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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Ar. 3o 
Jahrg. 2S 
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Da lag er nun, der Sickinger letzten Namens, 
zwischen brennenden Kerzen lag er, die brennenden 
Kerzen schwalchten um sein schlohweißes Haupt.. 
Dann wichen sie alle zurück und gaben den Platz 
frei für den schwer und gebückt eintretenden Böttner. 
Zu Häupten des Toten trat er, wie es der leibhaftige 
Sohn getan hätte. Die Totenrede wird er halten, so 
wie es Brauch im Sickinger Hause. Richtete sich auf 
wie eine vom Sturm gebogene Tanne, sprachs in baß 
tiefrollenden Worten: 
„Da liegt er.” Und schwieg und hielt die Blicke 
starr auf den Toten. Und schwieg noch und erschau 
erte. Sie erschauerten alle. 
Hub wieder an und sprach, oh, wie er sprach; unter 
schwerem Atem arbeitete seine Brust: 
„Da liegt er —.” Und wie das jähe Schweigen sich 
auslöst über die stumme Wahrheit hinweg in die 
schillernde Lüge: „— der Letzte seines Stammes!” 
Der Nachhall verzitterte im Totenhaus. Schauer des 
Wissens rannen über die Frauen, die mit hartgepreßten 
Lippen standen, über die Männer, die wie verwitterte 
Bäume standen. 
Draußen ratterte der Ochsenwagen vor das Tor. 
Sie trugen den Sarg hinaus. 
Auf das Kreuz aus rotem Sandstein schrieb man das 
Jahr 1836 Hatte ein Sickingen, nicht eine 
Strumpfwirkerstochter genommen? Nahm Hans Hil- 
chen von Lorch nicht eine Böttnerin? 
Jugend vor hundert Jahren. 
Und still vergilbt die Chronika 
Meeresnächte 
* .1.8» 
JOLANTHE MARES 
as Leben an Bord war erstorben. Bis 
gegen Mitternacht hatte man in Korb 
sesseln und Liegestühlen auf Deck ge 
sessen, hatte geplaudert, geraucht und 
getrunken. Schlanke Flaschenhälse in 
silbernen Kühlern, geleerte Gläser, Zi 
garrenstummel, Zigarettenreste, Asche 
— das waren die Spuren, die geblieben. 
Seit einer Woche bildeten sie eine 
kleine schwimmende Gemeinde. Für die Dauer einer 
gemeinschaftlichen Reise zusammengewürfelt, teilte 
man Freuden und Leiden der Seereise. Man scherzte, 
lachte und flirtete, wie es die Beziehungen gerade er 
gaben. 
Gerts Augen glitten über die verlassene Stätte. An 
ziehend und farbenreich war das Deck, das für die 
Passagiere der ersten Klasse reserviert, noch vor weni 
gen Minuten gewesen — grau und nüchtern wirkte es 
jetzt in seiner Verlassenheit. 
Ihn überlief ein Frösteln. 
Es war ein heißer Tag gewesen. Selbst ein leichter 
Seewind hatte nicht vermocht, Kühlung zu bringen. Die 
Luft schien wie mit Glut durchsetzt. Beim Diner hatte 
man sich des Alkohols enthalten. Erst als man nach 
Sonnenuntergang Erfrischung spürte, kam der eisge 
kühlte Wein wieder zu seinem Recht. Augenblicks 
kühle vortäuschend, aber das Blut nur noch mehr er 
hitzend. 
Gert zog den weißen Sacco über dem Sporthemd zu 
sammen. Ihm war glühheiß gewesen-. Die scharfe Brise, 
die ganz plötzlich aufgesprungen, wehte ihn empfind 
lich an. Aber, sie tat wohl, diese kühle Nachtluft. Er 
dachte nicht daran, sich in die Stickluft seiner Ka 
bine einzuschließen. Nur behagte es ihm nicht, hier 
an dieser, von Menschen verlassenen Stelle zu bleiben. 
Die leeren Stühle, in denen blaue, rote und schwarze 
Seide sich geschmiegt, gegen deren Kissen sich lockige 
Köpfe mit blitzenden Augen gelehnt — sie gähnten ihn 
an und eine trostlose Verlassenheit drohte ihn zu über 
fallen. 
Er verließ den abgesperrten Teil. Kletterte über 
Taue, Takelwerk, drang vor bis gegen die Spitze des 
Schiffes. Nun lehnte er sich über die linke Bordwand. 
Die Lichter sind abgeblendet. Reflexe wandern gold- 
hell auf den Wassern. Wo sie auf tauchen, scheint die 
Flut zu glimmen. Das Schilf bebt unter dem Herz 
schlag seiner Maschinen. 
Weit über das Bordgeländer lehnt sich Gert. Teer 
geruch und Meeresatem umwehen ihn. 
Weißes Schaumgekröse. Millionen Silberperlen um 
hüpfen, umtanzen den Koloß. Schwarzem, spiegelndem 
Glas gleitet er entgegen. 
Der Mond gießt seine kalte Helle über die gläserne 
Fläche, wie überzuckend und aufblitzend lassend. Be 
wegliche silberne Lachen liegen weit draußen in der 
Schwärze. Ist es nicht, als geistere das Meer? 
Und nun, vom Mondlicht begleitet, sind es Milliarden 
Silberperlen, die der Kiel durchschneidet. Rauschend 
gleitet das Schiff durch die Perlenstraße. In den Ka 
jüten liegen die Schläfer und verschlafen die zauber 
schöne Meeresnacht. 
Gert starrt in die schäumende Silberpracht. Und 
aus den Fluten steigen sie £mpor. Weiße, schneeige 
Leiber. Frauen mit schwarzen, goldenen und braunen 
Haaren, in denen die Wassertropfen wie Tauperlen 
hängen. Die Gesichter tragen die Züge der Frauen, 
mit denen er vor kurzem geplaudert. 
Da ist die schwarze, glutäugige Russin, Tatjana Di- 
mitrjewna, mit dem weißgepuderten Gesicht und den 
blutrot gefärbten Lippen. Wie aufreizend lockt der 
Mund aus dem kalkigen Weiß der Haut. Warum 
steigt sie nicht empor und legt ihre Arme um seinen 
Hals? T1 ^ 
.D 0C h __ da ist ja Micha. Ihr Freund. Auf seinen 
Mund werden die roten Korallen sich pressen. Um 
seinen Hals die schlanken Arme sich schlingen. 
Neben ihr lächelt die lustige kleine Französin, die 
den ganzen Tag Chansons vor sich hinträllert. Wie 
gern hätte er dieses pikante Gamingesichtchen zwischen 
seine beiden Hände genommen und — aber — auch 
hier kam er zu spät. Sie war gefesselt. Wohl nur vor 
übergehend. Trotzdem hatte sie Gefallen an ihm ge 
funden. Er war in ihrem Gedächtnis vorgemerkt. 
Wenn man wieder an Land kam — sie ihre Bewegungs 
freiheit zurückerlangt hatte — dann gab es Möglich 
keiten für ihn. 
Die blonde Schwedin taucht auf mit den kühlen 
grauen Augen. Sie reizte ihn nicht, trotz der verstoh 
lenen Blicke, die oft zu ihm hinüber irrten und zu zün 
den versuchten. 
Dann kommt die Gruppe der Deutschen. Zwei über 
reife Backfische, ein paar elegante junge Frauen. Und 
— alle überragend in stolzer Vornehmheit die Fürstin 
Trachenberg, in Begleitung ihres Gatten, zweier Kinder 
mit Erzieherin und Kammerjungfer. Sie ist jung, viel 
zu jung für den alternden Fürsten. Um ihren Mund 
liegt ein Zug von Melancholie. Ihre Augen schweifen 
oft suchend in die Ferne. Sie gibt sich liebenswürdig. 
Läßt sich auch von den Mitreisenden in ein Gespräch 
ziehen, aber, immer liegt eine leichte Schicht zwischen
        
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