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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Ar. 3o 
Jahrg. 2» 
24 
Tages, daß ich dich erkennen ( soll. Welches Zauber 
wort soll dich mir offenbaren?“ 
„Bedarf es mehr, als nur des Wortes: Prinzessin 
Namenlos?“ 
* 
Der Hafen war in Sicht. Die Passagiere rannten ge 
schäftig hin und her. Gepäck türmte sich. Abschied 
wurde zum vorletzten und letzten Mal genommen. Man 
wollte — sich Wiedersehen — sich schreiben. Tausend 
Versprechungen und Wünsche schwirrten durch die 
Luft. 
Inmitten der aufgeregten, schwatzenden Menschen 
thronte in vornehmer Ruhe an der Seite ihres Gatten 
die Fürstin Trachenberg. Daneben, unter Handgepäck 
fast vergraben, das „Fräulein“ mit den Kindern und der 
Jungfer. 
Gert hatte sich bereits von allen Bekannten verab 
schiedet. Nun saß er mit dem krokodilledernen Hand 
koffer neben sich und beobachtete die fürstliche Fa 
milie. Seine Augen hingen wie gebannt an der Fürstin. 
Welch eine Verstellungsgabe besaß diese Frau. Sie hatte 
nicht mit der Wimper gezuckt, als er sich verab 
schiedet. Nur die Fingerspitzen, kühl, ohne Druck, 
hatten seine Hand berührt. Der Blick ihrer Augen hatte 
ihn erkältet bis ins Mark. 
Der Gedanke überflog ihn, er hätte diese Meeres 
nächte nur geträumt, als wäre das, was er erlebt zu 
haben glaubte, nur eine Ausgeburt seiner Phantasie 
gewesen. 
Die Ketten rasselten. 
Drei Wochen zusammengepfercht, wurden sie nun 
wieder auseinander geweht. 
Die gläserne Fläche mit ihren Millionen Silberperlen, 
dem Mondzauber — verschwand. Die Meeresnächte 
versanken. 
Der Fürst stand hochaufgerichtet und kommandierte 
zwei Gepäckträgern. Als sie beladen von dannen zogen, 
erhob auch die Fürstin sich. 
Gert stand an die Barriere gelehnt. Dicht an ihm 
mußte sie vorüberkommen, wenn sie das Schiff verließ. 
Die Fürstin sah niemand. Sie blickte über alle hinweg. 
Ihre Augen waren suchend in die Ferne gerichtet. 
Erwartungsvolle Freude lag in ihnen. Gert sah es ganz 
deutlich. Hinter ihr kam der Fürst. Dann die Erzieherin 
mit Rolf, die Jungfer mit dem kleinen Mädchen. Aber, 
wie sah das „Fräulein“ aus? Blaß, elend, als wolle sie 
jeden Augenblick Umfallen. Sie mußte geweint haben, 
denn ihre Augen waren rot umrändert. Der bittere Zug 
um ihren Mund hatte sich vertieft. 
„Arme, verhärmte Kreatur“ dachte Gert. Im gleichen 
Augenblick fühlte er, wie sie ihm einen Zettel in die 
Hand drückte. 
Also doch eine Botschaft! 
Er trat zurück. Faltete das Papier auseinander. 
„Dank für das kurze Glück. Prinzessin Namenlos“. 
Wie konnte die Fürstin das Fräulein zu ihrer Ver 
trauten machen? 
Seine Augen suchten die fürstliche Familie. Sie waren 
soeben an Land gegangen. Zwei Wagen standen bereit, 
sie aufzunehmen. Die Fürstin stand neben einem Herrn 
am ersten Wagen. 
Vor dem zweiten standen die Kinder und eine Ge 
stalt, deren Anblick seine Pulse fliegen ließ. Das Ge 
sicht umhüllt mit einem Schleier, den er nur zu gut 
kannte! Geknotet, wie sie ihn zu knoten pflegte. Uber 
dem Mund in die Höhe geschoben. Das Gesicht war 
ihm zugekehrt. In ihrer Rechten wehte ein weißes 
Tüchlein. Jetzt bängten sich die Kinder an sie 
Gert wurde von den vordrängenden Menschen zu 
rückgestoßen. Aber — seine Augen blieben festgebannt 
an der Gruppe haften. 
„Das Fräulein“ murmelte er — „das Fräulein?“ 
Das Fräulein wehte — wehte zu ihm hinüber. 
Excelsior! 
KURT MÜNZER 
A ignorina! Signorina!” 
1 7^) Die ^r wur( ^ e aufgerissen, die Zofe 
\ stürzte ins Zimmer, hinter ihr sprang ein 
s A wCFy Mann herein. Klein, dick, weiß vor Auf- 
regung, einen gelben Mantel über der 
\ Q« \ 1 offenen Weste. 
V j) „Sie ist da, Gott sei Dank!” 
Die Giuditta, die eben ihren Flügel 
hatte öffnen wollen, ließ den Deckel 
fallen. Es krachte und schallte. Mitten in den tosen 
den Lärm hinein sagte der Mann, nach Luft 
schnappend; 
„Die Lamberti ist krank. Heut abend ist die „Rede- 
gonda. angesetzt, ihre Rolle. Der König und die 
Königin sind angesagt. Niemand singt die Rolle. Nur 
c- 6 ’i ^ta> könnten es. Giuditta, singen Sie! Kommen 
Sie. Retten Sie .die Vorstellung! Sie haben doch die 
Rolle fertig! Ganz?” 
„Ganz! sagte die junge Sängerin, weißer als der 
Direktor, wie eine Statue in Gewändern am Flügel 
stehend. „Ich kann die „Redegonda”. Ich singe sie 
besser als die Lamberti. Macht sie mir endlich Platz?” 
„Wollen Sie eine Probe, Giuditta? Ich rufe das Or 
chester zusammen, Ihren Partner —” 
Er fiel auf einen Stuhl, ein zuckender Klumpen 
Heisch. Er war gerettet. Er wußte, in Giudittas Stimme 
waren Nachtigallenchöre. 
„Nichts will ich, nichts brauche ich. Ich habe allen 
Proben beigewohnt, ich habe die Rolle studiert, ich 
wollte bereit sein für den Wunderfall; ich kann jede 
Geste, jeden Ton, jeden Schritt, jedes Lächeln. Ich 
werde singen und siegen.” 
Der Direktor lief hinaus, nachdem er sie umarmt 
hatte; er mußte in die Druckerei, Zettel mit dem Namen 
der Giuditta, schwarz auf grün, sollten an den Türen 
prangen. Es mußte eine neue Primadonna proklamiert 
werden. Es war die Entdeckung Giudittas. Sie hatte 
bisher die Zofen gesungen, das Mädchen aus dem Volk, 
die übersehene Begleiterin der Heldin. 
Sie stand noch immer wie eine Statue, aber atmete 
laut, tief, sie keuchte fast. 
„Packe die Tasche, Elena,” rief sie „Die rote 
Perücke, die Perlenbänder, die Korallen, die rotsei 
denen Schuhe, die goldenen, die weißen. Ich werde die 
Kostüme der Lamberti tragen. Ich habe Ihre Größe, 
aber ich bin schlanker. Wir müssen ins Theater, 
schnell, komm, spute dich! Du wirst zu nähen haben. 
Wie spät ist es?” 
Es war fünf Uhr. Um acht begann die Oper. Die 
Sängerin warf den Kopf zurück, sie wollte die große 
Arie des zweiten^ Akts probieren, da gellte die Tür 
glocke durch die Zimmer. 
„Niemand herein, Elena! Ich weise den König ab, 
ich —”
        
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