Path:

Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg, 2S 
;Y/. 3o 
16 
trotz seiner Unerfahrenheit sofort auf einen schweren 
Rausch schloß. Als er ihn endlich aufgeweckt hatte, 
erging Bordin sich in den gröbsten Beschimpfungen, 
und schwor, jedem den Kopf zu zerschmettern, der es 
wagen würde, ihm noch einmal von der verächtlichen 
Person zu sprechen, die ihn um eines niederträchtigen 
Menschen willen verlassen hatte, der in der rue Cujas 
wohnte und sich Sivel benannte. 
Der so Geschilderte, Student der Rechte, ein unge 
heuer großer Bursche mit rotem Barte, war nur in dem 
Cafe anzutreffen, in dem er frühstückte. Er empfing 
Cruchette mit blumenreicher Höflichkeit, bat ihn, mit 
ihm zu frühstücken, gab ihm zu viel zu trinken, ver 
blüffte ihn mit endlosen Reden und bequemte sich erst 
um zwei Uhr dazu, ihm zu offenbaren, daß Caro in 
seinem Leben nur eine flüchtige Passantin gewesen sei, 
und daß sie jetzt das Entzücken eines Rumänen aus 
machte, der in der rue Dauphine wohnte und zu dieser 
Zeit niemals zu Hause war, so daß es gerade der gege 
bene Augenblick sei, Caro jetzt auf suchen zu gehen. 
Eine Viertelstunde später befand sich Cruchette, 
bereits ganz resigniert, in der rue Dauphine und klopfte 
an eine Tür. Sie wurde geöffnet, und er sah sich einer 
kleinen, recht hübschen Person in Frisierjacke und ge 
lösten Haaren gegenüber. 
„Fräulein Caro?“ 
„Das bin ich“, sagte die kleine Frau. 
Er atmete erleichtert, erstaunt auf, denn er hatte sie 
sich ganz anders vorgestellt. Sie schüchterte ihn nicht 
im geringsten ein. Er setzte ihr also die Angelegenheit 
auseinander, indem er sich bemühte recht deutlich, 
standhaft und doch höflich zu sein. 
„So sind die Steine in dem Ring also nicht falsch?“ 
fragte sie, mit groß aufgerissenen, erstaunten Augen, 
„doch ganz egal, ob echt oder unecht, ich habe ihn ge 
schenkt erhalten und ich behalte ihn.“ 
Cruchette beharrte mit Wärme auf seiner Bitte. Sie 
blickte ihn unverwandt an und unterbrach ihn dann 
plötzlich: 
„Hat man dir niemals gesagt, wie reizend du bist?“ 
Er wurde ganz rot und blieb mit offenem Munde 
stehen. Sie nötigte ihn zu einem Diwan hin. 
„Setz’ dich doch ... Es ist ganz ausgeschlossen, daß 
der andere nach Hause kommt . . . und außerdem ist es 
mir auch ganz egal . . . Hast du schöne Haare! . . . 
Mein Traum wäre es, einen Freund mit sanftem Aus 
sehen und tadellosen Manieren zu besitzen . . . Wenn 
dir an dem Ringe was liegt, so gebe ich ihn dir . . . 
Aber nur, um dir Vergnügen zu machen . . . Bin ich 
nicht nett? . . .“ 
Und ohne weitere Vorbereitungen setzte sie sich ihm 
auf die Knie. 
In Schloß Porchecroix wartete man schon sechs Tage 
lang vergebens auf die Rückkehr Herrn Cruchette’s. 
Und Frau von Porchecroix fragte sich in höchster Un 
ruhe, ob er nicht in irgend einer Spelunke, in welche 
seine Ergebenheit für sie ihn verschlagen hatte, getötet 
worden war. 
Am siebenten Tage kam er wieder, — vollständig 
verwandelt. Ein gewisser Stolz war über ihn ausge 
breitet. Seine Haare waren parfümiert, und ein 
elegantes Pince-nez ersetzte seine alte Brille. Er trug 
zwar noch seinen schwarzen Rock, aber ein flieder 
farbenes Hemd, ein gepunkteter Lavalliere und gelbe 
Schuhe gaben seinem Anzuge eine fröhliche Note. 
„Ich habe meine Mission erfüllt“, sagte er mit stolzer 
Bescheidenheit, als er Frau von Porchecroix gegenüber 
stand, „hier ist das Kleinod! Die fünftausend Frank habe 
ich den mir gegebenen Weisungen nach benutzt . . .“ 
„Mein Gott, das nenne ich gut bezahlt“, und Frau von 
Porchecroix konnte bei der Berührung des Ringes eine 
Grimasse schwer unterdrücken, „fünftausend Frank für 
die Gunst einer Demimonde . . 
Herr Cruchette unterbrach sie mit edlem Anstand. 
„Verzeihung . . . Frau Gräfin. Ich möchte Sie unter 
tänigst bitten, mit etwas mehr Mäßigung von einer 
Dame zu sprechen, die in kürzester Zeit Frau Cruchette 
sein wird . . .“ 
Frau von Porchecroix fuhr empor und blieb dann 
ganz versteinert stehen. 
„Wir lieben uns“, fuhr Cruchette mit keuschem Feuer 
fort, „ja, wir lieben uns. Sie ist ein armes Kind, das 
sehr viel gelitten hat. Mit der Mitgift, welche Sie ihr 
freundlichst gestiftet haben, und mit meinen eigenen 
Ersparnissen, wollen wir eine Erziehungsanstalt in 
Neuilly eröffnen . . .“ 
Er unterbrach sich, da der junge Robert eintrat. 
„Und ich wage zu hoffen“, schloß Cruchette salbungs- 
und würdevoll, „daß die Frau Gräfin mir ihr Vertrauen 
auch fernerhin bewahren wird, indem sie mir den jungen 
Herrn zur weiteren Erziehung übergibt . . 
{Autorisierte Übersetzung von Gutti Alsen.) 
Der letzte Sickinger 
EINE HUNDERTJÄHRIGE GESCHICHTE VON NANNY LAMBRECHT 
chüsse im Wald. Ein zottiger Hund stob 
aus den Buchen heraus, schnupperte eine 
Spur auf, und rannte bellend davon. Weiße 
Mauern leuchteten zwischen den Stämmen 
auf. Goldenes Licht spann sich durch den 
Waldgrund. Ein steinerner Torbogen und 
darüber die mit zinnernem Turmhut über 
dachte Torglocke. 
Der Vierjungfernhof bei Lorch am 
Rhein. Unter dem Torbogen, der sich in das Geäst 
der Buchen hinaufwölbt, steht der Hofmann Böttner. 
Der Hofmann Böttner, wuchtig wie ein Buchenstamm, 
vornübergebeugt den buschigen Kopf in schweigsamem 
Forschen, im braunroten Bart das breite Kinn aus 
rasiert. 
Steht so da, pfeift dem Hund. Sein Kittel flattert. 
Ein Lachen im Wald wildbubenhaft. Der Flachskopf 
der Jüngsten zwischen raschelnden Büschen. Hinter 
ihr ein beleibter Herr mit dem Gemsbart auf grünem 
Hut, blaurotes weinfrohes Gesicht, schlohweißbuschig 
der Schnauzer unter der Nase, möchte dem flachs 
blonden Ding die Jagdflinte tragen. Oho! ist’s da mit 
zwei Sprüngen schon voraus und an dem Herrn Vater 
Böttner schon vorüber. Ist doch kein zart Demoiselle, 
die Jägerin Anna Maria Philippina, die tolle Böttnerin, 
die dem Herrn Ohm in den Wildpark hineinschießt als 
wär’s ein Gänsestall. Und hat doch nur noch diesen 
einen letzten, allerletzten feudalen Reichtum, der Herr 
Ohm, der uralte Herr Ohm, der eigentlich droben auf 
der Sauerburg hausen müßte. FI ei! wär das fein. 
Ach, Herr Vater, nicht schelten, der alte Verführer 
hinter mir hat’s auf dem Gewissen. 
Lacht da der alte Schwerenöter, daß ihm das rhein- 
gauer Bäuchlein unter der blauseidenen Weste 
schwappelt. Den Herrn Ohm — nu ja, den Herrn Ohm 
wird man durch eine prima Pfälzer versöhnen. — he 
Böttner, schau er doch gleich mal nach in der Sattel 
tasche, ist mal nun. so Brauch bei dem Stumpf von 
Waldeck, nimmt sein Quantum Pfälzerwein mit auf 
Jagdritt. Also Proscht, Herr Ohm Sickingen! Wahr-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.