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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 28 
Nr. 3 
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.halten hatte, als er Violante Perille erkannte. Es war 
der Gastgeber, der seit langem schon eine große Sehn 
sucht im Herzen getragen hatte, trotzdem seine junge 
Frau noch sehr lebendig und auch sehr hübsch war. Er 
hatte eine Stunde mit ihr gescherzt und Violantes volle 
Lippen und schmale Hände geküßt. Er hatte sie begehrt 
— aber sie hatte ihren Ruf gewahrt. Denn die Pariser 
Gesellschaft ist boshaft, geschwätzig und alles andere 
als verschwiegen. 
Es ist nicht zu verwundern, daß der elegante, junge 
Herr nach seinem Pflichttanz mit der jungen Hausherrin 
fast ausschließlich mit Violante tanzte. 
Die anderen Damen sagten sich; Natürlich tanzt er 
"r mit der Schönsten. Aber es ist unerhört, daß die 
Perille ihn gewissermaßen beschlagnahmt. Wie mag es 
nur kommen, daß er bisher unentschlossen blieb? Die 
Töchter amerikanischer Industriekönige, englischer 
Sportsleute, deutscher Gelehrter, russischer Fürsten 
waren als Gattinnen gewiß nicht zu verachten gewesen. 
Legte er Wert auf tadellosen Ruf, wenn er die Mitgift 
nicht zu achten hatte? Was will er, was verlangt er? 
Muß sie schön und geistvoll, blond oder schwarz, 
schlank oder üppig sein? Ja, die schwarze Violante 
verstand es, ihn zu fesseln. Ihr Abendkleid war ein 
Raffinement, das selbst in dieser Gesellschaft noch 
nicht übertroffen worden war. Sie sah blühend aus. 
Blieb stolz, blieb unnahbar, 
Da geschah das schier Unmögliche: Er ging zu einer 
eleganten Dame und unterhielt sich in der Tanzpause 
mit ihr. Liebäugelte mit der schönen, feschen Mutter, 
um sie dann zu bitten, ihm einen Tanz mit ihrer kaum 
dem Kindesalter entwachsenen Tochter zu gestatten. 
Die Dame lächelte siegesgewiß. Man bemerkte all 
gemein, wie sie ihrem Kinde Verhaltungsmaßregeln ein 
schärfte. 
Erik Wendtjof tanzte mit der Kleinen. Führte sie 
nach dem Tanz in den Wintergarten. Dort sah er dem 
errötenden Mädchen in die Augen. Cecilie Delmonte 
war eine gehorsame Tochter. Sie rührte sich nicht, 
zitterte nur an allen Gliedern und ließ sich auf die 
jungen, feingeschwungenen Lippen küssen. Er brachte 
das verwirrte Kind zu seiner Mutter zurück und erhielt 
eine Einladung für einen der nächsten Abende, die er 
mit glücklichem Lächeln annahm. 
Dann tanzte er nur noch mit Violante. 
Zwei, nein drei Frauenherzen fragten sich an jenem 
Abend bang: Wie wird er sich entscheiden? Violante 
Perille glaubte ihres Sieges sicher zu sein. Sie verlangte 
leidenschaftlich nach dem Glück. Dieser junge Mann 
war unermeßlich reich und somit das Glück. Sie hielt 
es für eine Unmöglichkeit, daß er an eine andere über 
haupt nur dachte. Warum tanzte er mit der kleinen 
Cecilie? Eine Laune? Eine Absicht traute sie ihm 
nicht zu. Cecilie war ein Kind. 
Madame Delmonte war glücklich. Das wäre der Mann, 
den sie schon immer für ihre Tochter gewünscht hatte. 
Freilich war Cecilie noch jung . . . Ob er Cecilie heiratete, 
um mit ihr . . . Gott, für das Glück seiner Kinder 
würde man sich freudigen Herzens opfern. Und dieses 
Opfer wäre das schwerste nicht gewesen. Wenn sie es 
sich richtig überlegte, so war ihr Mann ja wohlhabend, 
aber man mußte endlich einmal aus der drückenden 
Atmosphäre des gesegneten Mittelstandes heraus, mußte 
zu den Ganz-Reichen gehören . . . Und sie war 
doch selbst noch jung und schön. Vielleicht war sie 
eine Frau, wie er sie suchte. Er mußte leidenschaftlich 
sein, verlangte von einer Frau sicher eine gewisse Er 
fahrung. Im übrigen war er hübsch und schlank. Nun 
man würde ja an dem Abend, zu dem er zugesagt hatte, 
sehen . . . 
Ceciliens Herz war übervoll. Sie liebte Erik Wendt 
jof, der ihr Graf von Monte Christo war. Sie haßte die 
kalte, kokette Perille, die nur auf den Reichtum des 
jungen Herrn sah. Sie, Cecilie, hätte Erik lieb gehabt, 
auch wenn er blutarm vor sie getreten wäre. 
Die Gäste verabschiedeten sich. Violante Perille 
reichte Erik die Hand. Er küßte sie galant. 
„Darf ich Sie morgen Abend bei mir erwarten?“ 
„Ich wüßte nicht, gnädiges Fräulein, womit ich diese 
Ehre verdient hätte!“ 
„Sie verschmähen mich?“ 
„Verschmähen?“ Erik stutzte. Dann sagte er leise, 
aber mit Pathos: „Sie, die Sie so schön sind?“ 
„Nun . . .“ Violante lachte hell und lockend. 
„Ich komme.“ Wieder küßte er ihre Hand. 
Dann war sie verschwunden. 
* 
Die Stehlampe hinter dem Diwan leuchtete in hellem, 
weißem Licht. Violantes Schultern glänzten. Ungestüm 
küßte Erik ihren vollen Arm. 
„Sie sind verliebt, bester Freund!“ 
„Scherzen Sie nicht so grausam.“ 
„Ich dachte, die Nordländer hätten so kaltes Blut?“ 
„Wäre ich dann nach Paris gekommen, um hier zu 
finden, was ich überall anders vergebens gesucht habe?“ 
Violante zuckte zusammen. Ganz unmerklich nur. 
Nun war sie ihres Sieges sicher. Er gehörte ihr. Sie 
jubelte auf. 
„Warum lachen Sie, gnädiges Fräulein?“ 
„Weil Sie so töricht sind!“ Sie tippte mit ihrem 
Zeigefinger auf seine Stirn. 
„Wissen Sie denn gar nicht, wie man eine Frau er 
obert?“ 
Da riß er sie an sich und küßte sie wild und lange. 
Er trug sie auf seinen Armen in ihr Boudoir. 
Sie wehrte sich. Sie beklagte sich, daß sie einem so 
ungestümen Liebhaber in die Hände gefallen sei. 
Er aber hörte nichts mehr, sondern berauschte sich 
nur an ihrer Schönheit . . , 
♦ 
Am nächsten Morgen fuhr er mit ihr aus. Sie traf 
viele Bekannte und stellte ihnen den Nabob als ihren 
Bräutigam vor. Er sagte nichts dazu und sie wurde be 
wundert und beneidet. Alle Damen der Gesellschaft, 
die sie früher ob ihres Stolzes nicht leiden mochten, 
waren von einer ausgesuchten Höflichkeit ihr gegenüber 
und merkten gar nicht, daß Violante ihnen noch stolzer, 
noch unnahbarer gegenüberstand wie früher. 
* 
Frau Delmonte hatte ihr schönstes Abendkleid mit 
dem tiefsten Dekoletee herausgesucht und ihr reizen 
des Töchterchen in eine Wolke von hauchdünnen Ge 
weben und Spitzen eingehüllt. Der Abendtisch trug in 
blitzenden Gefäßen die erlesensten Speisen und in ge 
schliffenen Römern funkelte der beste Wein, den man 
in ganz Paris auftreiben konnte. Frau Delmonte hatte 
sich den Abend etwas kosten lassen. 
Erik Wendtjof machte der schönen Frau den Hof und 
äußerte die Absicht, sich heute nach Herzenslust zu 
amüsieren. 
Frau Delmonte versicherte, sich glücklich zu fühlen, 
wenn er mit den bescheidenen Gefälligkeiten, die sie 
ihm zu bieten vermöge, zufrieden wäre. 
Er erhob gekränkt Einspruch: „Aber gnädigste 
Frau . . .!“ und schaute schmachtend in ihre Augen. 
Frau Delmonte errötete. Sie war entzückt. Sie litt 
es, daß seine ringgeschmückten Hände ihren Arm 
streichelten. Litt es, daß seine Lippen die ihren fanden. 
„Wissen Sie, daß ich Sie liebe, gnädige Frau?“ 
„Bester Freund, ich kann Ihnen mein Glück nicht in 
Worten zu verstehen geben . . . Aber Sie werden be 
greifen, — mein Mann . . . und mein Töchterchen ist in 
Sie geradezu — verzeihen Sie . . . aber mir geht das 
Glück meines Kindes vor. Cecilie ist kein Schul 
mädchen mehr, sie weiß, was Liebe ist, seit Sie mit ihr 
getanzt haben . . .“
        
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