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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nt. 3o 
14 
Herr Cruchette 
■ ★ 
FREDERIC BOUTET 
\T Tas, du hast es gewagt? Du, mein Sohn, 
i V /Robert de Porchecroix, du hast es gewagt, 
l/\/ diesen Ring, den berühmtesten unseres 
Y VFamilienschmucks, einer Person des Quartier 
Latin zu schenken, einem Geschöpfe, über welches 
sprechen zu müssen, mir die Röte der Scham ins Ge 
sicht treibt! Oh, das ist nie wieder gut zu machen!” 
Ganz atemlos ob dieser schrecklichen Vorstellung, 
unter der ihr ganzes hochmütiges, wie ein Pferdekopf 
gestrecktes Gesicht erbebte, ließ die Gräfin de Porche 
croix eine Pause eintreten. Vor ihr stand der junge 
Robert und senkte heimtückisch den Kopf. Der Groß 
onkel, der nicht mehr gehen konnte, lag in seinem Roll 
stuhle ausgestreckt und sein unregbares Gesicht zeigte 
kaum einen Schimmer von Leben zwischen den ge 
furchten Augenbrauen. Herr Cruchette, der Haus 
lehrer, stand fassungslos über das soeben Gehörte da, 
wie erstarrt in unbeweglicher, ganz den Umständen 
angemessener Betroffenheit. Und die als Porträt an 
die Wände des großen, majestätischen Salons angena 
gelten Vorfahren, hefteten ihre gefirnißten Augen 
mit so viel tugendhafter Mißbilligung auf. den Schul 
digen, als ob sie selbst nicht auch zu Lebzeiten Leiden 
schaften oder Laster gehabt hätten. 
„Wenn ich im Besitz von Geld gewesen wäre, so 
hätte ich den Ring nicht fortgegeben . . behauptete 
Robert leise. 
Seine Mutter warf ihm einen zerschmetternden Blick 
zu. 
„Schweig! Du wagst es, mir mit sechzehn 
Jahren die Stirn zu bieten! Doch lassen wir 
das, weshalb uns erregen? Es handelt sich jetzt haupt 
sächlich um das geheiligte Kleinod. Es muß wiederge 
funden werden! Unter allen Umständen! Wann hat 
sich diese fürchterliche .Sache zugetragen? Wer ist jene 
Person? Wo wohnt sie? Nun, so sprich doch!” 
„Es war Freitag vor acht Tagen. Sie heißt Caro. Und 
wohnt in der zweiten Etage eines Chambre-garnie, 
neben der rue Monsieur-le-Prince, auf Zimmer 21” ge 
stand Robert, ohne Atem zu schöpfen. 
„Mein Gott! . . Mein Gott! . . Wie entsetzlich! . . . 
Mein Sohn in einem Chambre-garnie, und mit . . . 
Frau de Porchecroix handhabte in größter Erregung 
ihre Lorgnette. Dann wandte sie sich jäh an den Haus 
lehrer. 
„Herr Cruchette, jetzt haben Sie es gehört! Ihre 
Nachlässigkeit .... ja, ja, ich weiß, .... Sie konnten 
nicht darauf kommen, daß Ihr Schüler, — daß mein 
Sohn, — an einem Freitag der Fastenzeit seine Rheto 
rikstunde schwänzen würde, um .... Dennoch ist 
Ihre Verantwortlichkeit dabei im Spiele. Und ich zähle 
daher darauf, daß Sie Ihr Versehen gut machen werden. 
Sie müssen durchaus den Ring zurückfordern . . . .” 
„Ich, Frau Gräfin?” 
Herr Cruchette war entsetzt zusammengefahren. Er 
war ein junger Mann mit sehr zurückhaltendem Auf 
treten. Sein Gesicht war regelmäßig und glatt rasiert, 
lange kastanienbraune Haare fielen an seinen rosigen 
Wangen herab, und die trüben Augen eines Kurzsich 
tigen blickten hinter ernsten Brillengläsern hervor. Er 
trug einen schwarzen Rock und weiße Krawatte. 
„Ja, Sie! , Ich gebe Ihnen da einen hohen Beweis von 
Vertrauen, Herr Cruchette. In den zwei Jahren Ihres 
Hierseins habe ich Ihr Zartgefühl und Ihre gute Er 
ziehung schätzen gelernt. Diese abscheuliche Ge 
schichte muß zwischen uns bleiben. Sie müssen durch 
aus unser Kleinod jenen unsauberen Händen ent 
reißen .... Suchen Sie die Person auf ... . Bieten Sie 
ihr Geld .... Ich denke, die Polizei . . . .” 
Skandal”, stammelte der Großonkel, und öffnete 
seine Augen, „und außerdem unmöglich! Geschenk 
für Frau, geheiligte Sache! Ein Porchecroix kann kein 
Geschenk durch die Polizei zurückfordern! Unmög 
lich .... Gehen Sie, Cruchette .... Garnicht schwer. 
Würde selbst gehen, wenn gehen könnte . . . .” 
Tiefes Bedauern zitterte durch seine verbrauchte 
Stimme. Er lächelte verworrenen Erinnerungen zu. 
„Erscheint mir ganz unausführbar,” stotterte Cru 
chette erregt, „ich werde es nicht verstehen. Das ist 
eine Welt, die mir ganz fremd ist. Frau Gräfin, denken 
Sie daran, daß ich ein Mann der Wissenschaft bin .... 
Ich habe mich immer gewissenhaft davor bewahrt . . .” 
Er hielt, ganz rot geworden, inne. Sein Schüler un 
terdrückte ein höhnisches Lächeln. Der Greis schien 
sich sehr zu amüsieren. Und Frau de Porchecroix be 
gann, ohne ihn zu verstehen, von neuem: 
„Es muß sein! Machen Sie den Ring ausfindig! Ich 
bewillige Ihnen dazu eine Summe von zweitausend 
Frank, wenn es notwendig ist.” 
„Die Steine sind etwas mehr wert,” bemerkte der 
Onkel. 
„Nun denn, dreitausend Frank! Viertausend! Fünf 
tausend! Geld spielt in diesem Falle gar keine Rolle. 
Aber strengste Verschwiegenheit ist dabei vonnöten. 
Mein Gott, wenn man das wüßte .... welch’ ein Skan 
dal! .... Herr Cruchette! Sie haben Namen und 
Adresse vernommen. Gehen Sie sofort! Ich gebe Ihnen 
vollste Freiheit, nach Ihrem Ermessen zu handeln,” 
„Ehrt mich unendlich,” stöhnte Cruchette und neigte 
den Kopf. 
Er erhielt das Geld, nahm seinen Hut und ging. 
Es war ein Frühlingsmorgen, aber Herr Cruchette 
ward sich des Zaubers desselben nicht bewußt. Er 
dachte an die Schwierigkeiten seiner Aufgabe und 
fragte sich voller Herzensangst, was ihm zustoßen 
würde. 
Als er in der Nähe der rue Monsieur-Ie-Prince ge 
langt war, wollte er die Flucht ergreifen. Nur die 
Furcht vor dem Zorn Frau von Porchecroix’ hielt ihn 
davor zurück. 
Es schlug gerade elf Uhr, als er das Haus mit den 
möblierten Zimmern betrat. Da ‘der Anmelderaum 
leer war, so stieg Cruchette die Treppen hinauf. In 
der zweiten Etage klopfte er mit hämmerndem Herzen 
an die Türe der Nummer 21. 
„Herein!” riet eine weibliche Stimme. 
Er öffnete und wich schaudernd zurück. In dem un- 
aufgeräumten Zimmer stand ein junges Weib unbe 
kleidet vor dem Spiegel über dem Kamin, und frisierte 
sich. )t 
„Was gibt es,” fragte sie, ohne sich stören zu lassen. 
„Fräulein Caro?” stotterte Cruchette mit gesenkten 
Augen. 
„Die wohnt seit Sonntag nicht mehr hier. Sie ist 
mit einem Provisor, namens Bordin, nach dem Hotel 
Printemps neben Cluny gezogen,” antwortete die junge 
Person. 
Sie betrachtete Cruchette in ihrem Spiegel und fügte 
liebenswürdig hinzu; 
„Aber tut nichts, tritt nur näher, ziere dich nicht!“ 
„Nein . . . nein . . . Nur sie selbst . , . Bitte vielmals 
um Verzeihung! . . .“ 
Und Cruchette entfloh. Er ging nach dem Hotel 
Printemps und traf dort Bordin, allein und vollständig 
angekleidet, in so tiefem Schlaf an, daß Cruchette,
        
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