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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. ZS 
Ar 29 
16 
Stauffen. Man hat sowas im Gefühl. Wir sind 
unter uns Männern. Da darf ich wohl offen sprechen. 
Rolf. Bitte. 
Stauff en. ... zumal wir beide Freunde der Hilde 
Rosen sind. Ich habe das Empfinden: entweder sie 
spielt mit mir oder mit Ihnen. 
Rolf. Vielleicht mit uns beiden. Übrigens: haben 
Sie irgendwelche Anhaltspunkte für diese Annahme? 
Stauffen. Ja. Sehr interessante sogar. Beant 
worten Sie mir nur die eine Frage: Warum bringt sie uns 
beide hier zusammen? Uns beide, in denen sie doch 
Rivalen um ihre Gunst sehen muß! 
Rolf. Ein Zufall. Was anderes? Und wenn nicht, 
was für einen Zweck sollte sie damit verfolgen? 
Stauffen. Nun sage ich das Wort, das Sie vorhin 
sehr richtig zitierten: Regie, Regie. Ich kann es mir 
denken, ich errate den 'Grund und bin glücklich darüber. 
Aber für Sie ist es freilich weniger schmeichelhaft den 
Grund zu erfahren, unter Umständen sogar trostlos, je 
nachdem sie innerlich zu Hilde Rosen stehen. 
Rolf. Das macht nichts. Des einen Eule ist des 
andern Nachtigall. Sagen Sie mir ruhig, was Sie meinen. 
Ich werde mein Geschick mit Würde zu tragen wissen. 
Stauffen. Es ist ein zu delikates Gebiet, auf das 
wir kommen. Die Grenze, wo die schuldige Diskretion 
der Dame gegenüber der Debatte ein Ziel setzt, ist zu 
eng. Aber schließlich ist es doch in unser beider Inter 
esse gelegen, daß wir Klarheit gewinnen. 
Rolf. Selbstverständlich. Und dann auf meine Ver 
schwiegenheit können Sie zählen, wie ich auf die Ihre 
rechne. 
Stauffen. Gut . . . Also meine Ansicht ist, daß sie 
Sie mit mir zusammengebracht hat, um meine Eifersucht 
anizustaoheln, meine Verehrung zu steigern. 
Rolf. Aha. Ich verstehe. Etwas plump und ver 
braucht wäre ja das Mittel. Und dann: Steht das nicht 
in Widerspruch zu dem, was vorhin Hilde Rosen über 
Liebe und Freundschaft gesagt hat? 
Stauffen. Alles Komödie. Freundschaft nennt sie’s 
und Liebe meint sie. Ich kenne Hilde Rosen. Verlassen 
Sie sich darauf! 
Rolf. Gut. Ich verlasse mich darauf. Um nun mit 
der gleichen Offenheit Ihnen zu erwidern, verehrter 
Herr Baron; Könnte denn nicht auch ich als Freund 
Hilde Rosens zu der Annahme kommen, daß die Künst 
lerin mich mit Ihnen zusammengeführt hat, um mich 
eifersüchtig zu machen, wenn wir schon einen Grund 
dafür suchen, daß sie uns beide hier zusammengebracht 
hat? 
Stauffen (fast mitleidig). Nein, nein . . . also das 
müssen Sie sich aus dem Kopf schlagen. Da weiß ich 
denn doch zu gut, wie ich mit Hilde Rosen stehe. 
Rolf. Wieso? Hatten Sie schon — verzeihen Sie die 
indiskrete Frage, aber Sie zwingen mich, sie zu stellen 
— positive Erfolge? Aber, bitte, ganz offen sprechen, 
ohne falsche Bescheidenheit, aber auch ohne Auf 
schneiderei! 
Stauffen. Erfolge . . . das wäre zuviel gesagt. Aber 
Chancen, die früher oder später zu Erfolgen führen. 
Rolf. Nennen wir es Chancen! Ich mache Ihnen 
einen Vorschlag. Wollen wir mal ehrlich und unge 
schminkt die gegenseitigen Chancen abwägen. Dann 
wird sich zeigen, wie wir beide zu Hilde Rosen stehen. 
Stauffen. Ein kurioses Töurnier. Aber ich akzep 
tiere und beginne. Also ich bin jede Woche — mit der 
einzigen Ausnahme von heute — einmal allein bei 
Hilde Rosen zum Fünf-Uhr-Tee. Es sind herrliche un 
vergeßliche Stunden. Wir plaudern über Kunst, Lite 
ratur, Musik, Theater, Sport, Kleider, Dienstboten, übers 
Essen und kommen auf Umwegen dann auch auf die 
Liebe zu sprechen. 
Rolf. Das ist sehr nett, aber belanglos. Weiter! 
Stauffen. Belanglos nennen Sie das? Nun dann 
hören Sie weiter! Vor acht Tagen hat Hilde Rosen mir 
ihr Bild gewidmet mit der Inschrift; „Meinem lieben 
Freunde Baron Stauffen zur steten Erinnerung.“ Das ist 
doch schon viel, 
Rolf. Gar nichts. Wo sind denn da die Chancen, die 
Sie sich ausrechnen? Eine Künstlerin schenkt ihr Bild 
ihrer Friseuse, ihrem Portier, ihrem Stiefelputzer, ihrem 
Chauffeur, kurz jedem, den sie zufällig kennen lernt. 
Das müssen Sie doch wissen, wenn Sie mit Künstlerinnen 
verkehren. Aber auch hier schlage ich Sie schon um 
mehrere Längen. Ich habe nämlich ein Medaillon von 
Hilde Rosen mit der Inschrift: „Meinem goldigen Gras 
affen.“ Der goldige Grasaffe bin ich. 
Stauffen (springt auf). Ach nee! Das ist nicht 
möglich. 
Rolf. Bitte, hier haben Sie’s schwarz auf weiß. 
Stauffen (liest). „Meinem goldigen Grasaffen“ . . . 
Aber das war ja schon, wie ich aus dem Datum sehe, vor 
zwei Jahren. Heute können Sie ja schon wieder sehr 
offiziell zu der Dame stehen. 
Rolf (lachend). Laß ich alles gelten. Das Töurnier 
kann also seinen Fortgang nehmen. Nennen Sie mir 
weitere Chancen! 
Stauffen. Nun passen Sie gut auf! Jetzt spiel ich 
den höchsten Trumpf aus. 
Rolf. Tun Sie das! Ich werde versuchen zu parieren. 
Stauffen. Abends, wenn die Dämmerung her 
niedersinkt . . . 
Rolf. Jetzt wird’s schon besser . . . Ich errate . . . 
Stauffen. Unterbrechen Sie mich, bitte, nicht. 
Abends, wenn die Dämmerung herniedersinkt . . . 
Rolf. Na, und . . . 
Stauffen. Aber so unterbrechen Sie mich doch 
nicht! Sie bringen mich ja ganz aus der Stimmung! 
Abends, wenn die Dämmerung hernieder sinkt, komme 
ich oft, sehr oft hier herauf. Dann setzen wir 
uns beide an den Kamin, wo leise knisternd das Feuer 
brennt, den Raum mit heimlichem Leben erfüllend, 
spielen Karten, sehen uns in die Augen, ich drücke ihre 
Hände, küsse sie heiß. 
Rolf. Die Hände? 
Stauffen. Ja. Was dachten Sie denn? Kurzum, es 
ist das reizendste Liebesspiel. Es schlägt 9 Uhr, ich bin 
noch da, es schlägt 10 Uhr, ich bin noch da, es schlägt 
11 Uhr, ich bin noch da . . . es schlägt 12 Uhr . . . 
Rolf. Sie sind noch da? 
Stauffen. N ein, ich gehe. 
Rolf. Um 12 Uhr? 
Stauffen. Ja. 
Rolf. Sehen Sie! Dakommeich und — bleibe! 
Stauffen (aufspringend). Mein Herr! Wissen Sie, 
was Sie da sagen? Sie nennen sich einen Freund Hilde 
Rosens und kompromittieren sie in dieser unverant 
wortlichen Weise! 
R o 1 f. Beruhigen Sie sich, verehrter Baron, S i e haben 
diese offene rückhaltlose Aussprache gesucht, nicht i c h. 
Und ich spreche die Wahrheit. 
Stauffen. Können Sie das beweisen? 
Rolf. Nichts leichter als das. (zieht einen Brillant 
ring vom Finger und gibt ihn Stauffen) Lesen Sie, was 
in diesem Ring eingraviert ist. 
Stauffen (liest). Hilde ihrem Rolf zu unserem 
Hochzeitstage. Ja . . . ja . . . dann wäre ja Hilde Rosen 
Ihre Frau. 
Ro 1 f. Wenn Sie nichts dagegen haben ...ja. 
Stauffen. Aber . . . ich bin noch ganz verwirrt . . . 
Sie sagte mir doch immer, daß sie ledig sei. 
Rolf (lachend). Warum nicht. Sie sagten ihr ja das 
gleiche und sind auch verheiratet. 
Stauffen (perplex). Verheiratet . . . das . . . das 
wissen Sie auch. Ich falle aus einer Überraschung in die 
andre. Sie wissen um mein Geheimnis, das ich auf das 
peinlichste gewahrt glaubte? 
Rolf. Nennen Sie diesen alten Trick ein Geheimnis? 
Übrigens, lieber Freund! Als verheirateter Mann macht 
man keine solchen Zicken. 
Stauffen. Darf ich fragen, woher Sie wissen, daß 
ich verheiratet bin?
        
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