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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Die Frau am Fenster 
Jahrq. 28 
LOTHAR SACHS 
«Hi 
\T J ie ein schwerfälliges Tier schob sich die Masse 
\ / des Publikums aus dem Theater in den weichen 
k/\/ Sommerabend hinaus. Aus dem Gedränge löste 
V ▼ sich eine schlanke Gestalt, die in ein Abendcape 
aus Tuch mit Zobelfehstreifen gehüllt war und schritt, 
ohne auf jemand zu achten, zu dem Auto, das der 
Portier herangeholt hatte. Ich hörte nur noch, wie der 
Chauffeur die Straße und Hausnummer wiederholte: 
Parkallee 16; wenige Augenblicke später tauchte das 
Auto in dem bunten Knäuel von Wagen und Menschen 
unter. 
Schon waren die großen Bogenlampen am Haupt 
eingang des Neuen Operettenhauses erloschen, nur aus 
den Nebeneingängen, die zum Bühnenraum führten, 
kamen noch vereinzelt Solomitglieder der Bühne, 
Musiker, Chorherren und Chordamen und wurden rasch 
von der Dunkelheit des gegenüberliegenden Stadtparkes 
verschluckt. Ich stand noch immer wie durch Hypnose 
an den Platz gefesselt. Auf was wartete ich eigentlich 
noch? Die schöne Unbekannte aus der Proszeniums 
loge war doch schon längst zu Hause angelangt . . . 
Parkallee 16. 
Einen wichtigen Anhaltepunkt hatte ich wenigstens. 
Wie immer, lockte mich auch diesmal gefühlsmäßig das 
Geheimnisvolle, Abenteuerliche, das improvisierte Er 
lebnis ... Es reizte mich, in meiner Phantasie mich 
mit der jungen, vornehmen Frau in der Proszeniums 
loge zu beschäftigen, die einen so schmerzlichen und 
müden Zug um den Mund trug und so teilnahmslos die 
Vorgänge auf der Bühne vorbeigieiten ließ. Ihre Teil 
nahmslosigkeit hatte aber nichts Blasiertes, ich hatte 
vielmehr das Gefühl, als seien es nur vorüberhuschende 
Schatten, die diese feinen Gesichtszüge verdunkelten.. 
Jeden Mittag ging ich an dem Hause Parkallee 16 
vorbei. Ich kannte jetzt das Stockwerk, kannte auch 
das Zimmer, in dem sie sich um die Mittagstunden auf 
zuhalten pflegte. Hie und da trat sie in den Rahmen des 
Fensters, dann preßte mir jedesmal ein unbestimmtes 
Etwas die Kehle zu. Es wäre mir ein leichtes gewesen, 
das Geheimnis ihrer Persönlichkeit zu entschleiern, 
Näheres zu erfahren. Der Hausmeister hätte mir jede 
gewünschte Auskunft gegeben. Warum zögerte ich? 
Warum war mir die Ungewißheit lieber als die Gewiß 
heit? War ich zu feige, um mich mit der möglichen Tat 
sache abzufinden, daß sie einem anderen gehört, einen 
anderen liebt? 
Ich ärgerte mich über die Anwandlung einer mir 
sonst fremden Sentimentalität, ich versuchte, mich 
selbst zu ironisieren, und brachte es doch nicht über 
mich, mir Klarheit zu verschaffen. Bis jener Juliabend 
kam, an dem mich zu sonst ungewöhnlicher Stunde der 
Weg an ihrem Hause vorbeiführte. Wieder stand sie am 
Fenster, aber diesmal nicht allein. Ein hochgewachsener 
Mann stand neben ihr, hatte seinen Arm um ihre Taille 
gelegt, und während er scherzend auf sie einsprach, 
schien es mir, als glitte ein Leuchten über ihre Züge . . 
Ich erfuhr nie, ob jener Unbekannte ihr Mann, ihr 
Bräutigam oder ihr Geliebter war. Aber ich haßte ihn, 
haßte ihn, wie ich nie einen Menschen gehaßt. Wie 
wenn ich ein Recht auf jene Frau besessen, deren 
Namen ich nicht einmal kannte. Ich sah in dem Frem 
den einen Feind, der mir das Schönste im Leben ge 
raubt — die Illusion . . , 
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Qas fctdfi&ne 'tyesiSk 
ROMAN * VON * EL CORRET 
10. Fortsetzung Hilden Hohl 
Der Astrologe legte seine Zeichnungen schweigend 
auf den Tisch des Raumes, wo der Fürst zu Bett lag. Der 
Qualm des Ambra verdickte die Luft. Kerzen flackerten. 
Die roten Seidenvorhänge, die der Fürst sich überall, 
wo er weilte, anbringen ließ, hüllten den Raum in magi 
sches Licht. Einem Erlösten gleich lauschte der Fürst 
auf die Weissagung seines baldigen Endes . . . 
Fast lautlos, wie sie erschienen, verschwand die 
schwarze Gestalt des Astrologen aus dem Hause des 
Fürsten; aber über allem lag wie ein Schatten das, was 
er gesprochen. Fürst Porphyrio verharrte in demütigem 
Schweigen. Wie jemand, der sich für einen schweren 
Entschluß oder eine weite Reise vorbereitet. Und eines 
Abends, als die Sterne sich erst zu golden begannen, er 
faßte er Henns Hand und sagte: „Jetzt ist die Zeit ge 
kommen! Jetzt muß ich zu ihr sprechen . . . Rufe die 
Fürstin . . .” 
Es war für Henn ein Leichtes, die Fürstin von dem 
Wunsche ihres Schwagers zu benachrichtigen, da er eine 
Mitteilung für Florence nur ihrem Rechtsanwalt in 
München zu übermitteln brauchte. 
Henn seinerseits glaubte durchaus nicht an einen et 
waigen baldigen Tod seines Gebieters. Er hielt dessen 
Sterbeahnungen für eine Art Selbsthypnose, erzeugt von 
der ewigen Qual seines selbstverdammenden Denkens. 
Der italienische Arzt, der bei Fürst Porphyrio täglich 
aus und ein ging, war ebenfalls dieser Meinung. Hier 
brauchte nur ein neuer starker Eindruck zu wirken und 
die kranke Psyche reagierte sofort auf ihre Weise. 
Henn hoffte von einer Aussprache mit der Fürstin 
Florence viel für seinen unglücklichen Gebieter. End 
lich löste sich dann vielleicht die alleingetragene, allzu 
schwere Gewissenslast von seiner armen Seele. — 
Florence depeschierte ihr baldiges Kommen. Ganz 
kurz gab sie die Zusage, ohne Gruß, ohne Zeichen ihres 
Empfindens. 
Und es war ein Maitag voll Sonne und Blütenpracht. 
Schäumende Rosenkaskaden in rosa, rot und weiß be 
deckten die äußeren Mauern des Hauses, das zwei
        
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