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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

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Nr. 28 
Jahtg. 28 
Die warme, fast heiße Sonne dieses Oktobertages sollte das Haar trocknen. 
lauernden Fuchs auf dem Schoß, sah er den spaßigen 
Marion, der auf seiner Mandoline Tiroler Ländler pro 
bierte und darüber nachdachte, unter welchem Vor 
wand er seinen Dienst aufkündigen konnte, nur um 
weitere Gehaltszulagen und Trostgelder herauszuzwin- 
gen, — wenn Henn dieses Stückchen Welt dann fand, 
mußte er unwillkürlich ironisch lächeln. Er zählte die 
Wochen bis zum Winter und zählte auch sein Geld, das 
er für sein .fürstliches“ Auftreten beim Wiedersehen 
zusammensparte. 
Elftes Kapitel. 
„Erkältest du dich auch nicht, Kind?“ rief Fräulein 
Klara Kalkbrenner aus ihrem Zimmer hinüber zu Tissa. 
„Nein“, rief Tissa zurück. „Die Sonne ist noch 
wunderschön warm!“ 
Tissa saß auf ihrem Balkon im Hotel Continental. 
Eine Sonne, voll des Duftes von reifendem Wein, von 
Georginen und goldgelbem Herbstlaub umstrahlte sie, 
die dort saß, ihr langes goldenes Haar wie einen aus 
gebreiteten Brokatmantel über Schultern und Rücken. 
Die aromatischen Flüssigkeiten, mit denen Tante Klara 
soeben dieses herrliche Haar gewaschen hatte, um 
dunsteten das Frauenhaupt wie morgenländischer 
Balsam. Die warme, fast heiße Sonne dieses Oktober 
tages sollte das Haar trocknen — und so ähnelte Tissa 
einer venetianischen Kurtisane, die auf dem Dache 
ihres Hauses ihre Schönheit pflegte. 
Tissa sah blaß und angegriffen aus. Sie kränkelte ein 
wenig, litt an Kopfschmerzen und Stichen im Herzen 
infolge der vielen schlaflosen Nächte, die sie gehabt 
hatte. Nur selten ging sie unter Menschen. Außer auf 
ihren täglichen Ausfahrten mit ihrem flinken Gig ließ 
sie sich nicht auf der Promenade sehen. Sie hatte den 
Groom, der sie früher auf ihren Fahrten begleitet hatte, 
jetzt in ihrem ständigen Dienst; ihrem obwaltenden 
Am Strand und in den Bergen %\x lesen! 
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Luxusbedürfnis entsprechend bewohnte sie mit Tante 
Klara die ganze Flucht der elegantesten Zimmer des 
Hotels. Einmal in der Woche hielt sie Teempfang mit 
jener freimütigen Sicherheit der Haltung, die ihr ange 
boren war. Nach Möglichkeit entfaltete sie den Luxus, 
den ihr großer Reichtum ihr erlaubte ... Tante Klara 
aber kannte den Grund dieses neuen Verhaltens. Sie 
begriff, daß Tissa glänzen wollte, um so sich selbst zu 
den Hoffnungen zu berechtigen, die sie noch immer 
hegte . . . 
Es war Tante Klara nicht gelungen, Tissa zu einer 
Ortsveränderung zu bewegen. Tissa hielt den ganzen 
heißen Sommer hier aus und wartete auf die Rückkehr 
eines Menschen, der nach Tante Klaras Meinung das 
Abenteuer mit diesem vertrauensvollen Mädchen 
offenbar längst vergessen hatte. — 
„Und wenn?“ hatte Tissa geantwortet. „Wenn er 
mich vergessen hat? . . . Soll ich deshalb hier fortgehen, 
wo ich lieber bin als anderswo? Hier habe ich wenigstens 
einige Erinnerungen und die sind immerhin etwas wie 
ein Zuhause. Ich habe keine Lust, mich wieder anders 
wo fremd und einsam zu fühlen. Für den Winter gehen 
wir vielleicht nach — nach —“ 
„Nach Italien!“ hatte die Tante eingeworfen. 
Tissa aber wehrte heftig: „Nein, nicht dorthin, wo 
Schönheit quält! Eher nach Berlin, da kann man lernen 
zu vergessen!“ 
Gottlob, noch war es weit bis zum Winter. Tissa 
genoß die Sonne mit allen Gliedern und Sinnen. Sie 
streckte sich aus, lockerte das Haar, breitete die bloßen 
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