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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 3 
Jahtg. 28 
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zu blicken, unter allgemeinem staunenden Schweigen, 
durch die Sonne, die ihr einen durchsichtigen Mantel 
aus Goldgespinnst um die marmorweißen Glieder legte. 
In der Kabine aber warf sie die Hände vors Gesicht. 
Jetzt schämte sie sich nachträglich ihrer ungeheuren 
Kühnheit! 
Als sie nach einer Weile wieder hervorkam, in ihrem 
faltigen Blusenkleidchen und mit den plumpen Schuhen, 
um zu der nichtsahnenden Tante in die Capanna zu 
wandern, sah sie sich von einem Chor lebhafter Be 
wunderer empfangen. Mehrere Dutzend junger und 
älterer Herren gafften sie an, wagten auch Zurufe und 
Beifall, aber keiner bot ihr sein Geleit an, da es so 
viele waren, die einander störten. 
Dina aber ging und hoffte: Bald wird der Graf, oder 
der Marchese, oder der große Künstler oder der reiche 
Kaufmann kommen, der mich gesehen hat — — aber es 
kam nur der kluge Krawattenhändler Emanuele Possi 
in die Campanna und stellte sich der Tante vor.... 
Einen Monat später wurde Dina seine Gattin. 
Und die ganze Herrenwelt Venedigs kaufte bei 
Emanuele Possi die Kragen und Schlipse, denn die 
schöne Dina stand im Laden und bediente die Kunden. 
Und jeder der Kunden zehrte insgeheim von einer Er 
innerung, die ihren Zauber nie verlor 
Die brave Tante Charlotta aber begriff nie, wieso ihre 
reizlose Nichte zu einem Gatten gekommen war. 
Briefe über Liebeskunst 
CURT HOTZEL 
rinnern Sie sich des Erlebnisses, das 
jeder junge Mann gehabt hat, der mit 
einem Mädchen aus bürgerlichen 
Schichten sich Freuden des Liebes- 
genusses verschaffte; — sie macht ihm 
den Vorwurf, sie quasi übervorteilt zu 
haben, indem er sich ihrer Schönheit, 
Anmut, Süßigkeit oder auch Unbe 
rührtheit erfreute . . . Nun verlasse er sie, nun bleibe 
er nicht ihr Anbeter, ihr dienender Liebhaber, ihr 
nährender Gatte . . . 
Antwortet er: Hatten wir nicht beide unser Ver 
gnügen? Blieb ich dir etwas im Genuß schuldig? — 
so wird sie ihn einen Zyniker schelten. 
(Goethe sagt: ohne ein Stück Zyniker sei man kein 
kompletter Mensch . . .) 
Warum, meine Damen, diese ungleiche Rechnung? — 
Wollen Sie zu dem Genuß noch die Verpflichtung des 
andern? — 
Aber ich weiß, Sie sind begierig, „umzulernen“. Sie 
wollen von jenen Göttinnen Watteaus lernen. 
Eine dieser reizvollen und klugen Damen, die Gräfin 
Esparbelle, gesteht ihrem Galan lächelnd: „Ich habe 
Euch sehr gern gehabt, mein Kind. Mein Fehler ist es 
nicht, wenn Ihr dies für eine große Leidenschaft ge 
halten habt und Euch einbildet, daß es ewig so weiter 
gehen würde. Was kann Euch daran liegen, da ich den 
Geschmack an Euch verloren, ob ich eine Neigung.für 
einen andern gefaßt habe oder ob ich ohne Geliebten 
bleibe.“ 
Und weiterhin: „Ihr habt viele Eigenschaften, um den 
Frauen zu gefallen. Zieht Nutzen daraus und seid über 
zeugt, daß der Verlust der einen immer durch die Er 
oberung einer anderen ersetzt werden kann; auf diese 
Weise werdet Ihr glücklich leben und Liebe gewinnen.“ 
Chamfort, einer der geistreichsten Köpfe jener Zeit, 
nennt diese unsentimentale Liebe des Rokoko den 
„Austausch zweier Launen und die Berührung zweier 
Epidermen“. 
Es ist bezeichnend, daß das Wort „Laune“ im bürger 
lichen Zeitalter nur noch im „b Ö s e n“ Sinne verstanden 
und gebraucht wird. Laune als entzückende Arabeske 
des sprühenden Lebensgeistes, als Feuerwerk der Sinne 
— das scheint es mithin nicht mehr zu geben. Jeden 
falls erlaubt es sich niemand mehr . . . 
Das ist es: es erlaubt sich niemand mehr in dem Sinne 
eines „Galant homme“ mit Anmut seiner Lust, die zu 
gleich Bildung und Dienst an der Frau, an der Schönheit 
ist, nachzugehen. Die Liebeslust ist etwas „Unerlaubtes“ 
— weil Geschmackloses — geworden. 
C0II6 läßt in „La verite dans le vin“ Frau Dupuis 
sagen: „Hören Sie, mein Engel, ich weiß sehr wohl, daß 
es wirklich zum festen Brauch der Gesellschaft gehört, 
mit jemand zu leben. Ohne das wird man auf 
fallen. Aber dieser Jemand muß eine gewisse Form 
haben, einen gewissen Rang, einen gewissen Ruf . . .“ 
Wird es deutlich, was diese „Liaisons“ auszeichnete? 
— Form, Rang, Ruf .. . 
Die echte Liebeskunst kann nur in einer aristokratisch 
gestimmten und geordneten Gesellschaft erblühen. Es 
gehört die Zucht der Bildung und Erziehung dazu, der 
freien Liebe ohne Entgleisung ins Triviale zu huldigen. 
Nicht umsonst ist das Parkett so glatt . . . 
Welche Kultur spricht aus den Begegnungen Ca 
sanovas mit Frauen von Bildung. Bezaubernd ist jene 
Schilderung der „gelehrten Theologin“ in Genf. Eine 
Stelle soll hierher gesetzt werden: 
„Indem ich mit der gelehrten Hedwig über die Scham 
haftigkeit diskutierte, versetzte ich mich in paradiesi 
schen Zustand. Sie wollte hinter mir nicht Zurückbleiben 
und bot, selbst entzückt, meinem beglückten Schauen das 
Schauspiel ihrer Schönheit dar. Helene brauchte länger, 
ehe sie sich schüchtern zu uns gesellte. Aber Hedwig 
fand das ermutigende Wort, indem sie mit Clemens 
von Alexandrien sagte, die Schamhaftigkeit habe ihren 
Sitz nur in den Falten des Hemdes . . .“ 
Das übrige möge man selbst nachlesen! (Aber ver 
blättern Sie sich nicht, geschätzte Leserin . . . Casanova 
war nicht schreibfaul . . . und, bei der ewigen Aphro 
dite! er hatte ausreichend aufzuschreiben!) 
Ovidius. alter.
        
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