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Full text: Berliner Leben Issue 28.1925

Jahrg. 2S 
Nr. 28 
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Lächelnd flüsterte er geheimnisvoll: „Wenn sie jetzt 
dort käme . . . Mit dem goldenen Schleier . . . Weshalb 
ist sie nicht bei uns? Ich würde ihren Schleier nie be 
rühren, nur noch einmal ihre Stimme möchte ich hören .. 
Rufe sie doch herbei ... Ist sie nicht unsere Schwester? 
Sie steht einsam unter dunklen Bäumen und wartet!“ 
„Was sagst du, Bruder?“ rief Henn, am ganzen Leibe 
kalt überrieselt. Das Gesicht des Fürsten war völlig ent 
geistert, seine bleichen steifen Lippen bewegten sich 
schwer. 
„Ich sehe sie!“ stammelte er, immer mit den Blicken 
unten im sonnig blühenden Tai. „Ganz dort hinten 
■kömmt sie . . . Und sie ruft nach dir! Hörst du nicht?“ 
Henn fühlte eine Blutwelle in seinem Hirn. Und eine 
DITA DELLA SORTE 
Berlin W10, Friedrich-Wilhelm-Str.il I 
Sprechst.: vorm. 11*1, nachm, 4=6 l /2 Uhr 
Sonnabend u, Sonntag nur vormittags., 
Charakter^ und Schicksalsdeutung. 
Verblüffende Resultate! 
andere schlug so heftig in seinem Herzen hoch, daß er 
den Ruck durch den ganzen Körper spürte. 
„Du denkst an sie?“ fragte er fast hämisch. „Und irrst 
du dich nicht? Ruft da nicht eine andere — und zwar 
nach dir?“ 
„Welche andere?“ fragte der Fürst erstaunt. „Es gibt 
nur diese eine auf Erden — die mit dem goldenen 
Schleier und dem goldenen Haar . . . Die Königin des 
Lebens!“ 
Henn war so erschrocken, daß er wie von Furcht ge 
packt aufsprang. Sprach man da nicht seine Gedanken 
aus. Waren sie übergegangen in das Bewußtsein des 
anderen? 
„Ich sah sie soeben auch“, stieß er hervor, und wich 
so weit zurück, bis er an die nah aufragende Felswand 
anrannte. Der nahe Wasserfall, von oben her nur wie 
ein Silberfaden am Fels herabkriechend, stürzte sich 
neben ihm feindselig zischend zum Geröllbett nieder. 
Unten toste und gurgelte und weinte er, nun verdammt 
zu sein, in dieser finsteren Tiefe zu sterben. Ein Raub 
vogel fiebste in der Höhe. Etwas Urweltlicbes sprach 
rauh zu Henns erweckter Seele . . . 
Aber wann ließ ein Mensch sich seine Seele wider 
spruchslos erwecken? Erheben sich da nicht tausend 
Gegner in der dunklen Brust und im dunkel ver 
worrenen Hirn? Wie selten ist ein Geist willig zu er 
kennen, wie selten ein Herz bereit, seine Bosheit ein 
zusehen?. 
Auch in Henns Brust erwachte der Kampf. Nein — 
nein — auf seiner Seite war keine Schuld und keine 
Pflicht. Sie war ihm entgegengekommen, hatte ihn bei 
nah verführt, und trug den Schleier der Tugend vielleicht 
nur als Maske. Sie wäre sein Verderb, wie er schon 
durch sie zum Betrüger geworden . . . Fort mit ihr . . . 
Hatte er nach dem Teufel gerufen, der die Mittags 
gespenster vertreiben sollte? Fast schien es so. Denn 
oben auf einer Felsenklippe erschien plötzlich eine 
merkwürdige Gestalt. Als dunkle Silhouette hob sie sich 
grotesk am hellen Mittagshimmel ab. Eine ellenlange 
Fasanenfeder stach in die Luft; die Gabelung dürrer 
nackter Beine trug einen Oberkörper in kurzer Joppe. 
Es war jedoch kein Spuk, sondern nur Marion in seiner 
alpinen Kleidung, in der er halb wie ein Abruzzenräuber, 
halb wie ein alter Savoyardenknabe aussah. — Er 
läutete eine große Kuhglocke, die er in der Hand hielt 
und rief zu Tische: „Con permesso, Signori! Pranzo e 
pronto!“ 
Das Schlößchen hatte seine Geschichte. Es war von 
einem großen, geistig auch kultivierten Herrn für seine 
Geliebte erbaut worden. Hier sollte sie ihre erkrankte 
Lunge aushusten. Allein eines Tages war sie spurlos 
verschwunden. Ein durchreisender Engländer hatte die 
schadhafte Nipsfigur entführt. 
Das Gebäude war nur in wenige aber luftiggroße 
Räume gegliedert und besaß besonders schöne Altane, 
die den Blick weit hinausschweifen ließen, über das 
grüne Inntal hinweg nach Italien zu. 
Die Räume waren einfach aber zweckmäßig einge 
richtet. Der Speisesaal, licht mit den handgeschnitzten 
Zirbelholzmöbeln, dem großen Kruzifix unter welken 
Alpenrosenbüscheln, den Zinntellern und einer alten, 
. . . oben auf einer Felsenklippe erschien plötzlich eine merkwürdige Gestalt 
mühsam pendelnden Uhr, befand sich im Erdgeschoß 
und hatte einen Ausgang nach einer Art terrassen 
förmigen Gartenanlage, die aber jetzt, vollständig ver 
wildert und verwucbert, nur einer blumigen Waldstufe 
glich. Hier auf dieser Stufe, von spärlichen Hecken 
rosen, Wacholderbüschen, kleinen verwachsenen 
Kiefern und hoben Glockenblumen umgeben, pflegte 
der Fürst seine Mittagsruhe zu halten und auch heute 
begab er sich nach dem Mittagsmahl hierher, wo Marion 
ihn sorglich in einen Liegestuhl bettete und ihm die 
Zigarette anzündete. Henn verbrachte diese Stunde 
lieber in seinem kühlen Zimmer, heute litt es ihn aber 
nicht dort. Der Mittagsspuk quälte ihn noch. Immer 
noch glaubte er Tissa zu sehen und wachsende, Sehn 
sucht trieb ihn an, sich in der Phantasie ihr Bild mehr 
und mehr zu gestalten. _ 
Bald war ihm, als sei sie ihm gegenwärtig. Er fühlte 
ihre weiche duftende Hand, er spürte ihren Atem, ihre 
Küsse. Darüber verlor er ihren Klageruf. Sein Blut 
wachte auf. Stundenlang stieg er im Gestein umher, 
ohne Ruhe zu finden. 
Die Nächte waren sehr kühl. Häufig gingen hagel- 
scharfe Gewitterregen nieder und hüllten Gebirge und 
Täler in jene lastende graue Nässe, die den Atem be 
hindert und Schwermut erzeugt. Selten noch ließen sich 
die Gestirne sehen. Fast immer trieben die Wolken, 
heller oder dunkler, oft mit den Formen gigantischer 
Tiere, die einander täppisch verfolgten und mit zotteligen 
Pranken zu erhaschen versuchten. Abends und morgens 
hatten sie goldene Häupter und ihre wogenden Vliese 
säumten sich mit Konturen von stechendem Glanze. 
Die Nacht aber, ,die jenen Tag ablöste, hatte Mond- 
und Sternenschein. In silbrigem Glanze ruhte die Tiefe
        
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