von der Mode 
nichts verstehen und nichts 
mit ihr zu tun haben. 
Ist das Kleid unten nicht 
glockig geschnitten, so be 
müht man sich durch Fabeln, Plissees, aufgesetzte 
Teile, Weite und Fülle zu erzeugen und vorzutäuschen. 
— Die Taille bleibt ziemlich ungarniert, die Arme trägt 
man am Gesellschaftskleid nach wie vor nackt, am 
Nachmittagskleid häufig lang und knapp anliegend. 
Das Ha-lsloch ist endweder rund, spitz oder viereckig 
ausgeschnitten oder das Kleid ist hoch gearbeitet und 
der Kragen ist ganz wie der Ärmel weich und sehr an 
schmiegend. Wir sehen wieder den lange Zeit ver 
gessenen, einst so gefeierten Kragen „ä la Sarah Bern- 
Coraplet aus Kasha und Crepe Georgette in 
hard“. Das war ein ganz weicher, sehr kunstvoll arran 
gierter Stehkragen, der immer dem Kleid angeschnitten 
erschien und der bis an die Ohren heraufreiohte. -— 
Die große Tragödin war nämlich, als sie jung war, 
von einer sprichwörtlichen Magerkeit, sie hätte nie und 
nimmer ihren Hals den Blicken der Welt entblößt 
zeigen können, später, als 
sie Fülle ansetzte, gab sie 
den Stehkragen wieder auf 
und trug sich, wie andere 
auch, dekolletiert. 
Doch werden nur Damen, 
die wie die große Sarah 
einst über nicht allzu viel 
Fleisch verfügen, den neu 
erstandenen Kragen adop 
tieren, -die Mehrheit ist 
heute recht rundlich und 
das Hälschen recht kurz 
geraten, da verbietet sich 
der Stehkragen von selbst. 
An seine Stelle tritt ein 
breites, schwarzes, ganz 
weiches Band, das man fest 
um den Hals legt und über 
das man entweder das 
„Collier de chien“ aus 
Perlen legt oder, dem man 
vorn eine Brillantagraffe an 
steckt. 
Mit dem Ende des Hemd 
kleides ist -auch ein anderer 
Typ -wieder aus der Mode 
gewichen, das ist „die Gar- 
gonne“. — 
Das Weib besinnt sich 
wieder auf sein Geschlecht. 
Wie man sieh im Karneval 
gern einmal in eine andere 
Haut steckt, um zu sehen, 
wie es sich darin wohnt, 
hat es versucht, eine Zeit 
lang männliche Allüren an 
zunehmen (ohne jedoch die 
weibliche Koketterie bei 
seite zu -lassen), es war eine 
Laune und nun greift man 
wieder auf das zurück, was 
letzten Endes das natür 
lichere ist. — Ein Beweis für 
die Rückkehr zur Weib 
lichkeit ist ferner die große 
Vorliebe für Schals und 
Tücher. Machen wir einen 
Bummel durch -die Stadt, so 
sehen wir in allen Auslagen 
unserer großen Konfek 
tions- und Stoffhäuser 
große Schals liegen, weiße, 
farbige und buntbestickte, 
einer immer schöner als der 
andere. Geblendet stehen die Frauen davor und sie über 
legen, wie sie schnellstens in den Besitz -dieses Schatzes 
gelangen könnten, denn die Theatersaison hat be 
gonnen und auch verschiedene kleine Gesellschaften 
stehen in Aussicht, wo man ihn gut gebrauchen könnte. 
Was eine Frau will, daß will Gott, sagt ein franzö 
sisches Sprichwort, also werden wir in den nächsten 
Monaten recht viele und schöne Tücher zu sehen be 
kommen. — 
Marianne. 
Zimmetfarbe mit passend 
eingefärbtein oder dunklerem Pelz. (Die neueste Modelaune besteht 
nämlich darin, Pelz und Stoff in einer Farbe zu tragen.)
        
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