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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 26 
Nr. 29 
32 
... Am Weihnachtstag beraubte Henn den Garten seiner Rosenpracht ... 
Und Tissas stark parfümierten, glühenden Briefe 
ergossen über Henn die Atmosphäre der Liebe. So wie 
die mächtige, ungebändigte Sonne ihr volles Licht, ihre 
volle Glut hergab, hergeben mußte, so strömte Tissas 
Herz alle die Fülle und Wärme aus, die diesem Herzen 
eigen. Das hatte Henn in dem achttägigen Beisammen 
sein erkannt. Er hatte Tissa erkannt; ihr volles, heißes, 
tiefgutes, stürmisches und liebeheischendes Herz, ihre 
kindliche Eitelkeit und rührende Hingabefähigkeit. 
Ihre großen, begehrlichen und doch auch ernsthaft 
prüfenden Kinderaugen trogen nicht. Diese weiche, 
große, nehmende und gleichzeitig reich spendende Hand 
versinnbildlichte das ganze Herz. Dieser sinnliche, süße, 
trotzige Mund den ganzen Charakter. In Flenn wuchs 
Erstaunen, Bewunderung und Freude. Ja, er ertrug es, 
sich neben diesem vollwertigen Wesen etwas klein und 
moralisch defekt vorzukommen. Vielleicht auch nicht 
wirklich klein, sondern nur verbogen und verbogen 
denkend . . . Tissa lebte mit den instinktiven Forde 
rungen einer vollen Persönlichkeit und er? Er hatte 
seine Persönlichkeit verkümmern lassen, hatte sich Ein 
flüssen unterworfen, die wohl verbildend auf seinen 
Charakter wirkten, hatte sich Verhältnissen unterge 
ordnet, die ihm gar zuletzt eine Maske übers Gesicht 
legten und ihn auf den Weg der Lüge und des — Ver 
brechens drängten. 
Oder war es nicht Verbrechen, diese Frau derart zu 
betrügen? Entäußerte er sich nicht seiner selbst, indem 
er Gebärden, Worte, den Namen und die Privilegien 
eines andern anzog wie ein strahlendes Kleid, um zu 
prunken und Genuß zu erlisten? Was war er für ein 
Dieb und Schurke, die Liebe dieses süßen, vertrauens 
vollen Weibes zu genießen und ihr kindisches Ver 
gnügen, einen Fürsten im Arm zu halten, mit allen 
Listen zu steigern. Hatte er ihr nicht die Krone ver 
sprochen, die sie auf ihrem goldenen Haupt tragen 
wollte? Wiegte er sie nicht in Trämen von Glück und 
Glanz und hatte doch für sie nichts anderes in Be 
reitschaft als Schmach, Enttäuschung oder den Tod? 
Diese allerletzte Konsequenz seines frevelhaften 
Handelns erschien ihm eines Nachts als einziger Aus 
weg aus der furchtbaren Lage, in die er geraten war . . . 
Durchdrungen vom höchsten Glück, berauscht von 
der Liebe Wonnen, erfüllt in seiner Sehnsucht nach 
dem Weibe, soweit es die Sinne betraf, doch ohne 
Übersättigung und immer wieder zu der Geliebten ge 
führt von jener seelischen Schwingung, die Höheres 
erhofft, beinahe Unirdisches will — — in diesem 
Moment seliger Fülle und seligen, nicht quälenden, 
sondern köstlich beglückenden Wünschens erkannte 
Henn den Abgrund, an dem er lächelnd, glückverblendet 
und trunken stand . .. 
Und er sah: es gab kein Zurück. Nicht für ihn, nicht 
für Tissa, die er mit sich an den Rand dieses Abgrundes 
gerissen hatte . . . Ahnungslos schlummernd lag sie dort 
drüben in ihrem Bett, ein Kinderlächeln auf dem Gesicht, 
als träume ihr von goldenem, blinkendem Spielzeug. An 
der Hand den Ring, den er ihr als ,Verlobungsgabe“ 
gegeben, jenen Ring, den der arme reiche Fürst der 
.Schönen im goldenen Schleier“ gesandt, da Henn hatte 
eingestehen müssen, daß sie es war, die unten im Tal 
auf ihn wartete, die gekommen war auf seinen Ruf, die 
die weißen Arme nach ihm ausbreitete. — 
„Du Glücklicher!” hatte der Fürst gemurmelt. „Geh, 
laß sie nicht allein! Wir Männer lassen die liebenden 
Frauen stets zu viel allein! Und freuen uns noch, 
wenn ihre Tränen die Felsen furchen!” 
Schon als Henn das erstemal nach Innsbruck hinab 
stieg und sich dazu den Bart wegrasierte, hatte der 
Fürst den Zweck seines Ganges erraten aber nichts ge 
fragt. Henn gab vor, zur Bank und zur Apotheke gehen 
zu müssen. Er versprach eidlich seine Rückkehr an 
dem Abend — und hielt sein Versprechen. 
Aber dieses Versprechen allein war es nicht gewesen, 
was ihn damals zu dem baldigen und schnellen Auf 
bruch bei Tissa nötigte. Er hätte damals noch mehrere 
Stunden für sie gehabt, aber der jähe Überfall ihrer 
Vorwürfe und Fragen jagte ihn in die Flucht. Er hatte 
auf dem Seil, auf dem er balanzierte, einen Moment der 
Gleichgewichtsstörung. Seine Nerven versagten. Er 
konnte plötzlich nicht mehr lügen. Aber er hatte noch 
weniger die Kraft zur Beichte. Alles versagte: seine 
Phantasie, seine Ehrenhaftigkeit, sogar seine Liebe. Mit 
einem Male ekelte ihn die ganze Farce an. Das Weib 
mit dem drohend funkelnden Blick, der herrisch 
heischend aufgereckten Gestalt, der befehlend erho 
benen Hand, die seine Ehre zerschmettern würde wie 
ein brüchiges Glas — alles widerte ihn an und ließ 
fast Haß auf flammen gegen diese Richterin, die ja doch 
selbst die Versucherin und Verführerin gewesen, durch 
die er in diese schmachvolle Lage geraten war . . . 
Als er fort von ihr war, glaubte er, nun endlich von 
ihr befreit zu sein. Er nahm sich vor, sie nie wieder 
zu sehen, sich ganz rücksichtslos von ihr zu wenden 
und sie dem Schicksal zu überlassen, das sie sich ja im 
Grunde selbst bereitet hatte. Sich selbst aber war er 
schuldig, von einer Beichte abzustehen, die ihn Tissas 
womöglicher Rache auslieferte. Seine Buße sollte sein, 
daß er auf die schöne Sünderin verzichtete. Er fand, 
das sei Buße genug. 
1 Leiden Sie an 
I Sommersprossen 
■ 
S so wenden Sie «ich vertrauensvoll an 
1 Gertrud Hasseihorst Hannover 786 
Schließfach 206.
        
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