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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahtg. 2<S 
Ar. 29 
6 
Die Kleine zauderte. Dann ging sie ganz schnell und 
mit halbgeschlossenen Augen durch die Tür in den 
Garten. 
Der Kies unter ihren Tritten knirschte. Sie hob sich 
auf die Zehen, aber der Garten lag ganz leer. Am Ende 
des geraden Weges rundete sich ein Boskett. Das 
Mädchen ging darauf zu, nun sah sie: hier standen 
Liegestühle mit gelbgestreiften Polstern. Ein starker 
Duft von Rosen umgab sie, er war so kräftig, daß es 
schien, als blühe die ganze Erde. An unzähligen 
Stämmen nickten große, erblühte Rosen, rot und weiße, 
rosige und gelbe mit einem Schein von Röte, wie Blut 
in blassen Wangen. Sie waren, wie alles in dem Garten, 
sauber gepflegt; in ihrer Mitte erhob sich ein großer, 
runder Springbrunnen aus weißem Stein, in dem helles 
klares Wasser rauschte. 
Das Mädchen ging noch immer auf den Zehen. Sie 
lächelte ein abwesendes, entzücktes Lächeln, die Schön 
heit des Gartens benahm ihr den Atem. Immer tiefer 
schritt sie in den Duft, der sie mit Wellen von Süße 
überströmte. Ihre kleine Gestalt tauchte in den Büschen 
unter, die hängenden Zweige der Bäume streiften ihr 
helles Haar, unter dem sich die Wangen vom Fieber des 
Verbotenen röteten. 
Sie ging bis an das Haus am Ende des Parkes. Es war 
eine große, weiße Villa, und die geschlossenen Vorhänge 
bewiesen, daß sie unbewohnt war. Die Tür war doch 
verschlossen? Die Kleine betrachtete sie aufmerksam. 
Aber ohne Mut, die Klinke hinabzudrücken, wandte sie 
sich und lief zurück zu dem Springbrunnen. 
Nun war sie ganz allein in der Tiefe des Gartens, 
Herrscher über das blühende, glühende Land, König in 
der Stille der gestreckten Gänge, und alles gehörte ihr: 
die Rosen und ihr Duft, die Bäume und das Zwitschern 
der Vögel in ihren Ästen, selbst die Liegestühle, prächtig 
und für die Rücken der Reichen bestimmt. Ach, einmal 
war sie ihnen gleich, einmal ging sie über die Wege 
eines Parkes, ruhte in ihren Stühlen, beschattet von ge 
pflegten Bäumen und atmete den Duft feiner, hochge 
züchteter Blumenl Sie straffte sich; durch alle Glieder 
strömte die Lust dieser einzigen Stunde, alle Sehnsucht 
endete an der Stätte eines oft geträumten Traumes, ein 
mal lebte sie ein reiches und glückliches Leben, und dies 
war der Sonntag in einer endlosen Reihe von Werk 
tagen. 
Konnte sie nicht immer so leben? — sie mußte lachen, 
so närrisch erschien ihr der Gedanke. Ihre Finger 
flochten sich ineinander; sie legte sie auf die Brust und 
fühlte ihr Herz darunter wie einen kleinen, lustigen 
Vogel. Dann breitete sie die Arme und blieb so stehen, 
eine kleine, schmale Gestalt im armen, blauen Kleide 
und mit dem Kopf einer feinen, hellen Statue. 
Es war noch immer sehr heiß. Die Wärme drang von 
allen Seiten auf sie ein, schob sich wie der heiße Atem 
eines großen Mundes an ihre Brust und schmolz auf 
ihrem Halse in unzähligen, kleinen Küssen, die feuchte 
Spuren auf der blassen Haut hinterließen. Dabei wurde 
es schon dunkel; Schatten mischten sich in die Helle 
und warfen durchsichtige und blaue Schleier über den 
Park. Von den Spitzen der Bäume fiel langsam das 
Düster auf die Erde; nun roch es betäubend stark nach 
Rosen. 
Das kleine Mädchen ging langsam bis an den Spring 
brunnen. Klar lag das Wasser vor ihr; es lockte, und 
ihre Glieder senkten sich ihm entgegen. Eine Hand 
streckte sie aus und fühlte die Kälte des Wassers wie 
eine berauschende Liebkosung. Sie atmete tief, und 
ohne Überlegung, die Blicke auf der glasklaren Fläche, 
zog sie einen Schuh aus, einen Strumpf, und berührte 
mit der Fußspitze das Wasser. 
Ah, das war schön! Aus der Tiefe ihrer Brust stieg 
eine Reihe kleiner erstickter Seufzer. Sie schloß die 
Augen und saß mit einem Ruck auf der Brüstung. Noch 
einen Blick warf sie um sich. Aber sie war ganz allein, 
und die Dämmerung und das Schweigen des Gartens 
umgaben sie wie ein leichtes Tuch. Da hob sie eine 
Schulter aus dem Kleid. Es fiel zu Boden. Ihre Haut war 
heller als der Stein. Eine kleine Brust hob sich weiß 
aus dem Düster, die Röte des verlöschenden Himmels 
tauchte sie in rosige Glut, sie stand nackt und schmal 
wie in helles Licht zwischen den Bäumen, und ent 
schwand schnell im Wasser. 
Es rauschte ein wenig, dann wurde es still. Sie streckte 
sich aus, den Kopf wie eine große blonde Blüte über der 
Wasserfläche, und ergab sich mit einem leisen, jauch 
zenden Schrei der Wollust dieser kühlen und sanften 
Umarmung. 
Nach einer kurzen Weile streckte sie die Hand aus, 
hob den Kopf und wollte sich erheben. Da wurde sie 
blaß bis in das Schwarze der Augen; ihr Mund blieb 
offen, sie glitt ganz schnell zurück in das Wasser. 
Zwischen den Bäumen stand jemand. Es war ein 
junger Mann in einem grauen, schönen Anzuge, und sie 
sah seine Augen mit einem lächelnden und zugleich 
hingerissenen Ausdruck auf sich gerichtet. Er kam wohl 
aus dem Hause, war ohne Hut, und sie begriff sofort, 
daß er der Besitzer des Gartens war. In ihrer Kehle 
erstickte ein Schrei, ihr Atem verging; sie duckte sich, 
die Hände über der Brust und so voll Scham, daß ihre 
Haut wie Feuer glühte. Indem sprach er, seine Stimme 
klang hell und freundlich. 
„Fräulein“, sagte er, „ist das Wasser nicht zu kalt?“ 
Aus ihren Augen brach sofort ein Strom vdn Tränen. 
Sie warf die Hände vor das Gesicht und weinte be 
sinnungslos und bebend vor Verzweiflung. Und er — 
er kam näher. 
„Nicht!“ schrie sie auf, und sah sein Gesicht groß und 
mit einem geheimnisvollen und betörenden Lächeln in 
die Bläue des Himmels gestellt. Seine Hand streckte 
sich aus, und dies war, als griffe sie schon an ihr Herz. 
Sie wollte schreien, aber sie konnte nur flüstern: 
„Nicht! . , . Nicht!“ 
„Gut“ sagte er, „ich werde mich umdrehen. Aber 
kommen Sie endlich da heraus!“ 
Er drehte sich um, kaum zwei Meter von ihr entfernt. 
Hinter sich hörte er es plätschern, dazwischen das Ge 
räusch erstickten Schluchzens. Da drehte er sich um. 
Sah sie mit nackten Füßen, das Kleid schon umge 
worfen, doch eine Schulter noch leuchtend unter dem 
geöffneten Haar und bebend wie ein zitterndes Wild, 
vor den Rosen stehen. Ihre Blicke begegneten sich, wie 
Lichter aus der Tiefe eines Weges zueinander laufen 
und stürzten zusammen in eine Flamme von scheuem 
Begehren. Sie hob eine Hand, und diese Frauenhand 
blieb wie ein winziges, helles Schild im Dunkel stehen, 
so daß seine Lippen zuerst diese kleine Hand trafen. 
Dann hielt er sie im Arm. 
Sie wehrte sich wie rasend. Ihre aufwärts gerichteten 
Blicke gingen über ihn fort in die dunstige Tiefe des 
Gartens. Da sagte er: 
„Du . . - bist . . . doch ... zu mär gekommen!“ 
„Nein“. Ihr Kopf sank an seine Schulter. Sie ergab 
sich nicht, doch sie ruhte einen Augenblick der 
Schwäche lang in der Grube dieser großen Schulter. 
„Nein . . • ich wollte nur ... in den Garten!“ 
„Ach!“ Er lachte leise. „Der Garten! . . .“ Seine Hand 
faßte ihre Schulter; plötzlich sank der Boden unter ihren 
Füßen, er hob sie auf. Nun schwieg sie, gewiegt vom 
Schlage dieses starken Herzens, und seine Augen wie 
eine riesige Flamme über sich. Ihr Herz erzitterte 
schwach vor dem Sturm, der aus seinen Lippen kam. 
Mit dem hörte sie ihn sprechen. 
„Du kannst doch jeden Tag in den Garten kommen! 
Willst du?“ sagte er mit sanfter und leidenschaftlicher 
Stimme. Und während er sie durch die Rosenstöcke 
und ihren stürmischen Duft in sein Haus trug, schloß 
sie die Augen nicht, sondern blickte mit einem selt 
samen, triumphierenden und traurigen Blick in den 
Garten.
        
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