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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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jahrq. 2S 
9. Fortsetzung 
Auch von diesem bürgerlichen Leben hatte er in der Berg« 
einsamkeit, besonders in der letzten Zeit, da der Ver 
fall seines Gebieters zunahm, geträumt und sich seine 
Pläne gemacht. Ja, er hatte seiner Mutter ausführlich 
darüber geschrieben und ihre beglückte Antwort spornte 
ihn an zur Befestigung seiner Vorsätze. 
Seltsam! Der mütterliche Brief fiel ihm plötzlich 
unvermittelt ein, als er überlegte, was nun zu tun war. 
Ja, — als er seine Feder ergriff, um an den Tiroler Hof 
zu depeschieren, war es ihm, als lege sich eine leichte, 
schmale, etwas runzelige Hand hemmend auf die 
seine . . . 
Die Hand seiner Mutter! 
Bedeutete das eine Warnung? 
War er im Begriff, einer Gefahr entgegenzugehen? 
„Soll ich Tissa in Stich lassen?“ fragte er sich. „Hier 
oben findet sie mich nicht . . .“ 
Aber schon ging er zur Türe . . . Schon verließ er 
das Haus . . . Schon ging — lief — sprang er . . . Wie 
hieß es in einem Liede, das Marion oft sang „Una 
man’ mi trascina . . .“ 
„Eine Hand zieht mich . . .“ Er mußte widerstandslos 
folgen . . . 
Er rannte und sprang. Er hatte keinen Urlaub beim 
Fürsten erbeten, mußte also bald zurück sein. Für 
einen Weg, den er sonst fast in einer Stunde machte, 
brauchte er nur zwanzig Minuten. Hier war nur ein 
kleines Berghotel mit Telephonverbindung. Er rief mit 
zahllosen ,Hallo* den Tiroler Hof in Innsbruck an und 
fragte, ob Miß Brownson eingetroffen sei. Und als 
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Er rannte und sprang. Er hatte keinen Urlaub beim Fürsten erbeten, mußte 
also bald zuruck sein. 
man bejahte, ließ er ihr bestellen, sie möge verweilen. 
Morgen käme der Herr, den sie erwarte! 
Ebenso schnell, wie er den Hinweg gemacht hatte, 
wollte Kenn auch zurückeilen. Da es aber steil bergan 
ging, konnte er doch nicht wieder rennen und springen. 
Er geriet in Atemnot und Schweiß und kam ganz er 
schöpft oben an. 
Und Tissa wartete. 
Sie war zornig gewesen, daß man sie nicht ans 
Telephon gerufen hatte. Empört war sie, daß man ihr 
nicht sagen konnte, woher der Anruf gekommen. 
Fassungslos war sie gestern gewesen, als man ihr nicht 
sagte, wohin die Depesche, die sie gesandt habe, dem 
noch nicht anwesenden Fürsten Vouzso nachgeschickt 
worden sei. Der Hotel-Sekretär blieb dabei, nicht er 
mächtigt zu sein, die Adresse anzugeben. Vor Zorn und 
Scham bebend zog sich Tissa in ihr elegantes Apparte 
ment zurück. Und hier wartete sie, in einen Pelz gehüllt, 
denn der Salon wollte trotz der Heizung nicht warm 
werden. 
Schwere Nebel hingen über der Stadt. Die nahen 
schwarzen Bergwände des Karwendelgebdrges schlossen 
ringsum düster den Ort ein. Schnee drohte. Manchmal 
erhob sich der Wirbelwind und trieb den ewigen grauen 
Kalkstaub dieser Stadt hoch. 
Im Hotel war es still. Hier herrschte die vornehme 
Ruhe eines feudalen Kleinstadthotels, wo Familien mit 
eigener Dienerschaft seßhaft sind und Salonpendülen 
ticken, wie in heimatlichen Räumen. 
Tissa hielt ihre Kamdnuhr an. Das Ticken machte sie 
nervös. Aber sie mußte Ruhe und Gleichmut bewahren 
Entschied nicht oft der erste Moment eines Wieder 
sehens über das ganze weitere Schicksal einer Liebe? 
Sie sah eigentlich nicht gut aus. Man merkte ihr die 
schlaflose Nacht an. Die Marietta hatte auch die Frisur 
nicht so gut gemacht wie Tante Klara. Viel zu viele 
Puffen und Schnörkel. Ob sie’s noch mal umsteoken ließ’ 
Und sah sie wirklich am vorteilhaftesten aus in diesem 
grauen Seidenkleid? Die Ärmel waren so kurz. Lange 
Ärmel wären dezenter. Aber ein schwarzes Kleid war 
zu düster für den Vormittag. Elim Neglige war zu intim 
nach der langen Trennung. — Sollte sie nun kalt und 
gehalten oder zärtlich und vertrauensvoll sein? Sollte 
sie ihre durchlittenen Schmerzen eimgestehen oder I 
Es klopfte. Ihr Herz setzte aus. 
„Still“, rief sie sich zu. „Er ist es ja doch nicht'“ 
Aber ihr Herz flog zur Türe wie eine geängstigte 
zahme Taube. b s 
Ihre Füße, ihre Nerven versagten 
In den schwarzen und feurigen Rädern, die vor ihren 
Augen kreisten, stand der Ersehnte! 
Er kam schnellen, leichten, elastischen Schrittes auf 
sie zu erfaßte und küßte ihre Hand, neigte sein ge 
bräuntes, bartloses Gesicht dem ihren zu, lachte solar 
und fand das improvisierte Zusammentreffen reizend 
und allerliebst. 
Tissa in halber Betäubung — fand diese Ausdrücke 
sonderbar. Reizend — allerliebst — und sie empfand 
alles so gewaltig und überwältigend. 
Sie zitterte in der Erregung, die sich ihres ganzen 
Wesens bemächtigte. Ihr Lächeln war schattenhaft, 
Keins ihrer geplanten vorwurfsvollen Worte fiel ihr ein.
        
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