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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 29 
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maschine getippt. Und da sich in meinem Hause ein 
derartiger Apparat nicht befindet ” 
„Gar nicht nötig,” erwiderte Auguste überlegen, „der 
Herr hat eine Schreibmaschine bei sich.” 
„Auguste“, sagte ich ernst, „ist das die Wahrheit? 
Sollte es wirklich Menschen geben, die mit einer 
Schreibmaschine unter dem Arm Besuche machen, um 
den Leuten die Mitteilung zu hinterlassen, daß man Sand 
und kleine Steine Kies nennt?“ 
Sie zuckte die Achseln. „Vielleicht hat der Herr 
einen Schreibkrampf.“ 
Ich nickte. „Es ist gut, Auguste, Sie können gehen.“ 
In dieser Nacht habe ich nicht geschlafen. Immer 
stand das Bild eines Mannes vor meinen Augen, der in 
die Häuser der Menschen ging und auf einer Schreib 
maschine rätselhafte Mitteilungen tippte. 
Am anderen Morgen bekam ich einen Brief. Darin 
stand: 
„Das Hütchen ist noch in dem Hüttchen. 
Meine Mutter ist die Tochter meiner Großmutter. 
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und 
den Menschen ein Wohlgefallen. 
Hochachtungsvoll 
Der Herr von gestern.“ 
P. S. Ich werde mir erlauben, heute nachmittag gegen 
vier Uhr bei Ihnen vorzusprechen.“ 
Jetzt war ich überzeugt, daß der Absender dieses 
Briefes komplett irrsinnig war. Der Schlußsatz wies im 
übrigen deutlich auf religiösen Wahnsinn hin. Denn 
welcher vernünftige Mensch würde mir die Mitteilung 
machen, daß das Hütchen noch in dem Hüttchen sei? 
Und diese Belehrung beenden mit den Worten; Ehre 
sei Gott in der Höhe? 
Nun, wir würden ja sehen. Um vier Uhr wollte er 
kommen. 
Und er kam um vier Uhr. Ein ruhiger, hübscher, 
netter junger Mann. Richtig, unter dem Arme hatte er 
seine Schreibmaschine. Bevor ich reden konnte, hatte 
er schon das Wort ergriffen. 
„Mein Herr“, begann er mit höflichem Lächeln, „ich 
habe mir erlaubt, einige Zeilen an Sie zu richten.“ 
„In der Tat“, erwiderte ich, „es war sehr liebens 
würdig von Ihnen. Und darf ich fragen, was der 
Zweck “ 
Er machte eine Verbeugung und nestelte an dem 
Schloß, das den Deckel seiner Schreibmaschine festhielt. 
„Nachdem ich Sie auf diese Weise mit der schönen 
klaren Schrift unserer Diana-Schreibmaschine bekannt 
gemacht habe, möchte ich mir nunmehr erlauben, Sie zu 
einer persönlichen, versuchsweisen Probe auf derselben 
ganz ergebenst einzuladen, damit Sie sich selbst über 
zeugen, daß eine solche Maschine für 250 Mark halb 
geschenkt ist 1“ 
ÜBERGANGSMODEN 
J ie sich in der Natur die Grenzen der 
l \ / Jahreszeiten verwischen, so gibt es auch in 
W der Mode keinen schroffen Übergang vom 
Sommer in den Winter hinein. Die Kollektionen, 
die im Hochsommer erscheinen, interessieren 
eigentlich nur die Fachleute, die Damen weilen zu 
jener Zeit auf dem Lande, im Kurort und wollen 
vorläufig nicht mit Modesorgen behelligt sein. Jetzt 
hat aber die Zeit der Rückkehr für viele geschlagen, 
denn, wenn die Kinder wieder in die Schule 
müssen, reisen auch die Eltern nach Hause. Die 
dem Koffer entnommenen Sommerkleider sind 
nicht mehr zu tragen, es muß in aller Eile ein 
hübsches Übergangskleid, ein Complet, für den 
Herbst angeschafft werden. 
Der Sommer brachte uns eine Orgie der Farben, 
der Herbst beschert uns ruhigere Nuancen, 
weniger gemustertes Material und Samt, haupt 
sächlich Samt. 
Neben dem „uni Genre“ werden wir hier viel 
„Phantasiesamte sehen, wie „velours broche“, 
„velours cisele“. 
Als kleidsamster, als schönster Besatz für Samt 
bleibt Pelz der Favorit der Mode und der eleganten 
Frau. 
Bisam, Opossum, Skunks, Zobel und Fuchs er 
geben breite Kragen, Manschetten und eine breite 
untere Umrandung der glockig ausladenden Klei 
der und Mäntel. Neben Samt werden für Kostüme 
englische Gewebe in schönen freien Mustern ge 
bracht, ebenso die weichen „Kashas“ und „Burafyl- 
stoffe“. 
Der Ottoman hat durchaus noch nicht das letzte 
Wort gesprochen, auch andere Rippengewebe wer 
den viel verarbeitet. 
Charakteristisch zum Herbst ist die Zusammen 
stellung von Wolle und Seide. 
Der Glockensatz hat sich endgültig durchge 
setzt, aber immer noch liegt sein Ansatz unterhalb 
der Taillenlinie, und immer noch sind die Kleider 
sehr kurz. 
Der lange, eng anliegende, aber nach unten viel 
fach reich garnierte Ärmel setzt sich durch, man 
trägt den nackten Arm eigentlich nur noch abends. 
Die Halsausschnitte sind mäßig, vielfach sind die 
Kleider hochgeschlossen. 
Die im Sommer bereits sehr beliebte Spitze wird 
sowohl als Garnierung wie als selbständiges Her 
stellungsmaterial eine große Rolle spielen. Neu sind 
Spitzen mit großem Muster in rötlichen und 
braunen, auch viel in grauen Tönen. Sind sie mit 
Seide zusammengestellt, so harmoniert die Farbe. 
Garniert man ein Wollkleid mit Spitze, so wählt 
man „point de Venise“, „Makrame“, „Guipure“, 
während man an Seidenkleidern mehr Tüllspitzen, 
Malines und dergleichen verarbeitet. 
Allerlei Interessantes haben wir zum Herbst 
auch in der Hutmode zu erwarten. Lange genug hat 
man uns den kleinen Hut aufgedrängt, nun be 
kommen wir Kopfbedeckungen mit mehr Schwung 
und mehr Linie, unter denen sich rückwärts hoch 
gebogene Schuten als besonders kleidsam erweisen. 
Die Toqueform und die Berets feiern ebenfalls eine 
frohe Auferstehung. Marianne.
        
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