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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Jahrs. 2S 
TAKTIK 
\r. So 
EIN DIALOG VON PAUL ROSENHAYN 
eben Sie sich keine Mühe, Herr 
Doktor.” 
Der Angeredete, der dicht hinter 
der Dame in den Wintergarten ein- 
trat, ließ sich nicht beirren. 
„Ich weiß wirklich nicht, Herr 
Doktor, womit ich mir einen An 
spruch auf Ihre Aufmerksamkeiten 
verdient habe . . .” 
Die Dame blieb an einem blühenden Fliederbusch 
stehen. Der Herr stellte sich neben sie und sah ihr 
lächelnd ins Gesicht. 
„Sie sind heute von einer fabelhaften Liebenswürdig 
keit, gnädige Frau.” 
„Warum glauben Sie wohl, bin ich in diesen Winter 
garten gegangen?” 
„Weil Sie der Möglichkeit entgehen wollten, für „den 
nächsten Tanz engagiert zu werden, vermute ich.” 
„Ganz richtig. Und daraus folgt . . .?” 
„Das Sie auszuruhen wünschen.” 
„Nun also?” 
„Soll das heißen, daß ich Sie verlassen soll.” 
„Eines verstehe ich nicht, Herr Doktor: Was erhoffen 
Sie von der Unterhaltung, die Sie jetzt mit mir zu be 
ginnen beabsichtigen?” 
„Was ich davon erhoffe . . . ?” 
„Nun ja . . . Sie haben doch irgend eine Absicht . . . 
irgend ein Ziel. . Oder wollen Sie das etwa leugnen . .? 
Sie wundern sich, daß ich so sachlich von diesen Dingen 
rede?” 
„Aus Ihrer kühlen Sachlichkeit sehe ich nur das eine: 
daß Sie sich nichts aus mir machen . . . daß Sie, um 
ein oft mißbrauchtes Wort einmal an richtiger Steile 
auszusprechen . . . daß Sie mich nicht lieben.” 
„Soll das ein Vorwurf sein? ... Ist es Ihre Schuld 
oder die meine, wenn ich Sie nicht liebe?” 
„Schuld . . . von einer Schuld kann natürlich nicht die 
Rede sein.” 
„Wirklich nicht?” 
„Sie lieben mich nicht. Sie sagen es selbst. Kann 
ich Ihnen deswegen einen Vorwurf machen? Das wäre 
eine Torheit sondergleichen.” 
„Und Sie?” 
„Und ich . . . ich kann erst recht nichts dafür. Ich 
bin ohne Einfluß auf Ihre Entschlüsse . . . leider.” 
„Und damit bescheiden Sie sich?“ 
„Was soll ich tun?” 
„Sie konstatieren, daß ich Sie nicht liebe. Damit ist 
die Sache für Sie erledigt und Sie geben Ihre Bemü 
hungen um meine Gunst auf?” 
„Ich gebe Sie auf, weil Sie erfolglos sind. Ich habe 
getan, was ich tun konnte.” 
„Wirklich?” 
„Ich habe so viel getan, daß mir zu tun fast nichts 
mehr übrig bleibt.” 
„Sie haben Anstrengungen gemacht — gewiß. Sie 
haben mit mir getanzt, Sie waren mit mir in den 
Theatern. Meinetwegen haben Sie sich fünf neue An 
züge machen lassen, einer immer schöner als der 
andere. Auch der tadellose Frack, den Sie da ins Ge 
schütz führen, verdankt mir seine Existenz. Sie lassen 
sich täglich zweimal rasieren und Sie erzählen mir ge 
wissenhaft alle Ereignisse aus der Chronique scanda- 
leuse des Westens.” 
„Nun ja.” 
„Glauben Sie wirklich, damit bei mir vorwärts zu 
kommen? Sind Sie der Meinung, daß mir diese Dinge 
imponieren?” 
„Imponieren . . . imponieren wollte ich Ihnen nicht. 
Ich wollte Ihnen höchstens gefallen.” 
„Gefallen oder imponieren — das ist das gleiche bei 
uns Frauen. Und hier liegt der taktische Fehler, den 
Sie gemacht haben.” 
„Der Fehler?” 
„Sie haben permanent versucht, mir mit Dingen zu 
imponieren . . das heißt zu gefallen . . die auf einem Ge 
biete lagen, auf dem ich Ihnen von vornherein über 
legen war. Das ist eine Ungeschicklichkeit und ein 
taktischer Fehler, wie ihn eben nur ein Mann begehen 
kann. Einer Frau würde so etwas nie passieren. Sie 
würde nicht glauben, einem Manne mit Kraft impo 
nieren zu können, sie würde im Gegenteil darauf rech 
nen, ihn durch ihre Schwäche zu besiegen. Sie würde 
auch nicht hoffen, durch eine wissenschaftliche Arbeit 
sein Interesse zu erregen — sie würde vielmehr so klug 
sein, dumm zu sein. Mit anderen Worten, sie würde 
auf keinen Fall den Fehler machen, den Mann in seiner 
eigenen Domäne übertrumpfen zu wollen. Sie aber — 
Sie machen in dieser Hinsicht geradezu unverzeihliche 
Mißgriffe. Sie haben sich mir als guter Tänzer gezeigt 
— ich tanze besser. Ihre Anzüge sind von einem guten 
Schneider — meine Kleider sind von einem besseren, 
kosten mehr und sitzen weit eleganter. Die Geschich 
ten aus der Skandalchronik, die Sie mir erzählten, 
waren mir zum Teil bereits bekannt — zum Teil kenne 
ich weit amüsantere. Was sollte das alles? Das alles 
waren Anstrengungen ihrer Individualität, die Ihnen 
nicht nur keine Gelegenheit gaben, sich vor mir auszu 
zeichnen, sondern die mir geradezu den Beweis liefern 
mußten, daß Sie mir nichts Neues bieten konnten, nicht 
Größeres als das, was ich schon längst selbst besaß. 
Mit anderen Worten, daß Sie ein Durchschnittsmensch 
seien. Und das konnte mich wirklich nicht reizen, eine 
Dummheit zu begehen — die Sie eben von mir erhoffen.” 
„Halten Sie mich wirklich für einen Durchschnitts 
menschen?” 
„Ich muß Sie solange dafür halten, wie Sie mich vom 
Gegenteil nicht überzeugt haben. Warum tun Sie es 
nicht? Warum kämpfen Sie fortwährend mit mir auf 
einem Gebiet, auf dem ich jeden Tag und jede Brücke 
kenne, und auf dem ich Sie infolgedessen mit tödlicher 
Sicherheit schlagen muß? . . . Aus Galanterie werden Sie 
sagen . . .” 
„Allerdings.” 
„Was soll die Galanterie in diesem Falle? Galant ist 
man gegen Leute, von denen man nichts will. Galanterie 
ist gut im Anfangsstadium der Plänkeleien. Sind diese 
in offenen Kampf ausgeartet, so bricht man die diplo 
matischen Phrasen ab und läßt an ihrer Stelle die W’affen 
treten.” 
„Und sie selbst raten mir das?” 
„Sie mögen daraus immerhin ersehen .. .” 
„Aber w'elchen anderen Weg gibt es für mich?” 
„Es gibt tausend andere Wege. Ale sind richtig. Nur 
der eine, den Sie gegangen sind — der war falsch. 
Warum beweisen Sie mir nicht, daß Sie mehr können 
als ich? Warum imponieren sie mir nicht durch Dinge, 
in denen ich ihnen meine Minderwertigkeit beim ersten 
Waffengang eingestehen müßte? Lächelnd — vielleicht 
bereitwillig eingestehen würde? Sie besitzen andere 
Vorzüge — ich bin überzeugt davon, daß Sie sie besitzen. 
Warum zeigen Sie sie nicht? Meinetwegen eine Rück 
sichtslosigkeit . . . eine Brutalität, ein Verbrechen meinet 
wegen^ Nur etwas, was mich staunen macht — nicht 
was mich lächeln läßt. Glauben Sie mir; eine Frau will 
bewundern.”
        
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