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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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mantel und Steyrer Hütl dem Tisch. Er fragte höflich 
nach Herrn Lehmann und erklärte dann bedauernd, er 
sei der Gerichtsvollzieher X. und beauftragt, Taschen 
pfändung vorzunehmen. „Wollen Sie sich wirklich die 
Mühe machen?“ fragte Lehmann gelangweilt und ge 
wann einen schwierigen Grand mit Vieren, Schneider 
angesagt. Der Gerichtsvollzieher, bemüht, kein Auf 
sehen zu machen, nahm am Tisch neben Lehmann Platz 
und ließ einen Zipfel der ominösen Ledermappe sehen, 
die zur eisernen Ration jedes Gerichtsvollziehers gehört. 
Er warf einen Blick auf den Notizblock und stellte mit 
Befriedigung fest, daß Lehmann als einziger Gewinner 
hoch im Plus stand. „Man feste so weiter, Herr Leh 
mann“, ermunterte er den Schuldner, „wenn Se so fort 
machen, kann ich in ’ne knappe halbe Stunde den janzen 
Betrag kassieren!“—„MeinenSie?“ fragte Lehmann kühl 
„Ihr Wort in Gottes linken Gehörgang!“ Und er spielte 
von jetzt ab dermaßen ungeschickt, geradezu dilettan- 
tenhaft, daß er die sichersten Spiele verlor. Der Ge 
richtsvollzieher wurde blaß vor Zorn. Er kiebitzte mit 
verzweifeltem Ingrimm, er gab Lehmann die erfahren 
sten Ratschläge, er mogelte geradezu in seinem Interesse, 
indem er ihm diskret die Karten der andern verriet — 
alles umsonst, nach einer Stunde war Lehmann mit über 
20 Mk im Minus. Dann stand er auf, kehrte seine sämt 
lichen Taschen um, und der Gerichtsvollzieher mußte 
mit langer Nase abziehen. „Den Kerl will ich lehren, 
mich im Skatspiel zu stören!“ sagte Lehmann giftig. 
„Könnte ihm passen, den Gewinn wegzupfänden! Wozu 
arbeitet man denn da??“ 
Schließlich aber erging es unsermLehmann so schlimm, 
daß er keinen Groschen mehr gepumpt bekam und ohne 
jeden Pfennig auf der Straße stand. Er fand weder Ob 
dach, noch Nahrung, und zu alledem hatte er sich ver 
pflichtet, einem Verleger binnen 8 Tagen die Partitur zu 
einer Symphonie (der ersten — sie ist inzwischen über 
all gespielt worden) abzuliefern. Dann sollte er — o Mär 
chen! — 500 Mark auf einem Brett ausgezahlt erhalten. 
Wo aber konnte Lehmann die Ruhe finden, die die Voll 
endung seines Opus erforderte? 
Er ließ sich zwecks Erzwingung des Offenbarungs 
eides verhaften und lebte auf Kosten des wütenden 
Gläubigers 5 Tage herrlich und in Freuden im Amts 
gerichtsgefängnis. Am 6. Tage hatte er die Symphonie 
vollendet und bat den Richter, ihm zwei Stunden Urlaub 
zu geben; er wolle nur zu seinem Verleger gehen, ihm 
die Symphonie Vorspielen und im Falle ihrer Annahme 
von den ihm dann zustehenden 500 M. den Schuldbetrag 
zahlen. Der Richter hatte Humor und bewilligte den 
Urlaub unter der Bedingung, daß ein Gerichtsvollzieher 
Lehmann begleiten dürfe. Lehmann erbat sich einen älte 
ren, würdigen Herrn mit provinzieller Sonntagsgarde- 
rofoe, den er als zugereisten Onkel vorstellen könne. 
So geschah es. Der „Onkel“ saß im Klubsessel, wäh 
rend Lehmann die Symphonie vorspielte. Der Verleger 
war entzückt und gab Lehmann sofort die versprochenen 
500 Mk. Der zählte wehmütig einen Teil der Scheine ab 
und gab sie dem Gerichtsvollzieher, der seinen Augen 
nicht traute. „So, lieber Onkel, da hast du die 336,78 
Mk., die du mir geliehen hast. Lebe wohl und grüße die 
Tante!“ Damit schob er den völlig konsternierten Be 
amten aus der Tür. Der Verleger stutzte. „Was ist denn 
das für ein merkwürdiger Onkel, der sich vom Neffen 
bezahlen läßt?“ — „Ach, die Verwandtschaft“, erklärte 
Lehmann wegwerfend, „das ist und bleibt ein trübes 
Kapitel! Außerdem ist dieser Onkel Gerichtsvoll 
zieher — Sie verstehen — — —“ Und der Verleger 
verstand so gut, daß er Lehmann die 336,78 M. ersetzte 
und einen für beide Teile äußerst vorteilhaften Ver 
lagsvertrag anbot. 
Drei Monate später hatte Lehmann nicht nur keine 
Schulden mehr, sondern war selbst in der Lage, Geld 
zu verpumpen. Und heute — aber Sie alle kennen 
den Mann und den großen Künstler. 
Der Jumper 
HEINZ SCHÄRPE 
rau Mara betrachtete die Auslage eines 
Modewarengeschäftes. 
Ein entzückender gelber Seidenjumper 
stach ihr in die Augen. Wie er ihr wohl zu 
Gesicht stünde? Was er wohl kostete? Ob 
sie ihn wohl einmal anprobierte? Alle 
diese Fragen waren leicht zu lösen. 
Kurz entschlossen betrat sie das Ge 
schäft. Ein junger eleganter Mann 
schwelgte darinnen gerade in .einer Symphonie farbiger 
Krawatten. Er verbeugte sich vor Frau Mara und gab 
sofort die Verkäuferin frei. 
,„0, Baron Seidlitz“, flötete Mara, leicht das Haupt 
senkend, und empfand es .gar nicht angenehm, gerade 
jetzt auf diesen stadtbekannten sarkastischen Don Juan 
zu stoßen. 
Dann aber saß ihr bald der Jumper am Leibe, und er 
saß ihr wie angegossen, er stand ihr prächtig zu Gesicht 
und er war bei Gott über alle Maßen sündhaft teuer. 
Seufzend stand sie vom Kaufe ab, ruhig zugebend, daß 
das Gleichgewicht ihrer Finanzen eine derartige Be 
lastung nicht vertrüge. 
Was aber Frau Mara gefürchtet, geschah nun. Der 
Baron mischte sich ins Gespräch. In einem solch ver 
zweifelten Falle käme eine Fee sehr zu statten, aber . . . 
„Aber,“ vollendete Frau Mara, „Feen pflegen nur in 
Märchen vorzukommen.“ 
Frau Mara begab sich etwas verstimmt nach Hause. — 
Am Abend klingelte es. 
Das Modewarengeschäft schickte durch ein kleines 
Laufmädel den Jumper? 
Einen Jumper? — Nein, das mußte ein Irrtum sein. 
Aber das Paket trug die genaue Adresse Frau Maras 
und weder Rechnung noch Preiszettel lagen bei. Also 
war der Jumper bezahlt. 
Aber von wem? Von einer Fee? Oder einem simplen 
Baron? Das war hier die große Frage. 
Als Frau Maras Gatte nach Hause kam, fiel sein 
Blick auf den Jumper. Sapristi! Er war über dieses 
feine Stück nicht wenig überrascht. 
„Sieh einer einmal an“, begann er mit hochgezogenen 
Mundwinkeln, „aus dem Wirtschaftsgelde erspart oder 
von den Schwiegereltern zugeflogen?“ 
„Keines von beiden ‘, beeilte sich Frau Mara zu ver 
sichern, „sondern von unbekannter dritter Seite, auf 
jeden Fall aber nicht von dir!“ 
„Freilich nicht von mir, aber von wem sonst?“ 
„Vielleicht von der Fee Belinde, der Patronin aller 
unverstandenen Ehefrauen.“ 
„O, du ahnungsloser Engel du, oder vielleicht vom 
Schah von Persien?“ klatschte Maras Gatte in die Hände 
und zeigte damit an, daß er die Geschichte mit dem 
Jumper von der humoristischen Seite nahm, während 
Mara die ganze Tragik derselben auf der Seele wuchtete. 
*
        
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