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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Nr. 28 
Jahr ff. 28 
31 
mit ihren Dörfchen, Kirchtürmen und Friedhöfen. Es 
war, als liege da unten alles wie auf dem Grunde eines 
durchsichtigen Meeres, um verzaubert zu schlummern. 
Das Gebirge aber war erwacht. Seine Gipfel, Wände, 
Schluchten und Scharten bewegten sich, hoben und 
senkten sich im steten Lichtwechsel und tranken die 
Ströme des Mondlichts mit lechzenden steinernen 
Zungen und Lippen. Täler, die man sonst nie wahrge 
nommen, tauchten inselgleich im Steinmeer auf. Schnee- 
und Wasseradern pulsten glänzend. Phantastische Ge 
bilde traten hervor aus dem Schwarzviolett der 
Schatten. 
„Sieh den Gekreuzigten!“ flüsterte der Fürst und 
deutete hinüber nach der starren Felswand. „Wer trägt 
ihm dort hinauf den verhöhnenden Essigschwamm?“ 
Der Fürst hatte schon mehrfach behauptet, ein Kreuz 
mit dem Heiland zu sehen. Henn erkannte es erst 
in dieser Nacht. Felsrunsen, mit Schnee angefüllt, 
bildeten die Form des schauerlich-heiligen Symbols des 
Christentums. Dort stand es nun etwas schräg aufrecht, 
die gebogene Gestalt mit den gespreiteten Armen, 
kreidig weiß in Höhe und Einsamkeit an einer Wand, 
die noch kein Menschenfuß betreten und wohl kaum 
von einer verstiegenen Gemse berührt ward. 
Wie Kenn aber das anklagende Zeichen betrachtete, 
sah er plötzlich wieder Tissa . . . Sie kniete dort am 
Kreuz, im Mantel ihrer goldenen Haare und weinte als 
Magdalena zu des Erlösers blutenden Füßen. — 
Da sagte der Fürst halblaut, mit der Hand deutend: 
„Dort müßte sie knien — als Magdalena, eingehüllt in 
den Mantel ihrer goldenen Haare, mit denen sie seine 
Wundmale kühlt!“ 
Henn empfand nur einen leichten Schauder, nicht 
mehr jenen heftigen Schrecken wie zur grellen Mittags 
stunde, als der Fürst seine Vision teilte. Er ging einige 
Schritte seitwärts, als könne er damit sein Gedanken 
gespinst von dem des andern losreißen. Die Gemein 
samkeit des Denkens peinigte ihn. Wie er aber so in 
einer Entfernung stand und den Fürsten betrachtete, der 
im silberhellen Mondschein auf einem nackten Felsen 
vorsprung stand, fahl das erhobene Gesicht, den tief 
schwarzen Schatten seiner schlanken Gestalt in 
scharfem Umrisse unter sich, da war es Henn. als sehe 
er sich selbst dort stehen . . . auch ein Einsamer, Ver 
dammter, Schuldiger, mit der Sehnsucht nach barm 
herziger Liebe im Herzen. 
Weshalb aber gedachte der Fürst nicht jener, die in 
Wahrheit um ihn litt? Wai deren drohendes Bild er 
loschen? Sah er immer nur die Blonde mit ihrer locken 
den Gestalt? 
Und Henn wagte nochmals an die andere zu erinnern. 
„Eine leidet auch durch dich, Bruder . . . Denkst du 
nicht daran?“ 
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Da flog ein fast spöttisches Lächeln über Porphyrio 
Vouzsos Züge und leise — den Blick starr in die 
nächtliche Gebirgswelt richtend — begann er: 
„ nun gelangte ich 
dahin, wo vieles Wehgeschrei mein Ohr trifft. 
Verstummt ist alles Licht in diesem Raume, 
der gleich dem sturmbewegten Meere brüllet, 
wenn es die Wind’ im Widerstreit bekämpfen. 
Der höllische Orkan, der nimmer nachläßt, 
erfaßt mit seiner Windsbraut diese Geister, 
wirft qualvoll sie umher, stößt sie zusammen. 
Wenn sie alsdann zum Absturz hingelangt sind, 
so schrein sie laut, wehklagend unter Tränen 
und lästern Gott zugleich und seine Allmacht. 
Und ich erfuhr, es sei’n zu solchen Qualen 
verurteilt, die ih Fleischeslust gesündigt, 
weil die Vernunft dem Trieb sie unterwarfen. 
Und wie zur kalten Zeit ihr Flügclpaar 
die Stare hinführt in gedrängter Menge, 
so führt der Windhauch hier die argen Geister. 
Er jagt sie hin und her, hinauf, hinab 
und keine Hoffnung bietet ihnen Trost 
geringerer Pein, geschweige denn der Ruhe . . 
Die Organisation 
Lebensbund 
ist seit 1914 der vornehme und 
diskrete Weg des Sichfindens. Tau 
sendfache Anerkennungen aus ersten 
und höchsten Kreisen, Keine ge 
werkt. Vermittlung. Hochinteressante 
Bundesschriften gegen 20 Pfg. in 
Briefmarken dch. Verlag G. Bereiter, 
München, Maximilianstrasse 31 und 
Berlin- Friedenau. Cäciliengärten 
Zweigstellen im Auslande. 
rorphyrio Vouzso sprach diese Verse in französischer 
Sprache, leise und visionär. Es war, als singe er im 
Traume, so kamen die Worte und Laute von seinen 
blassen Lippen, während seine Augen in unsagbarer 
Traurigkeit dahin starrten, wo er das Grausige, von dem 
ei sprach, zu erblicken schien. Vielleicht sah er sich 
selbst im eisigen Höllenwinde treiben, von Brudermord 
befleckt, untrennbar vereint dem Weibe, das im Banne 
der Schuld für ewig zu ihm gehörte . . . Und wie er 
so stand, hager, frühgealtert, trostlos traurig, ein Be 
kenner ohne Hoffnung, ohne Verteidigung, glich er 
einer abgeschiedenen Seele, die ihr Leid und ihre Schuld 
stammelt vor dem unsichtbaren Richter der Unendlich 
keiten. 
Henn sah, wie sich das Körperliche im fahlen Lichte 
dieser zauberischen Nacht schier auflöste, wie nur ein 
Geist dastand, unsäglich arm in seiner Not und Trüb 
sal .. . und gleichzeitig sah er daneben sich selbst, sein 
sündenbeladenes Fleisch und seine schamlos verlogene 
Seele . . . 
Und mit Zittern in der Stimme begann Henn endlich, 
von seinem Gewissen erschüttert: „Und die andere? Die 
mit dem goldenen Haar? . . . Soll ich gehen, sie holen?“ 
Der Fürst sah nach dem Schneekreuz hinüber und 
lächelte spöttisch. Er schüttelte den Kopf und sagte: 
„Dort hinauf kommst du nicht . . . Sie muß schon zu dir 
herunterkommen! . . . Frauen müssen immer zum Mann 
herabsteigen!“ 
„Einmal sprachst du anders . . . Einmal verachtetest 
du und schmähtest du die Frauen.“ 
„Tat ich das?“ Er schüttelte wieder den Kopf. „Das 
war gewiß ein Irrtum! Ich kann mich nicht erinnern!“ 
Inzwischen wanderten über ihnen die Sterne. 
Die Julinacht war lange hell. Obwohl der Mond 
schnell hinter dem Gebirge verschwand, gab der volle
        
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