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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

A r. 29 
Jahrg. 2<S 
4 
Der Sekretär dachte einen Augenblick nach, dann 
zuckte er die Achseln. 
„Telephoniere zur Polizei”, sagte er endlich mit einer 
verdrossenen Handbewegung. 
Der Boy ging und der Sekretär sah weiter den Toten 
an. Es war etwas, das ihn nicht einfach über die Sache 
hinweggleiten ließ. So außergewöhnlich war dieser, 
ohne Laut, ohne jede Pose sich entfernende Mensch, 
der so ordentlich angezogen, schier aus dem Leben 
spazierte, in dem er offenbar nichts mehr zu suchen 
hatte. Er lag, ein wenig auf die Kissen gestützt, wie 
einer, der sich nur einen Augenblick setzt, um sich vor 
einer großen Arbeit etwas auszuruhen. Er hatte nicht 
einmal Zeit, um sich mit einigen flüchtigen Zeilen von 
jemand zu verabschieden, oder er dachte daran und 
schob doch stolz diese konventionelle Form von sich. 
Nein, es war sicher schöner und härter, so wortlos aus 
dem Leben zu gehen, ohne jedes Hutschwenken. Wie 
ein blasierter Herr, der sich gleichmütig in den Reise 
mantel hüllt, bis der Wagen sich mit ihm zu einer 
fernen Station in Bewegung setzt . . . 
Nach einer knappen Viertelstunde erschien der 
Polizeibeamte in Begleitung des Arztes. Sie reichten 
dem Sekretär die Hand, der Doktor ergriff mechanisch 
den bewegungslos erstarrten Puls, schob dann die 
Blumen auf dem Tisch beiseite und begann, das Pro 
tokoll zu schreiben. 
„Name des Toten?“, hob er den Kopf aus den 
Schriften. 
„Thomas Arvai”, sagte der Sekretär, die fremden, un 
gewohnten Worte unsicher kauend. 
„Ausländer?“ fragte der Polizeioffizier. 
„Ungar.“ 
„Und was glauben Sie, Monsieur, der Grund zum 
Selbstmord?“ 
Der Sekretär zuckte die Achseln und bot den Herren 
Zigaretten an. 
Der Tisch war übersät mit weißen Blumen. Weiße 
Tuberosen dampften in den Vasen und weiße Winden 
schlängelten sich zwischen dem Silber. Mr. Thorn saß 
allein und wartete. 
Lilian kam eilig durch die Halle. Vor einem bis zur 
Erde reichenden Spiegel blieb sie einen Moment stehen 
und lächelte auf die ihr entgegenlachende Blonde zu 
rück. Dann ging sie dem Speisesaal zu. 
In der Tür stellte sich der Sekretär ihr entgegen. 
„Mr. Arvai hat sich erschossen“, sagte er leise, ohne 
jede Einleitung. 
Lilian starrte ihn an, und ihre Hand, mit der sie den 
Umhang zusammenhielt, fiel leblos nieder. 
Der Sekretär sah sie nur kalt, beinahe feindselig an. 
Lilian starrte regungslos in diese unbewegten Augen, 
drehte sich plötzlich um und begann die Treppe hinauf 
zulaufen. Der Umhang glitt von ihren Schultern, doch 
griff sie nicht danach und lief nur weiter, den leerhal 
lenden Korridor entlang, zu Nr. 22. 
Legte ihre Hand auf die Klinke, blieb wie ange 
wurzelt stehen und traute sich nicht zu öffnen. Sie hatte 
das Gefühl, daß etwas Grauenhaftes auf sie drin wartet, 
an der Stelle, neben dem Toten, von wo jemand auf 
ewig wegging. 
Sie stand vor der Tür und sah hypnotisiert und 
regungslos die große 22 an. Um sie gähnte schweigend 
der leere Korridor, und sie stand nur benommen und 
zitternd vor Angst. Sie dachte daran, daß sie doch zu 
dem Jungen hineingehen müßte, der für sie starb, hin 
knien neben ihm, seine erloschenen Augen küssen und 
mit leisem, wortlosem Schluchzen von ihm Abschied 
nehmen . . . 
Doch wieder^kam das Grauen über sie, und- ihre 
Hand ließ die Klinke los. Noch eine Minute stand sie 
vor der Tür, sah in die Luft, um einen Sinn, eine 
Lösung zu finden, drehte sich dann um und begann 
mechanisch, langsam, mit unbewußten Schritten zurück 
zugehen. 
Als sie in die Halle kam, stieß sie beinahe mit dem 
Sekretär zusammen. Der Mann heftete einen fragenden 
Blick auf sie, doch Lilian schlug die Augen nieder und 
schlich an ihm vorbei durch die Saaltür. 
Mr. Thorn erwartete sie schon mit nervöser Un 
geduld. Das sehr blonde, schwarzäugige Mädchen 
lächelte ihn an, setzte sich neben ihn und atmete tief 
den Duft der vibrierenden, weißen Tuberosen ein . . . 
(Autoriritere -Übersetzung au» dem Ungarischen von F. Weiß-Budapest."l 
Der feine Garten 
» I^BMäB-8BBSä^S«=* 
DIN AH NELKEN 
as ist der feine Garten!“ sagten die 
Mädchen und blickten über den Zaun, 
über den es blau von Flieder und rot 
von Rosen floß. Düfte kamen von den 
Beeten, und die Luft schmeckte süß wie 
Honig und herb nach Wind und feuchter 
Erde; durch die Zweige brachen Strahlen 
von Sonne wie Pfeile aus der Unermeß- 
lichkeit des Himmels. 
„Nie ist jemand in dem Garten“, flüsterten sie und 
lauschten. Ihre geneigten Köpfe auf schlanken Hälsen, 
ihre zierlichen Gestalten, die Rundungen ihrer jungen 
Wangen, rosa und weiß wie Früchte, ihre kindlichen 
Beine und die kleinen Hände: dies alles war so sanft 
bewegt wie die Stiele der großen Tulpen, von Luft ge 
streichelt und in der Wärme erblüht wie die Blumen. 
Einmal hier hinein! — dachten sie, um die Rondelle 
gehen und über die geharkten Wege bis hinten zu dem 
steinernen Springbrunnen, auf dessen Rand Figuren 
sitzen, — bis zu den langen Stühlen, die immer leer 
sind! — Aber da war der Zaun rundum, und ihre Welt 
endete hier auf der staubigen Straße, zwischen den 
Häusern. Sie gingen vorüber, die Blicke zurückgewandt. 
Zweimal am Tage führte ihr Weg sie an dem Garten 
vorbei. Morgens, wenn sie in die Fabrik gingen, abends, 
wenn sie zurückkehrten. Immer blickten sie hinein, 
und immer lagen die Wege verlassen und von Rotdom 
sanft und schweigend überdacht. 
Einmal ging die Jüngere, die mit dem hellen Haar, 
allein nach Hause. Es war spät geworden und die 
Schatten der Dämmerung fielen. 
Kein Mensch war zu sehen. Die Straße, verödet und 
leer, bog sich endlos in den verdunkelten Himmel. Nur 
aus den Bäumen des Gartens rief ein Vogel mit einem 
klagenden Laut. Das junge Mädchen blieb stehen. Ihre 
Augen, unruhige, begehrliche Augen in einem perl- 
muttfarbenen Oval, spähten über das Gitter. Leise 
legte sie eine Hand auf die Klinke der Tür. Sie atmete 
rasch; ihre Finger wurden heiß. Mit einem Ruck drückte 
sie die Klinke nieder. Sie knarrte, und wirklich: die Tür 
öffnete sich.
        
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