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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

A'ff. 30 
Japrg. SS 
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Schmerzes. Ihre heißen, freimütigen, leidenschaft 
glühenden Worte machten ihm die Geliebte so lebendig, 
daß ihm war, als höre und sehe er sie. als streife ihr 
heißer Atem sein Antlitz, als poche ihr Herz stürmisch 
nach dem seinen. Sie fand noch keine sanfte Trauer, 
keine wehmütige Ergebung. Alles war noch Forderung 
und Auflehnung. Sie liebte noch zu stark, liebte über 
das Grab hinaus und lebte in farbenglühenden Erinne 
rungen ihrer Liebe weiter. 
Und er — er schürte ihre Gefühle noch. Unfähig 
zu schweigen sprach er zu ihr, oft verhüllt und geheim, 
aber seine eigenen Empfindungen führten doch seine 
Feder. Er sprach von seiner Liebe als der des Fürsten 
— und wenn er vordem oft an der Stärke seiner Leiden 
schaft für diese Frau gezweifelt hatte, so lehrten ihn 
diese verzweifelten Stunden, da er Verbrechen auf Ver 
brechen türmte, daß diese Frau sein Verhängnis ge 
worden. Er liebte sie jetzt, da sie durch seine Schuld 
so unsagbar litt, mit einer neuen Art von Fanatismus. 
Sein jetzt leeres Leben war plötzlich ganz von ihr aus 
gefüllt und sein gepeinigtes Gewissen hing an ihr mit 
der Sehnsucht, unter Leiden und Wonnen zu büßen. 
Mehr als einmal setzte er die Feder an zur Beichte. 
War ihm aber früher die mündliche Beichte schon un 
möglich, erhob sich damals sein Stolz, seine Eitelkeit, 
sein Leichtsinn dagegen, so gelang ihm ein schrift 
liches Eingeständnis noch weniger. Hatte er doch oft 
die Empfindung, keinen Betrug verübt zu haben und 
gar nicht der zu sein, der er war ... Er konnte glatt 
einen Brief an Tissa schreiben mit dem völlig über 
tragenen Bewußtsein, von sich als von dem Toten zu 
sprechen . . . Er fühlte sich geradezu im Grabe liegen 
und schrieb gleichzeitig als sein eigener Sekretär von 
den Geheimnissen seines Lebens ... Er überschüttete 
Tissas noch lebenden Geliebten mit Rosen und schrieb 
als der Vertraute des Verblichenen im Stile dessen, 
den er als seinen Sekretär bezeichnet hatte. Die Ver 
wirrung war endlich so groß, daß Kenn selbst nicht 
mehr wußte, wer er war, der da schrieb und litt . . . 
Und ein unwillkürlicher Blick in den Spiegel machte 
ihn starr vor Entsetzen . . . Der Fürst stand vor ihm 
und blickte ihm aus dem Spiegelglas entgegen . . . 
Von Grauen gepackt floh Kenn in den tiefsten 
Winkel des Zimmers .... 
Er hatte in diesem Augenblick vergessen, daß ihm 
die Vorsicht geboten hatte, sein Äußeres umzuge 
stalten für den Fall, daß Tissa eine persönliche Begeg 
nung, die sie so sehr wünschte, herlbeiführen werde. 
Um demjenigen, den er als seinen Sekretär bezeichnet 
hatte, ähnlich zu sein, ließ er sich wieder den Bart 
stehen. Das Haar, das er früher mit Scheitel getra 
gen, war jetzt auch über der Stirn ganz kurz. Ein wenig 
dunkle Farbenessenz und eine dunkle Brille taten das 
übrige, um ihn vollständig zu verwandeln. Wie 
frappant aber die Ähnlichkeit mit dem Fürsten war, 
das fiel ihm erst jetzt auf, da er unvermutet und unter 
dem Einfluß seiner verwirrten Vorstellungen das 
Spiegelbild sah. 
Ein richtiges Grausen packte ihn vor sich selbst. Wo 
hin geriet er noch —? .. . 
Von München fortzugehen, war ihm unmöglich. Er 
war wie magnetisch festgehalten. Die Briefe seiner 
Mutter, seines Bruders legte er ungelesen beiseite. Die 
enthielten ja doch nur Vorwürfe über seine Wankel 
mütigkeit. 
Vierzehntes Kapitel. 
Die Geduld des Grafen von Wollfsheil wurde wirk 
lich auf harte Proben gestellt. Seit geraumer Zeit ließ 
die Angebetete seine Briefe unbeantwortet, und zwar 
auch den letzten, der doch derart gewesen, daß unbe 
dingt eine Entscheidung hätte folgen müssen. Er hatte 
gewagt, seinen Heiratsantrag in aller Form zu wieder 
holen unter „Darlegung“ seiner vorteilhaften Verhält 
nisse. Der Tod seiner Mutter hatte ihn zum Erben 
eines größeren Vermögens gemacht, als er es je erhofft 
hatte. Da er einziger Sohn war, fiel ihm auch der nicht 
unbedeutende Grundbesitz mit Gut und Schloß Wollfs 
heil zu — zog man außerdem seine Karriere in Be 
tracht, die ihn strikte auf einen Gesandtschaftsposten 
führen mußte, so glaubte er wohl berechtigt zu sein, 
um eine Miß Brownson und ihre Millionen werben zu 
dürfen. 
Er war kein Adonis — das gab er gern zu — gleich 
wohl hielt er seine Erscheinung für durchaus passabel. 
Was galt beim Manne Schönheit? Ihm sah man unge 
achtet seiner kleinen Statur doch den hochgeborenen 
Kavalier von weitem an. Dieses betonte sein Schneider 
stets von neuem. Daß er nun eine blendend schöne 
und hochgewachsene Gattin haben wollte, war eine 
Kaprice, die er sich ja leisten konnte und die besonders 
dem Wunsch entsprang, seinen Kindern einen hohen 
Wuchs zu verschaffen. Tissa Brownson war in allem 
sein Ideal, auch hinsichtlich des Charakters. Er liebte 
diese Natururwüchsigkeit und Sinnlichkeit, diese Auf 
richtigkeit und Frische. Seine aristokratischen In 
stinkte witterten in ihr die unverbrauchte Kraft aus 
der Tiefe. Der wollte sich sein bereits degeneriertes 
Blut vermählen. 
Sehr ärgerlich war es da nun, daß seine Wünsche auf 
so harten Widerstand stießen. Weshalb zögerte sie, 
sich eine glänzende gesellschaftliche Position zu 
schaffen. Sie saß immer noch unentwegt in diesem 
langweiligen Hotel Continental. Was hielt sie dort fest? 
Als immer und immer noch keine Antwort auf seinen 
Werbebrief kam, faßte der kleine Wollfsheil einen 
neuen, großen und kühnen Entschluß. Er schrieb an 
Fläulein Klara Kalkbrenner, die, das wußte er, seine 
Gönnerin und Fürsprecherin war. Vor ihrem braven 
Tantenherzen wiederholte er alle seine verlockenden 
„Darlegungen“, indem er seine Vorzüge ausbreitete. 
Selbst sein kleines Herz öffnete er, worin wohlgeord 
net neben seiner gerechten Selbstvergötterung die 
Liebe, die Verehrung, die eheliche Treue und die Hoff 
nung auf Sprößlinge der Erfüllung harrten. 
(Fortsetzung folgt.) 
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