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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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TRENNUNG 
* 
ANDOR GAAL 
★ 
eben Sie wohl“ — sagte er leise, legte den 
Hörer zurück und sah einige Augenblicke 
mit verständnislosem leeren Blick in die 
ihm entgegenstarrende schwarze Muschel. 
Er lag noch mit dem Ellenbogen auf dem 
Tisch, tat zwei, drei Züge aus der Ziga 
rette und merkte nicht, daß die Asche an 
seinem Anzug entlangperlte. Dann stand 
er von seinem Platz auf, lief einige Male 
ziellos durch das Zimmer und setzte sich wieder. 
Sah den kleinen Apparat an, dessen blanker Nickel 
aim kalt auf dem schwarzen Ständer glänzte. 
Telephon ... dachte er — jetzt halbe ich ihr zum letz 
ten Mal telephoniert... 
Seine Nerven sträubten sich und er nahm eine neue 
Zigarette. Er begann wieder herumzugehen, doch konnte 
ihn die Bewegung nicht beruhigen. Herbe und trotzige 
Gefühle drängten sich in ihm und mit immer heftigerem 
und unregelmäßigem Atem stieß er den Rauch von sich. 
Also, Ende — sprach er zu sich und sah wieder auf 
das Telephon. 
Schluß. Es war genug ... Dias geht nicht so weiter. 
Er versuchte nachzudenken, was das sei, was nicht so 
weiter ginge, doch wußte er es nicht sicher. Sein Gehirn 
erfaßte irgendwie nicht, setzte aus, wie ein schlechter 
Pulsschlag. 
Das geht nicht so weiter... wiederholte er zu sich, 
als ob er mit jemandem stritte, der in ihm ist, irgendwo 
tief drinnen, versteckt zwischen den Gehirnwindungen 
und ihn plötzlich überzeugen müßte mit Beweisen und 
Gründen, wo er doch nur Gefühle besaß, die schmerz 
ten und die sicher glaubten, daß es nicht weiter geht... 
Unbewußt begann er, an der Telephonschnur zu 
zupfen, spielte ein Weilchen mit ihr, bekam dann ein 
merkwürdiges, böses Lächeln und ließ sie mit einer 
herben Handbewegung los. 
Diese rote Schnur war das Letzte, was mich an sie 
band — dachte er — jetzt bin ich ganz frei. Ich habe 
niemand, um den ich mioh kümmern muß. Jetzt kann 
ich mein eigener Herr sein. Wie gut ist es so, daß ich 
nicht mehr meine Zeit von einem anderen abhängig 
machen muß, meine Laune, die ganze Entwicklung 
meines Lebens... Ich tue, was mir gerage in den Sinn 
kommt... Was soll ich nur anfangen? ... 
Er -dachte daran, daß er jetzt irgendwo zu Nacht 
essen müßte. Bisher war es schon seit Monaten so, daß 
er immer mit ihr aß. Zu zweien, daheim, oder versteckt 
in der stillen Ecke eines kleinen Gasthauses, wo man 
manchmal, unter dem Tischtuch verstohlen, ihre Hand 
drücken konnte. Er erinnerte sich, wie herrlich, wie 
unglaublich schön diese Abende waren. Sie saßen nur 
und sahen sich in die Augen und durch ihre verschlun 
genen Finger zirkulierte rhythmisch, gleichzeitig das 
Blut gegeneinander ... 
Ja, man müßte Abendbrot essen. Jetzt schon allein, 
von heute an immer allein. 
Und plötzlich entstand in ihm das Bild der Frau, wie 
der Mond plötzlich auf dem schwarzen Himmel er 
scheint. Jetzt war sie hier, stand da und lächelte, ihre 
blonden Haare und tiefen blauen Augen lebten hier im 
Zimmer, und auf einmal wurde die Luft so heiß, so be 
klemmend, daß sein Atem davon stockte. 
Was sie wohl jetzt tut? — dachte er. — Ihr werden 
wahrscheinlich auch die abendlichen Zusammenkünfte 
in den Sinn kommen, und vidieicht quält sie sich genau 
so wie ich ... 
Dann zwang er die Erinnerung nieder. 
Leben Sie wohl... wiederholte er zu sich, als ob er 
sich jetzt wirklich von ihr verabschiedete. — Leben Sie 
wohl... 
Er ging aus. An der Ecke, beim Restaurant blieb er 
stehen; es fiel ihm ein, daß er hier einmal mit ihr zu 
sammen war. Das war noch in den ersten Wochen, als 
sie ihre Liebe schamhaft versteckten und sich vor den 
Menschen verkrochen. Er erinnerte sich, wie erschrok- 
ken sie bei jedem Türöffnen den Kopf gehoben; viel 
leicht war es ein Bekannter ... Und plötzlich stellte er 
sich, allein an einem Tisch sitzend, vor, — in die Lang 
weile und Apathie des Alleinseins, — sitzend und 
sitzend und niemand, mit dem er ein Wort wechseln 
konnte, dem er erzählen konnte, was mit ihm geschah, 
niemand, der ihn anlächelte und im stillen seinen 
Händedruck erwiderte... Niemand. Er ging weiter auf 
der Straße, ziellos, nur weil die Füße ihn trugen. 
Ich darf mich nicht gehen lassen, — probierte er 
sein inneres Gleichgewicht herzustellen. — Dies alles ist 
nur, weil ich das Alleinsein noch nicht gut vertrage. Wie 
jemand, der sich an ein Narkotikum gewöhnt hat und auf 
einmal nichts mehr davon bekommt. Das ist das Ganze. 
Durch Monate hat sich die Frau in mein Blut gesaugt, 
mein Herz war erfüllt von ihr, meine Lunge, mein Ge 
hirn, und jetzt ist sie nicht mehr. Das ist alles... Ich 
darf mich nur nicht gehen lassen. Ich werde schon 
irgendwo blonde Goldfäden finden, die genau so im 
Sonnenschein vibrieren, und es wird noch mehr tiefe, 
tauige Augen geben, in die man sich gerade so begraben 
kann ... 
Und als die erste Frau ihm entgegenkam, spähte er 
ihr mit einem großen, entschlossenen Gesunden wollen 
in die Augen. Es war nicht die. Und nacheinander ver 
suchte er es bei der Zweiten und Dritten. Keine war, 
wie er sie suchte. 
Dummheit — sprach er zu sich. — Suggestion. Der 
Mensch redet sich ein, daß es nur eine Frau gibt, die 
sein Leben bedeutet, die Freude, das tränende Glück, 
die Morgenröte, die Wolken, die Sterne, alles... Es ist 
eine wunderliche, primitive, fixe Idee, so, wie die Alten 
sich die Erde vorstellten, von der sie dachten, daß sie 
irgendwo ein Ende habe und über diesen Endpunkt hin 
aus gäbe es nichts weiter ... Es ist nicht wahr. Man muß 
von dem gesunden, muß aus diesem krankhaften Fieber 
traum endlich erwachen. Über allem hinaus gibt es Leben 
und hauptsächlich gibt es über allem hinaus etwas 
Neues, Unbekanntes, etwas, wofür es sich lohnt, weiter- 
züleben. 
Er wurde müde vom Herumlungern und ging nach 
Hause. 
Eigentlich ist es gut so allein — dachte er, als er sich 
auf den alten, gewohnten Diwan legte und der Rauch 
unordentlich um ihn kreiste — gut so, niemand anzu 
gehören, keinem angekettet sein... Allein sein, sou 
verän ... 
Seine Augen blieben an dem kleinen Telephonapparat 
hängen, der jetzt leblos auf dem Tisch hockte. 
Um diese Zeit pflegte ich hier zu telephonieren — fiel 
ihm ein. — Es gehört irgendwie zu meinem Tag, daß ich, 
nachdem ich sie nach Hause gebracht hatte, an sie 
dächte und mit ihr sprach. Mit welch erregtem Zittern 
wartete ich auf das Erklingen ihrer Stimme in der 
Muschel und auf einmal war ich ihr so nahe, als ob ich 
ndben ihr stünde und mein Mund auf ihrem Mund ver 
ginge... 
Er warf die Zigarette weg und grub den Kopf in das 
Sofa, um sich von diesen Erinnerungen zu befreien. Er 
quälte sich sehr.
        
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