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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 29 
20 
sehr pikant ausgezogene junge Damen gleichzeitig an- 
trieb. Es war sehenswert, wie mit einem Schlage sieben 
Beine in die Höhe fuhren. Dito Arme. Von weiterem 
will ich, hier schweigen, denn ich gebe kein Brevier für 
Lebeleute heraus. Jedenfalls wurde mir durch Augen 
scheins-Einnahme mit dem Krimstecher klar, wie Frauen 
beschaffen sein können. 
In der Loge, wo ich saß, hatte neben mir ein junger 
Mann Platz genommen. Er ähnelte durchaus dem Herrn 
von Wunsiedel, dessen Bild meine Brusttasche zierte. 
Er sah sanft und träumerisch drein, hatte förmliche 
Topflappen-Ohren und trug einen degenerierten Aus 
druck. Hätte er auch noch die Fliege unterm Kinn ge 
habt, so wäre die Täuschung vollkommen gewesen. 
Aber leider: die Fliege fehlte. 
Wir kamen ein bißchen ins Gespräch. Ich äußerte 
meine rückhaltlose Bewunderung der Hippy-Hoppy- 
Girls. Der Herr klopfte verächtlich eine Zigarette auf 
seiner Tabatiere aus: 
„Bäh“, machte er, “Weiber!“ Dann bot er auch mir 
eine Zigarette an und fuhr fort: „Schon Tertullian 
stimmte rückhaltlos für Abschaffung der Weiber!“ 
Das war mir neu, aber ich konnte es in der Eile nicht 
nachprüfen. Wollte aber nicht ungebildet erscheinen 
und erwiderte drum mit der Miene eines Mannes, der 
mit Tertullian auf dem Duz-Plattfuß steht: ( „Worin ihm 
unter anderm Karl der Dicke beipflichtet!“ 
Ich hatte die Genugtuung, daß in den fettig glänzen 
den Bouillonaugen meines neuen Freundes etwas wie 
Hochachtung glimmerte. Ersichtlich hatte ich seine 
Kenntnisse der klassischen Literatur mit Hilfe des 
dicken Karl geschlagen. Er winkte ab: „Und wenn die 
beiden erst noch diese Tanzmäuse da gekannt hätten!“ 
Er machte eine aus Ekel und Verachtung gemischte 
Kopfbewegung nach der Bühne, wo die Hippy-Hoppy- 
Girls soeben eine fabelhafte Linksbeugung der Rümpfe 
veranstalteten, daß sie den Eindruck eines vom Sturm 
gepeitschten Ährenfeldes machten. Es wirkte ver 
blüffend plastisch, und ich konnte dem herben Urteil 
des Herrn mit den Schlappohren nicht beipflichten. Auf 
meine dahinzielende Bemerkung aber fuhr er hoch und 
sah mich mit einem Giftgas-Blick an. 
„Herr!“ zischte er mich an. „Wenn Sie wüßten, was 
diese Hippy-Hoppy-Damen meiner armen Schwägerin 
angetan haben!“ 
Man soll nie sagen, daß es keinen Zufall gäbe. Er 
existiert vielmehr leibhaftig und führt zu den tollsten 
Resultaten. Der weiberfeindliche Herr neben mir war 
der Bruder des von mir zu vigilierenden Herrn von Wun 
siedel. Sogar der Zwillingsbruder. Sie ähnelten ein 
ander wie ein Üperettenlibretto dem andern, und sie 
waren auch heute noch nur dadurch zu unterscheiden, 
daß der eine eine Fliege unterm Kinn hatte, während 
der andere völlig bartlos war. Außerdem war der mit 
der Fliege verheiratet und hieß Jonathan, der ohne 
Fliege aber war Junggeselle und folgte auf den Namen 
Jasomirgott. 
Das alles berichtete mir der unselige Zwilling. „Und 
was das Schlimmste ist“, schloß er bebend, „mein ent 
arteter Bruder hat sich mit einer von diesen Teufelinnen 
eingelassen! Wir wissen nur nicht ganz genau, mit 
welcher. Deshalb bin ich hergekommen, um die Sache 
zu untersuchen!“ 
Angesichts dieses Zeichens eines edlen Vertrauens 
glaubte ich, mein Geheimnis aufknöpfen zu müssen 
und erzählte dem fieberhaft aufhorchenden Jasomirgott, 
daß ich als Spezialdelegierter des Detektivbüros 
„Scharfe Linse“ den gleichen Auftrag auszuführen hätte. 
„Welch eine Wendung durch Fügung des Schicksals!“ 
zitierte Jasomirgott tief ergriffen und drückte mir warm 
die Hand. ,JDann kann unsre Losung nur sein: getrennt 
marschieren und vereint dreinfahren!“ Er neigte sich 
vertraulich vor und flüsterte; „ Die da, sehen Sie, die 
mit der Himmelfahrtsnase, die dritte von rechts, die 
mit dem Goldeckzahn — ich glaube, die ist’s!“ 
Ich folgte der Richtung und hatte eigentlich gegen den 
Geschmack Jonathans mit der Fliege nichts einzuwen 
den. „Die ist aber sehr hübsch!“ wisperte ich, „und sie 
hat einen so treuen Blick!“ 
_ „Ha! Treu!“ fauchte Jasomirgott. „Eine Basiliske ist 
sie, ich weiß Bescheid! Hören Sie, Sie müssen mir 
helfen. Passen Sie mal auf, wie wir das Ding drehen: 
mein Bruder ist natürlich hier.“ 
„Wo?“ fragte ich und drehte mich um. 
„Natürlich nicht hier im Saal! Aber in Köln, und ich 
bin überzeugt, er wartet nachher auf seine Geliebte. Ich 
werde ihn also abfangen, während Sie sich an das 
Mädchen heranmachen und versuchen müssen, es ihm 
auszuspannen. Wenn mein Bruder von dem Mädel in 
strengster Quarantäne gehalten wird, wird er es wahr 
scheinlich bald vergessen — er ist so flatterhaft, der 
Bube! — und dann ist vielleicht Aussicht, daß ihm 
meine geprüfte Schwägerin noch einmal verzeiht. Wollen 
Sie bei diesem edlen Werke helfen?“ 
„Mit tausend Freuden!“ versprach ich ihm in die 
Hand, denn das Abenteuer nahm eine Linkswendung, 
von der ich mir nichts hatte träumen lassen. Ich würde 
Gelegenheit haben, mit dem entzückenden Girl in Be 
rührung zu kommen, und außerdem tat ich noch ein 
edles Werk der Nächstenliebe. Da fielen mir meine 
geringen Barmittel als Wermutstropfen in den Wein. 
Aber Jasomirgott winkte großzügig mit beiden Händen 
und meinte: „Sie gestatten natürlich, daß das meine 
Sorge ist!“, und er drückte mir eine Banknote in die 
Hand, die meiner Meinung nach für vierzehn Hippy- 
Honpy-Girls gereicht haben würde. Ich hatte, wie ich 
nicht oft genug versichern kann, in diesem Artikel nicht 
die mindeste Erfahrung. 
Jasomirgott von Wunsiedel sagte mir noch, er wohne 
im Domhotel und erwarte meine Berichte. Dann dik 
tierte er mir ein paar Zeilen für das Hippy-Hoppy-Girl, 
daß ich es nach der Vorstellung erwarte und ließ die 
Nachricht durch einen Diener besorgen, dem er die 
Adressatin genau beschrieb. Hierauf erhob er sich und 
nahm Abschied. „Sie begreifen“, murmelte er, „daß 
mich der Anblick dieser Schlangen angewidert hat. Ich 
muß meine Nerven schonen. Morgen erwarte ich Ihren 
Bericht. Seien Sie schlau, vorsichtig und diskret! Denn 
das Weib ist die Wurzel alles Übels “ 
„Sagt Tertullian!“ bemerkte ich lachend, denn ich kam 
langsam in eine verfluchte Stimmung. 
„Wahrscheinlich!“ erwiderte er ernst, verneigte sich 
und ging. Seine Ohren glänzten groß und gelb wie 
indische Punkahs. Auf der Bühne knixten die Hippy- 
Hoppy-Girls eben unisono als Dank für den frenetischen 
Beifall des Publikums. Jasomirgott wandte ihnen den 
Rücken. 
Die Sache klappte brillant. Als ich nach der Vor 
stellung in gehobener Stimmung am Bühneneingang 
wartete, kam mir eine entzückende, junge Dame in 
hinreißender Kleidung entgegen und versah die Atmo 
sphäre auf zehn Meter mit dem Duft von „Jacqueline, 
qui rit“. Ich erfuhr natürlich erst später, daß ihr Parfüm 
so hieß. ^ 
„Kommen Sie rasch, kommen Sie schnell!“ zirpte das 
duftende Mädchen. Der goldene Eckzahn schimmerte 
im Lichte einer Bogenlampe. Sie nahm meinen Arm 
und lief mit mir zu einem Auto, dessen Chauffeur sie 
die Adresse eines vornehmen Weinhauses zurief. 
Im Auto atmete sie auf und sagte; „Hoffentlich hat 
uns niemand gesehen! Er ist ja soo eifersüchtig! Haben 
Sie einen Revolver bei sich?“ 
„Tag und Nacht!“ prahlte ich, obwohl mir die Sache 
wegen dieses Requisits plötzlich unheimlich wurde. 
Außerdem hatte ich nur die Hausschlüssel bei mir. Doch 
wollte ich trüben Reflexionen keinen Raum geben und 
fragte die Schöne, wie sie heiße. 
„.Merry!“ lispelte sie, und ich notierte mir den Namen 
gut im Gedächtnis. Also Merry war es! Gott sei Dank: 
ich war einen großen Schritt weiter auf meinen Spuren.
        
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