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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Eine Weile hielt er es aus, dann sprang er auf und be 
gann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. Er blieb 
vor dem Bücherschrank stehen, suchte etwas zum Lesen, 
stieß ein Buch nach dem andern zurück. Keines inter 
essierte ihn. Dann ließ er es sein, lehnte sich müde an 
den Schrank, die Augen schließend, ließ er sich ganz in 
das Nichts gleiten. 
Er stand bewegungslos, wie das erstarrte und auf ewig 
erfrorene Leben. Jetzt hatte er keinen einzigen Ge 
danken, keinen Wunsch, Willen oder Gefühl. Stand nur 
an den Schrank gelehnt und das große Nichts umflatterte 
ihn, das würgende, tote Schweigen. Dann, in die ohn 
mächtige Regungslosigkeit schrie plötzlich das schrille 
Läuten des Telephons. Er drehte sich um und auf ein 
mal wich alles Blut aus seinem Gesicht. Seine Hand, die 
er langsam nach dem Hörer ausstreckte, zitterte so, daß 
er selber erschrack. 
Was soÜ ich ihr sagen? — zermartete er sich, bis er 
die Muschel zum Ohr hob. — Was kann ich ihr sagen, 
wie soll ich ihr ins Herz weinen, daß ich sie liebe, daß 
ich mich nicht von ihr trennen kann, daß ich sie nie 
mehr aus mir reißen kann ... 
Hallo! — sagte eine fremde Stimme. — Wer spricht? 
Er nannte die Nummer. — Falsche Verbindung! 
Der Hörer viel auf seinen Platz. — Es wurde so still, 
daß man das unregelmäßige Ticken des Herzens hören 
konnte. Er saß gelähmt an dem Tisch, den Kopf 
zwischen den Fäusten und preßte die Lider zu, damit die 
losgelösten Tränen sich nicht befreien könnten. Und 
hinter den geschlossenen Augenli dem, tief eingezogen, 
war das Bild der Frau, unzerstörbar. 
Lange saß er so und die Stille wurde immer bleierner 
um ihn. Und wie er mit erloschenen Augen in die Luft 
starrte, kam langsam, wie die Morgenröte, ihm zum 
Bewußtsein, daß es jemand gibt, über allem, irgendwo, 
in einer kleinen Wohnung, eine Frau, zu der er gehört, 
die alles ist, eigentlich sein Selbst und von der er sich 
nie loslösen kann, so wie er sich selbst nicht lösen 
kann ... 
Er bewegte sich und hob schier bewußtlos den Hörer. 
Hallo! — ertönte es plötzlich in der Muschel und die 
Augen wurden ihm feucht. 
Einen Augenblick versagte seine Stimme, Dann lehnte 
er sich an den Tisch und begann erlöst, schluchzend, in 
einem sinnlosen langen Durcheinander zu sprechen ... 
(Autorisierte Übersetzung aus dem Ungarisch n von Fanny Weiß.) 
Ritter vom blauen Adler 
DR. HANS BACHWITZ 
in heute sehr bekannter, fast berühmter 
Komponist und Pianist — nennen wir 
ihn verschämt Lehmann! — war in sei 
ner Jugend wegen der lustigen und listi 
gen Scharmützel berüchtigt, die er mit 
den Gerichtsvollziehern ausfocht, jenen 
Institutionen der Zivilprozeßordnung, 
denen man die zwangsweise Verwirk 
lichung geldwerter Ansprüche zu über 
geben pflegt. Lehmann hatte damals außer seinem gro 
ßen Talent und seiner Familie, die sich von dem „Tasten 
schnorrer“ grollend zurückgezogen hatte, nichts, was er 
irgendwie hätte zu Gelde machen können, um seine 
zahlreichen Gläubiger zu befriedigen — mit Ausnahme 
einer echtgoldenen Deckeltaschenuhr, die ihm ein Groß 
papa zur Konfirmation geschenkt hatte. Nicht, daß 
übermäßige Pietät ihn veranlaßt hätte, gerade diesen 
Wertgegenstand zu bewachen, wie ein Drache das un 
schuldige Mägdlein — Lehmanns Unzertrennlichkeit von 
der Uhr beruhte auf mystischen Gründen. Er war näm 
lich felsenfest davon überzeugt, daß fürchterliches Un 
heil ihn befallen würde, wenn er sie, wie sonst alles 
übrige, den Trödlern zum Fräße vorwerfen würde, und 
da er gezwungen war, jeden Morgen dem Gerichtsvoll 
zieher Audienz zu erteilen, war er auf einen entschieden 
genialen Einfall gekommen, um gerade die Uhr den 
wühlenden Augen und Händen des „Ritters vom blauen 
Adler“ zu entziehen. Er befestigte sie nämlich unterhalb 
der Matratze an einem hervorstehenden Sprungfeder 
haken, und so hatte sie der alte Wiedecke, wie Lehmanns 
Leibgerichtsvollzieher hieß, nochnicht entdecken können 
Eines Morgens nun saß Lehmann, leicht gewandet und- 
gestimmt, am Klavier und komponierte an einem Ler 
chenlied, als es klopfte und seine Wirtin ihm den „Üb 
lichen“ meldete. „Laß ihn herein, tatatam, tatatam“, sang 
und skandierte Lehmann zur Melodie des eben gebrüte 
ten Lerchenliedes, ,Jaß ihn herein, tatatam, tatatam 
und — scher — Diiiich — rauhauhaus!“ Wobei er in 
gefühlvoller Kadenz die Töne verklingen ließ. Hierauf 
setzte er sich auf das Bett. 
Der alte Wiedecke war in Urlaub, und statt seiner kam 
ein Neuer. Ein Funkelnagelneuer. Einer, der erst probe 
weise in Dienst gestellt war und sich bewähren sollte, 
um pensionsberechtigt zu werden. Ein junger, energi 
scher Mann mit düsteren Augen und einer Eiszeitmiene. 
In den gemütlichen Formen des alten Wiedeoke war mit 
dem nicht zu verkehren, der hielt sich an sämtliche Buch 
staben des Gesetzes und ging vorschriftsmäßig zu 
Werke. Insbesondere fragte er Herrn Lehmann, ob er 
im Besitze pfändbarer Gegenstände sei. Die geradezu 
lächerliche Utopie dieser Frage erschütterte Lehmann. 
Dann verneinte er sie fast beleidigt. „Pfändbares bei 
mir? Nur ein Laie kann das erhoffen, nachdem doch 
meine absolute Unpfändbarkeit gerichtsnotorisch ist!“ 
Und er setzte sich wieder ans Klavier und feilte an 
seinem Lerchenliede, während der Adept der bürger 
lichen Gerichtsbarkeit das Zimmer durchstöberte. 
„Also nischt!“ sagte er seufzend. Lehmann neigte 
melancholisch das Haupt und schlug zwei tiefe Moll 
akkorde. Schon wollte der Vollstrecker das vorgeschrie 
bene Formular ausfüllen und vom Schuldner unterzeich 
nen lassen (der alte Wiedecke hatte sich ein für allemal 
Lehmanns Unterschrift in blanco geben lassen), da hob 
er plötzlich die, Lauscher wie ein gut dressierter Jagd 
hund. „Was is’n das? 1 fragte er argwöhnisch. „Das 
Lerchenlied“, erwiderte Lehmann stolz und perlte eine 
Kaskade von Morgensonne über blonden Feldern, „ge 
fällt Ihnen die Kleinigkeit?“ — „Hörnse ma uff!“ kom 
mandierte das Auge des Gesetzes, und als ihm gewill 
fahrt worden war, „hier tickt doch was!“ 
Verflucht! Die Uhr!! Er hatte die Uhr entdeckt!!! 
Lehmann fühlte, wie er blaß wurde. Dann hieb er den 
schwedischen Reitermarsch mit vollem Pedal in die 
Tasten. Aber es war zu spät. Schon war die strafende 
Gerechtigkeit bäuchlings unters Bett gekrochen und 
förderte gleich darauf triumphierend die goldene Groß 
vateruhr zu Tage. Drei Jahre später erst war Lehmann 
in der Lage, sie beim Gläubiger auszulösen, der sie so 
lange entgegenkommenderweise auf Lager genommen 
hatte. 
Ein andermal saß Lehmann mit Freunden im Kaffee 
hause und spielte leidenschaftlich Skat. Er hatte bereits 
über 6 Mark gewonnen und war in der Glücksträhne. Da 
näherte sich ein amtlich aussehender Herr in Loden-
        
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