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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Am anderen Tag schlenderte Frau Mara in bestimmter 
Absicht über ,den Korso. Sie war wütend auf den Baron. 
Sie wollte .. . Da kam er schon an ihr vorüber, grüßte — 
und enteilte. Aha, das schlechte Gewissen! 
Aber rasch kreuzte sie mit ihm zum zweitenmal. Da 
rief sie ihn sofort an. 
„Einen Augenblick, Herr Baron! Denken Sie sich, 
gestern abend kam ein Jumper geflogen . . . “ 
„Ein Jumper?“ 
Nun war Frau Mara über diese chevalereske Art des 
anonymen Spenders einen Augenblick lang entwaffnet. 
„Ja, die Fee Belinde schickte mir durch ein Lauf- 
mädel noch gestern abends den gelben Seidenjumper ins 
Haus.“ 
„Nein!?“ 
„Und jetzt bin ich auf dem Wege, die Rechnung ins 
Reine zu bringen.“ 
„Darf ich Sie auf diesem Wege ein Stück begleiten, 
lenkte Seidlitz ab und bemühte sich offensichtlich, das 
Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen. 
Und Frau Mara mußte gestehen, daß der junge Kava 
lier an ihrer Seite ein ganz amüsanter Plauderer war. 
Unwillkürlich mußte sie an ihren Mann denken. Wie 
hätte der die Situation in .diesem Falle ausgenützt, sich 
mit seinem gespendeten Jumper ins Licht gerückt, 
tappig, parvenühaft! 
Eigentlich, warum hatte Seidlitz diesen schlechten Ruf 
als unverbesserlicher Don Juan? Er benahm sich ihr 
gegenüber tadellos. 
Als sie sich von ihm verabschiedete, küßte er ihr 
lange die Hand, und sie ließ sie ihm willig. Dann 
trennten sie sich. Und erst später fiel es ihr ein, daß 
sie ja ganz vergessen hatte, Scidlitz-Plüschberg energisch 
zurechtzuweisen. 
Zu Hause angekommen verfiel Frau Mara in tiefes 
Sinnen. , , , , , . 
„Welch schwere Gedanken wälzst du durch dem 
Gehirn?“ erlaubte sich ihr Gatte zu fragen. 
Aber sie schnitt kurz ab. 
„Ich werde den Jumper zurüokschioken!“ überlegte 
sie. „Und zwar sofort.“ 
„Da wärest du wohl von allen guten Geistern ver 
lassen, wo du noch gar nicht weißt, von woher er 
eigentlich stammt.“ 
Nun aber trat Frau Mara blitzenden Auges vor ihren 
Gemahl. _ 
„Im allgemeinen pflegen anständige Frauen nur 
Kleider zu tragen, die vom eigenen Mann bezahlt 
werden.“ 
„Aber, Schäfchen“, tönte es zurück, „einer ge 
schenkten Hyäne schaut man nicht in die Zähne! _ 
Frau Mara schwieg. Einen feinen Mann hatte sie. Er 
grinste noch im Schlafe zu all diesen erschütternden 
Problemen. 
Um die Mittagsstunde des darauffolgenden Tages 
stellte Frau Mara an den Freiherm von Seidlitz-Plüsch- 
berg eine schwere Gewissensfrage. u 
„Herr Baron, nehmen wir an, Sie wären verheiratet. 
„Nehmen wir das lieber von Haus aus nicht an.“ 
„Und ihre Frau bekäme einen anonymen Jumper. 
Würden sie ihr auch nur einen. Augenblick lang die 
Erlaubnis erteilen, ihn zu tragen?“ 
„Ich nehme an, sie bekäme keinen.“ 
„Wenn aber doch irgendein Kaiser Joseph?“ 
„Dann würde ich vielleicht an diesem Kaiser Joseph 
ein Majestätsverbrechen begehen.“ 
„Ich danke Ihnen, Herr Baron!“ 
Nach Tisch rauchte Maras Gatte eine feine Zigarre. 
Orientalisch beschaulich. 
Da begann Mara ohne lange Überlegung mit fast 
monotoner Stimme vor sich hinzusprechen. 
„Nun weiß ich, wer der edle Spender meines Jumpers 
ist. Interessiert dich sein Steckbrief?“ 
„Leg’ los!“ 
„Er 'ist ein hochgewachsener, junger Mann, glattrasiert 
mit gepflegter Shimmyfrisur.“ 
„Oder dick, mit Stoppeln im Gesicht und einer Glatze 
auf dem Kopf.“ 
„Und wenn ich dir seinen Namen nenne?“ 
„Wenn du ihn nenntest?“ 
„Würdest du ihn fordern?“ 
„Fordern? Er ist mir doch nichts schuldig. Oder 
denkst du, der Jumper sei nicht bezahlt.“ 
Mara, sich stolz erhebend: „Vielleicht ist er doch 
noch nicht bezahlt.“ 
Zur Zeit des Fünfuhrtees stürzte sie dem Baron ent 
gegen. 
„Ich habe es ihm gesagt, ins Gesicht geschrien, daß 
Sie der anonyme Spender sind.“ 
„Wie, ich? Bei Gott, Sie irren! Ha, jetzt begreife 
ich . . .“ 
„Oh, ich weiß, Sie würden jeden Meineid schwören, 
für ihre Dame. Kaväliersstandpunkt! Er freilich, er 
schießt Sie nicht tot; er verlangt höchstens die bezahlte 
Jumperrechnung von Ihnen.“ 
„Gnädigste, bei meiner Ehre — Sie sind der Meinung, 
ich habe Ihnen den Jumper gekauft . . .?“ 
„Und das war nicht schön von Ihnen, das . . .“ 
Und nun bekam der Freiherr von Seidlitz-Plüschberg 
jene Philippika zu hören, die er gleich am ersten Tage 
hätte vorgesetzt bekommen sollen. 
Bestürzt eilte Seidlitz sofort in das Modewarenge 
schäft. Und erfuhr da, daß der Gatte Maras, der seine 
Frau zufällig aus dem Geschäft treten sah und sich 
nach ihren Einkäufen erkundigt hatte, den Jumper 
erstand, den er ihr ins Haus schicken ließ. 
Hm, hm, dachte der Baron, diese armen Ehemänner, 
sie machen es fälsch, ob sie es so oder so machen, 
während der Junggeselle instinktiv den richtigen Weg 
findet. Dann telephonierte er schnurstracks an Frau 
Mara. 
Erst erkundigte er sich nach dem Stand des Ehe 
barometers und erfuhr, daß von ihrer Seite der Null 
punkt bereits überschritten sei. 
„Aber Frau Mara“, begann er dann, „fassen Sie doch 
den Stier bei den Hörnern und beschämen sie Ihren 
Herrn Gemahl. Sagen Sie ganz einfach, Sie wüßten nun, 
daß er der Spender des Jumpers wäre.“ 
„Und sie glauben“, kam cs empört zurück, „daß er die 
Unverfrorenheit hätte, sich so mit fremden Federn zu 
schmücken?“ 
„Ich glaube bestimmt, dies behaupten zu können, und 
lassen Sie 'dann die Chose ein für allemal begraben sein. 
Von meiner Seite halte ich sie für erledigt.“ 
„Nein, wenn mir auch diese letzte Enttäuschung nicht 
erspart bleibt, dann Baron . . .“ 
„Was dann?“ 
„Dann begehe ich einen Schritt . . .“ 
„Bravo, der Sie vielleicht einmal an meinem Hause, 
Opernstraße 20, vorüberführt, natürlich ganz in Ehren 
und in einem gelben Jumper.“ 
Frau Mara läutete empört ab. 
Ein kurzes Gespräch darauf mit ihrem Manne ergab 
die Richtigkeit der Vermutungen des Barons. 
„Ludwig“, hatte Frau Mara liauernd begonnen, „Lud 
wig, spielen wir doch nicht mehr länger Komödie vor 
einander. Ich wußte ja von allem Anfang an, daß der 
Jumper von dir war, und ich danke dir halt tausendmal 
dafür.“ 
„Von mir sollte^ der Jumper sein?“ lachte der Gatte. 
„Ei, sieh mal an“, ich weiß von nichts.“ Dann aber 
schlug er sich auf die Knie und sagte: 
„Nun denn, in Gottes Namen, damit die arme Seele 
Ruh‘ hat, ja, ich war die Fee Belinde, die dir soviel 
Kopfzerbrechen verursacht hat. Und jetzt geh, und zieh 
ihn nun schon endlich an, deinen Jumper.“ 
Frau Mara ging, fast wankte sie ein wenig. 
Eine halbe Stunde später läutete es Opernstraße 20 
an der Türe des Barons. 
Der Diener meldete: 
„Eine Dame in einem gelben Jumper.“
        
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