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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 20 
2 
Jemand geht... 
ANDOR GAAL 
wei Frauen saßen in einer Ecke der 
teppichbelegten Hotelhalle und war 
teten, in -die Gobeiinkissen der Lehn 
stühle versunken, auf ihr großes Glück. 
Das Quartett schluchzte eine sehr 
weiche, leise italienische Melodie in die 
Luft, in den Gianaclis-Rauch und Par- 
fum-Duft, doch keiner achtete darauf. 
Neben der einen großen Glasscheibe 
rührte Mr. Thorn, der Argentinier, seinen Tee. Er war 
das Geld. Die zwei Frauen sahen ihn an mit prüfenden, 
etwas müden Augen. 
„Ja, der", meinte die eine und neigte ihren Kopf in 
jene Richtung. 
Die andere, die sehr blonde, schwarzäugige, trommelte 
mit ihren dünnen Fingern auf die Glasplatte des Tisches 
und sah in die Luft. 
„Ja, das wäre schon etwas”, sprach sie nach minuten 
langem Schweigen. 
„Und der kleine Ungar?” fragte die andere. 
Die große, blonde, schwarzäugige Lilian Hope strich 
sich mit einer müden Bewegung über die Stirn und ließ 
dann ihre Hand mit einer kleinen entsagenden Geste 
fallen. 
„Tommy? Schluß. Schön und lieb waren die paar 
Wochen, sie sind mir sogar ans Herz gegangen, viel 
leicht mehr als nötig. Du weißt ja, wie verrückt ich 
war. Zum ersten Mal im Leiben interessierte mich ein 
Mann so. Aber man muß leben, mein Kind, und klug 
sein . . . 
Hauchartig verzog sich ihr Gesicht, schmerzlich, ein 
wenig selbstverachtend. Sie verstummte wieder und sah 
den Argentinier an. Dann begann sie mit einer viel 
festeren Stimme: 
„Schluß . . .” 
Die andere nickte beistimmend. 
„Ja, das ist das Gescheiteste. Ich sagte dir gleich, 
Lilian, daß diese Sache keine Zukunft hat. Ich kenne 
diese Sorte. Berauscht sich an etwas, fliegt von Hause 
fort, kreist, flattert in der Luft, stößt auf jemand, auf 
dich, eine andere, was weiß ich . . . Dann auf einmal 
erstarren seine Schwingen, das Geld natürlich, er geht 
dann nach Hause und träumt von dir . . . 
Lilian Hope sah vor sich hin. 
„Tommy . . .” sprach sie leise, „armer, kleiner 
Vogel . . , armer kleiner trunkener Vogel . . .” 
„Was ist jetzt mit ihm?” frug die andere. 
„Er ist in seinem Zimmer. Packt. Morgen früh reist 
er nach Hause, nach Ungarn.” 
„Habt ihr euch verabschiedet?" 
„Ja.” 
„Hat er geweint?” 
„Nein . . . nicht sehr . . . Du weißt, Männer können 
weinen, daß ihre Augen trocken bleiben und sie die 
Tränen herunterschlucken. Sie ersticken daran für ein 
Leben, aber sie schlucken.” 
„Armer . . .” 
„Ja. Seine Schwingen erstarrten, wie du sagst . . . 
Aber es ist gutes Blut. Stolz. Er bettelte nicht.' Stand 
nur, ruhig, mit zuckendem Mund, an dem das Weinen 
riß und schaute mit erloschenen Augen, wortlos, mir 
nach, als ich langsam von ihm ging. Ich weiß, er biß 
sich auf die Lippen, um mir nicht nachzuschreien. Ich 
sehe schier den hervorquellenden Blutstropfen an 
seinem Mund. Doch er schrie nicht . . .” 
Einen Augenblick verstummte sie, dann wiederholte 
sie, etwas leiser: 
»»• * ° und ich ging von ihm . . .” 
Jetzt schwiegen beide. Die Musik wand sich in ver 
schwommenen Schwadern um säe, wie ein windge 
peitschter Schleier. 
Das dauerte einige Minuten. Dann kam plötzlich ein 
Boy durch die Halle und suchte den Sekretär. Die 
gelangweilten Gäste horchten alle auf, weil in dem Ge 
sicht des dünnen, jungen Burschen ein aufgescheuchter 
Ausdruck war, den er nicht ganz hinter die Maske der 
gut eintrainierten Gleichgültigkeit verstecken konnte. 
Der Sekretär kam herbei. Der Boy sagte ihm etwas, 
worauf er wortlos nickte und die breite Marmortreppe 
hinaufzugehen begann. Sein Gesicht war unbewegt und 
kalt, nur nahm er die Stufen vielleicht etlwas schneller 
als sonst. Der Boy ging ihm bleich nach . . . 
So viel war das Ganze. Das Quartet ging in eine 
neue Weise über und im nächsten Moment sank jeder 
wieder in sein Nichtstun zurück. Mr. Thorn erhob sich 
von seinem Sitz, ging bei dem Tisch der Frauen vorbei 
und streifte Lilian mit einem Blick. Das sehr blonde, 
schwarzäugige Mädchen tat, als ob sie es nicht merkte, 
und sah starr in die Luft bis die Goliathgestalt des Ar 
gentiniers in der Tür verschwand. Dann blickte sie 
die andere Frau an, stand auf, strich an ihrem Kleid 
entlang und ging langsam dem Ausgang zu. 
Mr. Thorn saß schon im Auto, als Lilian aus dem 
Hotel trat. Sie sahen sich einen Augenblick an, das 
Mädchen lächelte, der Mann zog den Hut und öffnete 
die Seitentür des Autos. Lilian stieg ein und der 
Chauffeur kurbelte an. 
Dann verhüllte sie der Staub . . . 
Der Sekretär eilte den Korridor der ersten Etage ent 
lang und öffnete die Tür Nr. 22. 
Das Zimmer, dessen Fenster auf den Park sah, ver 
schwamm schon in Dämmerung, und man konnte die 
Konturen der Gegenstände nur unsicher erkennen. 
Zwei Zimmerkellner standen an dem Bett und sahen 
ratlos auf den bewegungslos liegenden jungen Mann, aus 
dessen Schläfe kaum merkbar ein Blutstreifen sickerte. 
Im Zimmer stand alles in der vollkommensten Ord 
nung, die zwei waisen Koffer langweilten sich auf ihrem 
gewohntem Platz in der Ecke, und auf dem Tisch in 
einer Kristallvase standen noch taufrisch die morgens 
gebrachten Blumen. Der Sekretär zog ein wenig den 
Vorhang vom Fenster zurück, und die scheidende Sonne 
lächelte noch zum letzten Mal hinein und streichelte das 
Gesicht des Toten. 
Es war große Ruhe. Die Kellner zogen sich in die 
Ecke zurück. Der Boy starrte bleich von der Tür her; 
man konnte ihn atmen hören. Der Sekretär stand 
regungslos am Kopfende des Bettes und sah verständ 
nislos den fremden jungen Mann an. 
„Sie können gehen“, nickte er den drei, wortlos war 
tenden Menschen zu. 
Er blieb allein mit dem Toten, zündete sich eine 
Zigarette an und grübelte über den unerwarteten Fall. 
Den jungen Mann kannte er nur flüchtig, einige Male 
sah er ihn mit der sehr blonden, schwarzäugigen Lilian 
beisammen. Er war ein lieber Junge, ging mit stets 
lächelndem Gesicht zwischen den Menschen einher. Nur 
die letzten Tage sah er ein wenig ernst aus. Hatten sie 
sich getrennt? Möglich. Gestern waren sie noch bei 
sammen und heute saß Lilian Hope mit ihrer Freundin 
bei dem Fünf-Uhr-Tee. Vielleicht sollte man sie doch 
hinaufrufen lassen . . . 
Er klingelte und schickte den Boy hinunter. Der 
Junge kam mit dem Bemerken zurück, Miß Hope sei 
schon ausgegangen.
        
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